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Kleptomanie, keine Leidenschaft ist wie die

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 10. Juni 2020
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 10. Apr.


Die Psychodynamik der Kleptomanie: Zwischen Trieb und Trauma

Die Kleptomanie, im ICD-10 unter den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (F63.1) als abnorme Gewohnheit mit Impulskontrollverlust klassifiziert, stellt weit mehr dar als bloßen Ladendiebstahl. Während der gewöhnliche Diebstahl durch materiellen Gewinn motiviert ist, entspringt die Kleptomanie einer inneren Notwendigkeit, die sich dem rationalen Zugriff entzieht. Es ist eine Tat ohne ökonomisches Ziel, oft gerichtet auf Gegenstände von geringem materiellem Wert, die jedoch eine immense symbolische Bedeutung für das Individuum besitzen.

Die diagnostische Hürde: Ein Paradoxon der Justiz

Interessanterweise existiert in der klinischen Praxis oft eine hohe Schwelle für die Diagnosestellung. Dass oft erst eine signifikante Anzahl an Delikten – in der Diskussion stehen häufig Zahlen wie 20 oder mehr Vorfälle – vorliegen muss, bevor eine psychiatrische Begutachtung die Kleptomanie als schuldmindernde Diagnose akzeptiert, verdeutlicht die Skepsis der Justiz. Man befürchtet die Pathologisierung von Kriminalität. Doch klinisch gesehen ist die Quantifizierung der Zwanghaftigkeit, etwa durch den Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale (Y-BOCS), entscheidend, um den qualitativen Unterschied zwischen Gier und pathologischem Drang zu markieren.

Das Erbe Freuds: Die ödipale Deutung

Obwohl die klassische Psychoanalyse in der modernen klinischen Versorgungslandschaft oft wie ein „Mauerblümchen“ wirkt und durch evidenzbasierte Verfahren wie die Verhaltenstherapie ergänzt wurde, bietet sie für das Verständnis der Kleptomanie weiterhin tiefsinnige Erklärungsmodelle.

Nach Sigmund Freud lässt sich die Kleptomanie als Störung in der ödipalen Phase der kindlichen Entwicklung deuten. In diesem Kontext wird das Stehlen als ein symbolischer Akt interpretiert:

  • Symbolischer Ersatz: Der entwendete Gegenstand fungiert als Ersatz für etwas Unverfügbares (oft die Liebe oder Aufmerksamkeit eines Elternteils).

  • Macht und Triumph: Der Akt des Entwendens stellt einen unbewussten Sieg über eine Autoritätsfigur dar, ein Ausbruch aus der Ohnmacht der Kindheit.

  • Fetischcharakter: Wie bereits richtig angemerkt, nehmen die Gegenstände oft einen Fetischcharakter an. Sie dienen der kurzfristigen Spannungsregulation und der Abwehr von Angst, ähnlich wie bei den von mir erwähnten Raumängsten (Agoraphobie).

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Moderne psychodynamische Erweiterungen

Über die rein ödipale Deutung hinaus versteht die moderne Psychodynamik die Kleptomanie heute oft als „Call for Shelter“ oder als Schrei nach Zuwendung. Der Betroffene generiert durch die Tat – und paradoxerweise auch durch das Erwischt-werden – eine Form von Aufmerksamkeit, die ihm auf emotionaler Ebene fehlt.

Weitere psychodynamische Dimensionen umfassen:

  1. Sexuelle Ersatzhandlung: Die Anspannung vor der Tat und die Entspannung danach ähneln einem sexuellen Spannungsbogen, was besonders in der frühen psychoanalytischen Literatur betont wurde.

  2. Affektregulation: Das Stehlen dient als Ventil für psychosozialen Stress. In Momenten innerer Leere oder Depressivität verschafft der „Kick“ des Verbotenen ein kurzes Gefühl von Lebendigkeit.

  3. Wiedergutmachung: Unbewusst kann das Stehlen der Versuch sein, sich eine vermeintliche Ungerechtigkeit des Lebens eigenhändig „zurückzuholen“.

Fazit: Integration der Behandlungsansätze

Trotz der Kritik an der Psychoanalyse als „Ideologie“ bleibt ihre Metamorphose in der heutigen Tiefenpsychologie für das Verständnis der Kleptomanie unerlässlich. Eine rein medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva (SSRI), wie sie bei Angst- und Zwangsstörungen üblich ist, kann zwar die Impulsspitzen glätten, doch erst die Aufarbeitung der dahinterliegenden Dynamik – die Suche nach dem, was „wirklich fehlt“ – verspricht langfristige Heilung. Kleptomanie ist somit nicht bloß ein Defekt der Impulskontrolle, sondern eine komplexe Inszenierung innerer Konflikte auf der Bühne des Alltags.

Ein kleiner Hinweis zur Ergänzung: In der aktuellen medizinischen Leitlinienarbeit ist eine feste Zahl von 20 oder 23 Diebstählen für die Diagnose nicht starr festgeschrieben, jedoch verlangen Gutachter in Deutschland tatsächlich eine dokumentierte Chronizität, um eine "tiefgreifende Bewusstseinsstörung" oder einen "Zwang" juristisch glaubhaft zu machen.

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Martin Döhring
Martin Döhring
02. Nov. 2024


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