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Ich - "ein armes Wesen" nach Freud

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 12. Mai 2020
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. Mai


... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Die Struktur von Es, Ich und Über-Ich gehört zum sogenannten Strukturmodell der späten Psychoanalyse von Sigmund Freud, besonders ausgearbeitet in Das Ich und das Es und später systematisch zusammengefasst in Abriss der Psychoanalyse.


Meine Intuition ist dabei sehr nah an Freud:

  • Das Es ist der triebhafte, archaische, kindliche, anarchische Anteil.

  • Das Über-Ich ist die internalisierte Autorität, Moral und Gewissensinstanz.

  • Das Ich soll eigentlich vermitteln, Realität prüfen und Entscheidungen treffen.


Aber Freuds eigentliche Pointe ist viel düsterer:

Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus.

Das Erwachsenen-Ich ist bei Freud keine souveräne Seele, sondern eher ein prekärer Vermittlungsapparat zwischen:

  • Trieb,

  • Moral,

  • Realität,

  • Angst,

  • Erinnerung,

  • Körper,

  • Sprache,

  • und Verdrängung.

I. Das Es — der dunkle Untergrund der Psyche

Freud beschreibt das Es als:

  • unbewusst,

  • irrational,

  • zeitlos,

  • widerspruchslos,

  • triebhaft.

Es enthält:

  • Sexualtriebe,

  • Aggression,

  • Lustprinzip,

  • primitive Wünsche,

  • Fantasien,

  • Affekte,

  • infantile Konflikte.

Das Es kennt:

  • keine Moral,

  • keine Logik,

  • keine Realität,

  • keine Zeit.

Es will:

sofortige Entladung von Spannung.

Das Es als „Kinder-Ich“ (wie bei Eric Berne Transaktionsanalyse)

Das ist nicht ganz unzutreffend.

Denn das Es enthält:

  • frühe Wunschformen,

  • archaische Bindungen,

  • primitive Affekte,

  • orale,

  • anale,

  • ödipale Konflikte.

Aber Freud würde sagen: Das Es ist noch ursprünglicher als ein Kind.

Es ist eher:

der biologische und psychische Urgrund des Menschen.

II. Das Es als anarchischer Spieltrieb

Das passt überraschend gut zu Freud.

Das Es produziert:

  • Fantasie,

  • Spiel,

  • Kreativität,

  • erotische Phantasmen,

  • Aggression,

  • Humor,

  • Traumlogik.

Es ist:

  • chaotisch,

  • bildhaft,

  • assoziativ,

  • lustorientiert.

Freud sah darin nicht nur Gefahr, sondern auch:

  • Kunst,

  • Kultur,

  • Erotik,

  • Kreativität.

Denn Sublimierung bedeutet:

rohe Triebenergie wird in Kultur verwandelt.

III. Das Über-Ich — der innere Richter

Das Über-Ich entsteht laut Freud durch:

  • Verinnerlichung elterlicher Autorität,

  • Verbote,

  • Schuld,

  • Angst vor Liebesverlust,

  • ödipale Konflikte.

Es ist:

  • Gewissen,

  • moralische Instanz,

  • inneres Gesetz,

  • Selbstbeobachtung.

Das Über-Ich ist nicht „vernünftig“

Das ist extrem wichtig.

Viele missverstehen das Über-Ich als ethische Vernunft.

Aber Freud beschreibt es oft als:

  • grausam,

  • strafend,

  • sadistisch,

  • überfordernd.

Ein krankhaftes Über-Ich erzeugt:

  • Schuldneurosen,

  • Selbsthass,

  • Zwang,

  • Depression.

Es kann tyrannischer sein als reale Eltern.

IV. Das Ich — die eigentliche Vermittlungsinstanz

Nun zum Kern der Frage.


Das Ich ist bei Freud nicht einfach:

  • Bewusstsein,

  • Persönlichkeit,

  • Seele.


Sondern:

ein Organisationsapparat.

Freud beschreibt das Ich funktional.

Es entsteht aus dem Es heraus: durch Kontakt mit der Realität.

V. Die Hauptaufgaben des Ichs

Das Ich muss gleichzeitig:

Instanz

Forderung

Es

Lust, Trieb, Entladung

Über-Ich

Moral, Verbot, Ideal

Realität

Anpassung, Konsequenzen

Das Ich steht also permanent unter Druck.

Freud nennt es:

„ein armes Wesen“.

VI. Die Funktionen des Ichs

Das Ich übernimmt:

1. Realitätsprüfung

Es unterscheidet:

  • Innenwelt,

  • Außenwelt,

  • Fantasie,

  • Wirklichkeit.

2. Impulskontrolle

Es entscheidet:

  • Was darf ausgelebt werden?

  • Wann?

  • Wie?

3. Affektregulation

Es muss:

  • Angst kontrollieren,

  • Spannung binden,

  • Gefühle organisieren.

