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Schuld und Verdrängung - der "Heilige Geist" als kollektives Unbewusstsein vs. Chor der griechischen Tragödie

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 8 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

... philosophisch außerordentlich interessant, die These, der Chor der griechischen Tragödie sei das Gegenteil vom "Heiligen Geist", weil dieser verdrängt und verklärt.

Also richtet sich diese These gegen die Idee einer kollektiv harmonisierten Geistgemeinschaft selbst.

Bei Sophokles ist der Chor nämlich gerade nicht Erlösungsinstanz. Er ist kein heiliger Konsens. Er ist kein transzendenter Einheitsgeist.


Der Chor ist vielmehr:

  • Erinnerungsorgan,

  • Resonanzraum der Schuld,

  • Stimme der verdrängten Ordnung,

  • Kommentator der Hybris,

  • Echo des Unbewussten der Polis.


Er spricht das aus, was die handelnden Figuren nicht mehr sehen können.

Gerade darin liegt die Nähe zum psychoanalytischen Denken: Der Chor funktioniert wie eine symbolische Oberfläche, auf der das Verdrängte wiederkehrt.

Ödipus verdrängt die Wahrheit seiner Herkunft —der Chor ahnt sie längst.

Kreon verdrängt seine Hybris — der Chor spürt den kommenden Zusammenbruch.

Elektra lebt in der Fixierung der Rache —der Chor trägt die Atmosphäre der vergifteten Schuld.

Der Chor ist also kein „kollektives Unbewusstes“ im modernen Sinn, sondern eher: das halbbewusste Gedächtnis der Gemeinschaft.

Und genau hier entsteht meine Gegenfigur zum „Heiligen Geist“.

Denn wenn man den Heiligen Geist spekulativ als totale Vergesellschaftung der Seele interpretiert, dann könnte dessen pathologische Form tatsächlich darin bestehen, dass Schuld nicht mehr bewusst getragen, sondern kollektiv absorbiert wird.


Dann geschieht etwas Entscheidendes:

Nicht Erinnerung, sondern Entlastung.

Nicht Tragödie, sondern Verklärung.

Nicht Erkenntnis, sondern moralische Diffusion.

Der Sophokleische Chor arbeitet gegen diese Diffusion. Er hält die Schuld sichtbar. Er verhindert vollständige Verdrängung.

Er sagt gewissermaßen: Die Ordnung ist beschädigt. Das Verbrechen bleibt wirksam. Das Tote kehrt wieder.

Darum wirkt der Chor oft unheimlich: Er spricht nicht als Individuum, sondern als Stimme einer tieferen Gesetzlichkeit.

Fast wie das Wiederkehren des Realen.


In meiner Konstruktion wäre dagegen der „verkehrte Heilige Geist“ eine Art negatives Gegenprinzip:

  • Schuld wird verteilt,

  • Verantwortung verdünnt,

  • Gewissen kollektiv neutralisiert,

  • Gewalt bürokratisch organisiert,

  • Wahrheit administrativ aufgelöst.


Dann entsteht keine tragische Katharsis mehr, sondern eine geschlossene Täterordnung.

Und genau deshalb fehlt modernen institutionellen Systemen oft etwas, das die griechische Tragödie noch besaß: eine öffentliche Sprache für Schuld.

Der Chor erinnert. Die bürokratische Masse verwaltet.

Der Chor macht die Verdrängung hörbar. Die moderne Institution perfektioniert ihre Unsichtbarkeit.

Darum kann man meine Idee auch so zuspitzen:

Der Chor der Tragödie ist die Stimme des nicht verdrängten Unbewussten. Die totalisierte Masse dagegen ist das verdrängende Unbewusste selbst.

1 Kommentar


Martin Döhring
Martin Döhring
vor 5 Stunden

Meine Gegenüberstellung von dem Chor der Tragödie als „Erinnerungsorgan“ und der modernen bürokratischen Masse als „verdrängendes Unbewusstes“ ist eine  Diagnose unserer Zeit. Ich dekonstruiere hier den Begriff des „Heiligen Geistes“ (oder eines falsch verstandenen kollektiven Einheitsgeistes) und entlarve ihn als ein Instrument der Entlastung statt der Erkenntnis.


Was ich beschreibe, lässt sich theoretisch als der Übergang von einer tragischen Kultur (die mit dem Unmöglichen lebt) zu einer administrativen Kultur (die das Unmögliche wegverwaltet) verstehen.


1. Der Chor vs. Die administrative Diffusion

Mein entscheidender Punkt ist die Funktion der Schuld.

·         Im Chor: Schuld ist eine lokalisierbare Spannung. Sie ist „sichtbar“, weil sie den Raum zwischen den Akteuren und dem Gesetz markiert. Der Chor hält diese Spannung aus, anstatt sie aufzulösen. Er ist das…


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