Wolfsmilch - die Zeit beschwört den raunenden Imperfekt
- Martin Döhring

- vor 3 Tagen
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Martin

, der anthropomorphe Wolf, verließ Deutschland in einer Nacht ohne Abschied. Keine Presse, keine Familie Döhring, kein Jagdschloss im Taunus. Nur der Wind, der durch die kahlen Bäume fuhr, und der letzte Rauch aus dem Kamin, der sich auflöste wie eine falsche Gewissheit.
Die Rauhnächte hatten zu ihm gesprochen. Nicht in Bildern, sondern in Gewissheiten.
Er hatte geträumt von Städten aus Glas, von Menschen mit müden Augen und von Händen, die nichts mehr hielten außer kleinen, leuchtenden Geräten. Und immer wieder war derselbe Satz gefallen, alt wie Moos auf Stein:
Der Wolf heilt den Menschen.
Ein niedersächsisches Sprichwort, das Martin seit Kindertagen kannte. Lange hatte er es für eine Metapher gehalten. Jetzt wusste er: Es war ein Auftrag.
Exil am Mittelmeer
Martin ging nach Süden, dorthin, wo das Licht weicher ist und die Zeit langsamer vergeht. An der Mittelmeerküste, zwischen Pinienhainen und alten Olivenbäumen, fand er ein verlassenes Steinhaus. Dahinter: wilder Rosmarin, Thymian, Salbei. Davor: das Meer, das alles wusste und nichts verriet.
Dort eröffnete er die Wolfsambulanz.
Kein Schild. Keine Öffnungszeiten. Die Menschen kamen trotzdem.
Sie kamen mit Erschöpfung, mit namenlosen Schmerzen, mit einer Müdigkeit, für die es keine Diagnose gab. Manche lachten, wenn sie den Wolf sahen. Andere weinten sofort. Martin stellte keine Fragen. Der Wolf erkennt, was krank ist, ohne es benennen zu müssen.
Die alten Medizinen
Martin heilte nicht mit Maschinen und nicht mit Versprechen. Er heilte mit Wolfswissen.
Für die Geschwächten bereitete er Wolfsmilch – warm, leicht bitter, mit Honig aus den Hügeln und einem Hauch Fenchel. Sie stärkte nicht den Körper allein, sondern die Erinnerung daran, wie sich Kraft anfühlt.
Für die Rastlosen sammelte er Kräuter der Provence bei Sonnenaufgang: Lavendel gegen die Unruhe, Rosmarin für den klaren Blick, Thymian für den Mut, die Wahrheit auszuhalten.
Den Verlorenen gab er Früchte des Waldes: Feigen, Brombeeren, Mandeln. Nicht als Nahrung, sondern als Zeichen. Wer isst, was die Erde freiwillig gibt, erinnert sich an Maß und Grenze.
Manchmal malte Martin. Mit Kohle, Erde, Asche. Er nannte es Wolfskunst. Keine Bilder zum Aufhängen, sondern Bilder zum Anschauen und Vergessen. Die Menschen saßen davor, bis etwas in ihnen still wurde.
Der Wolf und die Menschen
Es sprach sich herum, dass dort ein Wolf lebte, der nicht biss. Dass er zuhörte, ohne zu urteilen. Dass man bei ihm keine Rezepte bekam, sondern Richtung.
Die Behörden ignorierten ihn. Die Wissenschaft lächelte. Die Kranken kamen trotzdem.
Martin wusste: Er heilte nicht alle. Aber er erinnerte viele daran, dass Heilung nicht delegiert werden kann.
Abends saß er auf der Schwelle der Ambulanz und blickte aufs Meer. Manchmal dachte er an Deutschland, an Politik, an Lärm, an Ordnung ohne Sinn. Er verspürte keinen Zorn mehr. Exil hatte ihn leichter gemacht.
Der Wolf ist kein Revolutionär, dachte er. Der Wolf ist ein Korrektiv.
Schlussbild
In einer weiteren Rauhnacht, fern der Heimat, träumte Martin erneut. Diesmal sagte niemand etwas. Ein Mensch und ein Wolf standen nebeneinander und sahen in dieselbe Richtung.
Als Martin erwachte, wusste er: Er war dort, wo er sein musste.
Nicht als Retter. Nicht als Richter. Sondern als Erinnerung daran, dass der Mensch nie allein war – und nie gesund sein wird, solange er den Wolf vergisst.






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