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Rumpelstilzchen - Überwindung eines Konflikts

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 4 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Die psychoanalytische Deutung von Rumpelstilzchen gehört zu den faszinierendsten Märcheninterpretationen, weil das Märchen von Geburt, Sexualität, Schuld, Macht und Identität handelt.

Das Märchen stammt aus der Sammlung Kinder- und Hausmärchen und erzählt oberflächlich die Geschichte einer Müllerstochter, die Stroh zu Gold spinnen soll, ihr erstes Kind verspricht und schließlich den Namen des geheimnisvollen Helfers erraten muss.

Psychoanalytisch betrachtet geht es jedoch um weit mehr als Gold und Zauberei.

1 Die Müllerstochter als junge Frau

Die Müllerstochter steht symbolisch an der Schwelle zum Erwachsensein.

Sie wird vom Vater an den König ausgeliefert.

Psychoanalytisch kann dies als Bild für den Übergang aus der Kindheit in die Welt der Erwachsenen gelesen werden:

  • Der Vater „verkauft" die Tochter.

  • Der König fordert Leistung.

  • Die junge Frau gerät unter enormen Druck.

Die eigene Persönlichkeit spielt zunächst kaum eine Rolle.

Sie wird Objekt fremder Wünsche.

2 Das Spinnen von Stroh zu Gold

Gold ist in der Symbolsprache vieler Märchen ein Bild für Wert, Fruchtbarkeit und schöpferische Kraft.

Die junge Frau soll etwas Unmögliches hervorbringen.

Freudianisch könnte dies als Symbol weiblicher Produktivität verstanden werden:

  • Frauwerden,

  • Sexualität,

  • Mutterschaft,

  • schöpferische Kraft.

Die Forderung des Königs lautet sinnbildlich:

„Beweise deinen Wert."

Damit erscheint das Goldspinnen als Symbol einer überfordernden gesellschaftlichen Erwartung.

3 Rumpelstilzchen als Schattenfigur

Die interessanteste Figur ist natürlich Rumpelstilzchen selbst.

In der Tiefenpsychologie wird es oft als abgespaltener Teil der Psyche verstanden.

Es verkörpert Eigenschaften, die verdrängt werden:

  • Triebhaftigkeit,

  • Gier,

  • Machtwünsche,

  • unbewusste Kreativität,

  • archaische Instinkte.

Es erledigt genau das, was das bewusste Ich nicht leisten kann.

Rumpelstilzchen könnte man daher als eine Art personifiziertes Unbewusstes betrachten.

4 Das Kind als Symbol

Am Ende fordert Rumpelstilzchen das erste Kind.

Freudianisch ist das äußerst bedeutsam.

Das Kind symbolisiert:

  • die Frucht der Reifung,

  • die eigene Zukunft,

  • das Ergebnis der weiblichen Entwicklung.

Was zunächst als hilfreiche Lösung erschien, verlangt nun seinen Preis.

Die verdrängten Kräfte des Unbewussten fordern ihren Anteil.

5 Warum ist der Name so wichtig?

Der entscheidende Wendepunkt ist die Entdeckung des Namens.

In der Psychoanalyse bedeutet Benennen häufig:

Bewusstmachen.

Solange Rumpelstilzchen namenlos bleibt, besitzt es Macht.

Sobald sein Name bekannt wird, verliert es diese.

Dies erinnert stark an Freuds Grundidee:

Das Unbewusste verliert einen Teil seiner Macht, wenn es bewusst erkannt wird.

Der Name steht daher für Selbsterkenntnis.

Die Heldin gewinnt nicht durch Gewalt, sondern durch Einsicht.

6 Das Zerreißen der Figur

Am Ende zerreißt sich Rumpelstilzchen selbst.

Psychoanalytisch könnte dies bedeuten:

  • Die abgespaltene Konfliktfigur verliert ihre Funktion.

  • Das Verdrängte wird integriert oder entmachtet.

  • Die Spaltung der Persönlichkeit wird aufgehoben.

Der innere Dämon verschwindet, weil er erkannt wurde.

7 Freudianische Kurzfassung

Aus klassisch psychoanalytischer Sicht könnte man das Märchen so zusammenfassen:

  • Die Müllerstochter steht für das junge Ich.

  • Der König verkörpert gesellschaftliche Forderungen und Leistungsdruck.

  • Das Gold symbolisiert Wert, Reife und Fruchtbarkeit.

  • Rumpelstilzchen verkörpert verdrängte unbewusste Kräfte.

  • Das Kind symbolisiert die Frucht der psychischen Entwicklung.

  • Der Name steht für Bewusstwerdung.

  • Die Auflösung Rumpelstilzchens symbolisiert die Überwindung eines unbewussten Konflikts.

Damit wäre Rumpelstilzchen aus freudianischer Sicht letztlich kein Märchen über Zauberei, sondern eine Geschichte darüber, wie ein Mensch die Macht seiner unbewussten Ängste und Triebe verliert, indem er sie erkennt und beim Namen nennt.


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