top of page
  • Google+ Social Icon
  • Twitter Social Icon
  • LinkedIn Social Icon
  • Facebook Social Icon

die Kraniche des Ibykus

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 2. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Jan.


Friedrich Schillers Ballade "Die Kraniche des Ibykus" im vollen Wortlaut:

Die Kraniche des Ibykus


Zum Kampf der Wagen und Gesänge,

Der auf Korinthus' Landesenge

Der Griechen Stämme froh vereint,

Zog Ibykus, der Götterfreund.

Ihm schenkte des Gesanges Gabe,

Der Lieder süßen Mund Apoll;


So wandert' er, an leichtem Stabe,

Aus Rhegium, des Gottes voll. Schon winkt auf hohem Bergesrücken Akrokorinth des Wand'rers Blicken, Und in Poseidons Fichtenhain

Tritt er mit frommem Schauder ein. Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme Von Kranichen begleiten ihn, Die fernhin nach des Südens Wärme

In graulichtem Geschwader ziehn.

"Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen,

Die mir zur See Begleiter waren! Zum guten Zeichen nehm' ich euch, Mein Los, es ist dem euren gleich: Von fern her kommen wir gezogen

Und flehen um ein wirtlich Dach. Sei uns der Gastliche gewogen, Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!"

Und munter fördert er die Schritte

Und sieht sich in des Waldes Mitte;

Da sperren, auf gedrängtem Steg,

Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.

Zum Kampfe muß er sich bereiten,

Doch bald ermattet sinkt die Hand, Sie hat der Leier zarte Saiten, Doch nie des Bogens Kraft gespannt. Er ruft die Menschen an, die Götter,

Sein Flehen dringt zu keinem Retter;

Wie weit er auch die Stimme schickt,

Nichts Lebendes wird hier erblickt.

"So muß ich hier verlassen sterben,

Auf fremdem Boden, unbeweint,

Durch böser Buben Hand verderben, Wo auch kein Rächer mir erscheint!"

Und schwer getroffen sinkt er nieder, Da rauscht der Kraniche Gefieder;

Er hört, schon kann er nicht mehr sehn, Die nahen Stimmen furchtbar krähn.

"Von euch, ihr Kraniche dort oben, Wenn keine andre Stimme spricht,

Sei meines Mordes Klag' erhoben!"

Er ruft es, und sein Auge bricht. Der nackte Leichnam wird gefunden,

Und bald, obgleich entstellt von Wunden, Erkennt der Gastfreund in Korinth

Die Züge, die ihm teuer sind. "Und muß ich so dich wiederfinden,

Und hoffte mit der Fichte Kranz

Des Sängers Schläfe zu umwinden,

Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!"

Und jammernd hören's alle Gäste,

Versammelt bei Poseidons Feste, Ganz Griechenland ergreift der Schmerz, Verloren hat ihn jedes Herz; Und stürmend drängt sich zum Prytanen

Das Volk, es fordert seine Wut, Zu rächen des Erschlagnen Manen, Zu sühnen mit des Mörders Blut. Doch wo die Spur, die aus der Menge, Der Völker flutendem Gedränge, Gelocket von der Spiele Pracht, Den schwarzen Täter kenntlich macht? Sind's Räuber, die ihn feig erschlagen? Tat's neidisch ein verborgner Feind? Nur Helios vermag's zu sagen, Der alles Irdische bescheint. Er geht vielleicht mit frechem Schritte Jetzt eben durch der Griechen Mitte, Und während ihn die Rache sucht,

Genießt er seines Frevels Frucht;

Auf ihres eignen Tempels Schwelle

Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt

Sich dreist in jene Menschenwelle, Die dort sich zum Theater drängt. Denn Bank an Bank gedränget sitzen, Es brechen fast der Bühne Stützen,

Herbeigeströmt von fern und nah, Der Griechen Völkerschaften da;

Und wie des Meeres Woge brauset

Von Menschen draußen wild bewegt, In weiter wogendem Geräuset

Das Heiligtum des Zeus umschlägt.

Wer zählt die Völker, nennt die Namen, Die gastlich hier zusammenkamen?

Von Theseus' Stadt, von Aulis' Strand,

Von Phocis, vom Spartanerland,

Von Asiens entlegner Küste, Von allen Inseln kamen sie

Und horchen von dem Schaugerüste

Des Chores grauser Melodie,

Der, streng und ernst, nach alter Sitte, Mit langsam abgemessnem Schritte, Hervortritt aus dem Hintergrund, Umwandelt den bekranzten Rund. So schreiten keine ird'schen Weiber, Die zeugete kein sterblich Haus! Es steigt das Riesenmaß der Leiber Hoch über menschliches hinaus. Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden, Sie schwingen in entfleischten Händen Der Fackel düsterrote Glut, In ihren Wangen fließt kein Blut; Und wo die Haare lieblich flattern, Um Menschenstirnen freundlich wehn, Da sieht man Schlangen hier und Nattern

Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.