4. Planung und Denken

Das Ich arbeitet:

  • logisch,

  • zeitlich,

  • strategisch.

Es folgt dem:

Realitätsprinzip

nicht dem Lustprinzip.

5. Vermittlung

Das Ich verhandelt ständig:

  • zwischen Wunsch und Verbot,

  • Freiheit und Angst,

  • Lust und Konsequenz.

VII. Das Ich ist nicht souverän

Das ist die berühmte Kränkung Freuds.

Vor Freud glaubte man:

Das bewusste Ich kontrolliert den Menschen.

Freud sagt:

Nein. Das Ich ist nur eine dünne Oberfläche.

Unter ihm wirken:

  • verdrängte Wünsche,

  • Traumreste,

  • Triebe,

  • frühe Konflikte,

  • unbewusste Identifikationen.

Das Ich rationalisiert oft nur nachträglich.

VIII. Das Ich als Reiter auf dem Pferd

Freud benutzt sinngemäß ein berühmtes Bild:

Das Ich ist wie ein Reiter auf einem Pferd.

  • Das Pferd = Es

  • Der Reiter = Ich

Der Reiter glaubt zu führen —muss aber oft dorthin lenken, wo das Pferd ohnehin hin will.


Das Ich ist also:

  • begrenzt,

  • taktisch,

  • improvisierend.

IX. Das Ich entsteht aus dem Körper

Freud formuliert etwas Hochinteressantes:

„Das Ich ist vor allem ein körperliches.“

Das bedeutet: Das Ich entsteht ursprünglich aus:

  • Wahrnehmung,

  • Haut,

  • Bewegung,

  • Körpergrenzen,

  • Schmerz,

  • Lust.

Darum spielen:

  • Berührung,

  • frühe Bindung,

  • Affektregulation eine enorme Rolle.

X. Das Ich und die Abwehrmechanismen

Weil das Ich ständig überfordert ist, entwickelt es:

Abwehrmechanismen

Zum Beispiel:

  • Verdrängung,

  • Projektion,

  • Rationalisierung,

  • Sublimierung,

  • Spaltung,

  • Verleugnung.

Diese schützen das Ich vor:

  • Angst,

  • Schuld,

  • innerem Konflikt.

XI. Das „gesunde“ Erwachsenen-Ich bei Freud

Ein reifes Ich wäre nicht:

  • perfekt,

  • moralisch rein,

  • triebfrei.

Sondern:

  • realitätsfähig,

  • ambivalenztolerant,

  • konfliktfähig,

  • flexibel,

  • symbolisierungsfähig.

Ein starkes Ich kann:

  • Triebe anerkennen,

  • Schuld aushalten,

  • Wünsche symbolisieren,

  • Frustration ertragen.

XII. Warum Freud anti-utopisch war

Weil Freud wusste: Das Es verschwindet nie.

Unter jeder Kultur bleiben:

  • Aggression,

  • Sexualität,

  • Narzissmus,

  • Todestrieb,

  • infantile Wünsche.

Darum glaubte Freud nicht an:

  • perfekte Gesellschaften,

  • reine Vernunft,

  • endgültige Moralität.

Das Ich kann nur:

  • vermitteln,

  • regulieren,

  • sublimieren,

  • aber nie vollständig herrschen.

XIII. Das eigentliche Drama der Psychoanalyse

Die Psychoanalyse versucht letztlich: das Ich zu stärken.

Nicht durch Unterdrückung des Es —und nicht durch blinden Gehorsam gegenüber dem Über-Ich.

Sondern dadurch, dass das Ich:

  • bewusster wird,

  • das Unbewusste erkennt,

  • Konflikte symbolisieren kann.

Freuds berühmte Formel lautet sinngemäß:

Wo Es war, soll Ich werden.

Nicht:

Das Es vernichten.

Sondern:

dem chaotischen Triebraum psychische Form geben.

1 Kommentar


Martin Döhring
Martin Döhring
28. Mai

Das lässt sich wunderbar zu einem gedanklichen Bogen spannen: Vom ungeformten Säuglings‑Selbst bei Freud bis zum modernen Menschen, der – wie Jaspers sagt – in der Masse aufgehen möchte und doch an die Grenzen seiner Existenz stößt.

Ich gebe dir eine klare, dichte, philosophisch-psychologische Deutung, die beide Perspektiven verbindet:

🧩 1. Freuds Ausgangspunkt: Das Ich entsteht aus einem Verlust

Für Freud beginnt alles mit einem Paradieszustand, der keiner ist: Der Säugling kennt keine Trennung zwischen Innen und Außen. Kein Ich, kein Du, kein Objekt.

  • Bedürfnis → Spannung

  • Befriedigung → Entspannung

  • Die Mutter ist kein „anderer Mensch“, sondern Teil des eigenen Zustands.

Das spätere Ich entsteht erst, weil dieser Zustand zerbricht. Das Kind erfährt: „Etwas fehlt. Etwas kommt von außen. Ich bin…


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