Und schauerlich gedreht im Kreise

Beginnen sie des Hymnus Weise, Der durch das Herz zerreißend dringt, Die Bande um den Sünder schlingt. Besinnungraubend, herzbetörend

Schallt der Erinnyen Gesang, Er schallt, des Hörers Mark verzehrend, Und duldet nicht der Leier Klang: "Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle Bewahrt die kindlich reine Seele! Ihm dürfen wir nicht rächend nahn, Er wandelt frei des Lebens Bahn. Doch wehe, wehe, wer verstohlen

Des Mordes schwere Tat vollbracht!

Wir heften uns an seine Sohlen,

Das furchtbare Geschlecht der Nacht. ""Und glaubt er fliehend zu entspringen ,Geflügelt sind wir da, zu zwingen, Ihm schütten wir des Lebens Glas, Und treiben ihn vor unserm Haß. So jagen wir ihn, ohn' Ermatten, Versöhnen kann uns keine Reu', Ihn fort und fort bis zu den Schatten,

Und geben ihn auch dort nicht frei.

"So singend, tanzen sie den Reigen, Und Stille wie des Todes Schweigen

Liegt überm ganzen Hause schwer, Als ob die Gottheit nahe wär'.

Und feierlich, nach alter Sitte, Umwandeln sie den bekranzten Rund

Und schütteln aus der Qualermitte

Die glüh'nden Funken auf den Grund.

Und langsam, wie sie angefangen, Entfernen sie mit Grabesgesang,

Und jedes Herzens Klang verstummt

Im bangen, schauerlichen Drang.

Da, plötzlich, aus der höchsten Reihe

Schallt eine Stimme, furchtbar hell:

"Sich auf, sich auf, du Theodöre!

Auch Ibykus wird nicht gefehlt!"

Und mitten in der Feier Stille

Ruft eine Stimme, ruft's dem Gotte:

"Ergreife, sieh da, sieh da, Zeus, Den Kranich! Räche Ibykus!"

Der Ruf erwacht, erschüttert tönet

Er durch der Hörer ganze Rund, Die Blicke stürzen all' erschreckt

Vom Himmel auf den Erdegrund. Und wie sie fragen, sich ersehen,

Da kanns der Mund dem Munde flüstern: "Sieh da! Sieh da, Timotheus,

Die Kraniche des Ibykus!" Und schnell von Hand zu Hand geflüstert,

Gelangt es durch den weiten Raum:

"Sei uns ein Zeichen hier gegeben!Wir nehmen ihn im Glauben an."

"Ergreift ihn, der den Mord begangen, Der vor uns allen hier steht!"

Und der es spricht, kann es nicht hindern,

Der Mörder selbst hat es genannt. Man reißt und schleppt sie vor den Richter,

Die Szene wird zum Tribunal,

Und es gestehn die Bösewichter,

Getroffen von der Rache Strahl.


---Hintergrund: Die Ballade (1797) basiert auf einer antiken Legende über den Dichter Ibykos (6. Jh. v. Chr.). Schiller verbindet hier das Motiv der göttlichen Rache (die Kraniche als Boten der Gerechtigkeit) mit der griechischen Theaterkultur und dem Chor der Erinnyen (Rachegöttinnen). Die Ballade ist ein Meisterwerk der deutschen Klassik und behandelt Themen wie Schuld, Sühne und die Allwissenheit der Götter.

1 Kommentar


Martin Döhring
Martin Döhring
16. Jan.

Schillers Ballade „Die Kraniche des Ibykus“ ist eine dramatische Erzählung über Schuld, Gerechtigkeit und die Macht des Schicksals – und sie entfaltet diese Themen in einer Form, die über das bloße Erzählen hinausgeht: als moralische Allegorie und poetisches Gericht Friedrich Schiller Archiv  mein-lernen.at.

🧭 Kernaussage und Botschaft

  • Göttliche Gerechtigkeit: Auch wenn ein Verbrechen im Verborgenen geschieht, bleibt es nicht ungesühnt. Die Kraniche, stumme Zeugen des Mordes, werden zum Symbol einer höheren Ordnung, die Schuld ans Licht bringt.

  • Die Macht der Dichtung: Der Dichter Ibykus stirbt, aber sein Ruf nach Gerechtigkeit lebt weiter – durch die Kraniche, durch die Erinnerung, durch das Theater. Schiller zeigt, dass Poesie nicht nur schön, sondern wirksam ist.

  • Schicksal und Wahrheit: Die Mörder verraten sich selbst, als sie…

Gefällt mir
SIGN UP AND STAY UPDATED!
  • Grey Google+ Icon
  • Grey Twitter Icon
  • Grey LinkedIn Icon
  • Grey Facebook Icon

© 2023 by Talking Business.  Proudly created with Wix.com Martin Döhring Engelstrasse 37 in D-55124 Mainz

bottom of page