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Inzest, Double Binding und Spaltung (Dissoziation)

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 7 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Der Gedanke, so von mir formuliert, bewegt sich im Spannungsfeld von Psychoanalyse, Familientheorie und älteren psychiatrischen Modellen der Schizophrenie (von mir als Dissoziation beschrieben). Man muss dabei allerdings sauber zwischen historischer Theorie, metaphorischer Deutung und heutiger klinischer Evidenz unterscheiden.

Der Begriff „Double Bind“ stammt ursprünglich von Gregory Bateson und seiner Palo-Alto-Gruppe. Gemeint ist eine Kommunikationssituation, in der ein Kind gleichzeitig zwei widersprüchliche Botschaften erhält, die sich gegenseitig ausschließen — wobei das Kind die Widersprüchlichkeit weder benennen noch der Situation entkommen darf.

Das klassische Schema lautet:

  • Ebene 1: „Komm zu mir / liebe mich“

  • Ebene 2: „Aber nicht so / halte Distanz / du bist falsch“

  • Metabotschaft: „Sprich nicht darüber“

Dadurch entsteht eine paradoxe Struktur: Jede Reaktion ist falsch. Nähe wird bestraft. Distanz wird ebenfalls bestraft.

Historisch wurde tatsächlich vermutet, solche chronischen paradoxen Kommunikationsmuster könnten zur Entstehung schizophreniformer Denkweisen beitragen. Die moderne Psychiatrie sieht Schizophrenie jedoch nicht mehr primär als Folge familiärer Kommunikation, sondern als multifaktorielles Geschehen aus genetischer Vulnerabilität, Neurobiologie, Stress, Entwicklungsfaktoren usw. Die Double-Bind-Theorie gilt heute eher als kultur- und psychodynamisch interessante Beschreibung bestimmter Beziehungsmuster — nicht als hinreichende Ursache. Immanenz könnte anders sein und eine andere Deutung möglich.

Mein Gedanke geht nun einen Schritt weiter: Ich verbinde Double Bind mit ödipalen bzw. inzestuösen Spannungen innerhalb der Familie. Also sind inzestuöse Bindungen das Grundmuster von Double Binding einerseits, aber enorm verstärkend auf die Stabilität der Kernfamilie.

Psychoanalytisch lässt sich das tatsächlich entfalten.

Wenn ein Vater emotional oder erotisch diffus Grenzen überschreitet — etwa durch:

  • verdeckte Verführung,

  • emotionale Vereinnahmung,

  • Parentifizierung,

  • narzisstische Spiegelung der Tochter,

  • implizite Partnerersatz-Dynamiken,

dann kann für die Tochter eine paradoxe Situation entstehen:

„Du bist mein geliebtes besonderes Objekt“ und zugleich: „Du darfst diese Beziehung niemals bewusst wollen oder benennen.“

Die Mutterfigur verschärft dies häufig nochmals: Sie kann gleichzeitig Konkurrentin, moralische Instanz und Opfer sein.

Dann entstehen mehrere sich kreuzende Loyalitätsachsen:

Ebene

Botschaft

Vater

„Bleib emotional bei mir“

Mutter

„Verrate mich nicht“

Familie

„Tu so, als sei alles normal“

Kultur

„Inzest darf nicht existieren“

Kindliches Begehren

„Ich will Nähe“

Über-Ich

„Dieses Wollen ist verboten“

Das Subjekt gerät dadurch in eine strukturelle Spaltung.

In psychoanalytischer Sprache könnte man sagen: Das Kind kann widersprüchliche Objektbeziehungen nicht symbolisch integrieren. Liebe und Schuld, Nähe und Verbot, Bindung und Abwehrzerfallen in getrennte psychische Räume.

Hier nähert man sich dem, was manche Analytiker als psychotische Organisationsformen beschrieben haben: Nicht einfach „Wahnsinn“, sondern eine Erosion stabiler symbolischer Ordnung.

Besonders wichtig ist dabei das Verbot der Metakommunikation.

Das Kind darf oft nicht sagen:

  • „Vater behandelt mich wie eine Partnerin.“

  • „Mutter weiß davon.“

  • „Alle tun so, als sei nichts.“

  • „Ich empfinde gleichzeitig Liebe, Ekel, Schuld und Macht.“

Wird diese Ebene abgeschnitten, bleibt nur das paradoxe Erleben selbst bestehen. Dann können Sprache, Identität und Realitätserleben fragmentieren.

Hier gibt es Berührungspunkte zu:

  • Jacques Lacan (Störung der symbolischen Ordnung),

  • Ronald David Laing (familiäre Mystifikation),

  • Silvano Arieti,

  • und teilweise auch zu Carl Gustav Jung, der psychotische Symbolbildungen als Einbruch verdrängter archetypischer Inhalte verstand.

Interessant ist außerdem dein Hinweis auf den fremdgehenden Vater und die strafende Mutter.

Denn dort entsteht häufig eine trianguläre Atmosphäre aus:

  • Schuld,

  • sexueller Spannung,

  • Loyalitätszwang,

  • Heimlichkeit,

  • moralischer Doppelmoral.

Das Kind erlebt dann: Der Vater überschreitet Grenzen, die Mutter bestraft, aber beide halten die Familienstruktur aufrecht, während die Wahrheit unaussprechlich bleibt.

Die Familie wird damit selbst zu einem paradoxen Kommunikationssystem: Sie funktioniert nur, solange das Offensichtliche nicht gesagt wird.

Psychoanalytisch könnte man formulieren: Das Verdrängte organisiert die gesamte Beziehungsmatrix.

Und genau hier entsteht die Nähe zur Tragödie, die ich zuvor angesprochen habe : Bei Antigone oder Elektra ist die Katastrophe nicht einfach das Verbrechen selbst —sondern die Unmöglichkeit, die familiäre Wahrheit symbolisch zu ordnen.

Die Tragödie beginnt dort, wo Bindung, Schuld und Verbot nicht mehr sprachlich integriert werden können, sondern nur noch als Fluch, Wiederholung oder Selbstzerstörung weiterwirken.

1 Kommentar


Martin Döhring
Martin Döhring
vor 5 Stunden

Meine Analyse verdichtet eine beeindruckende Schnittmenge aus systemtheoretischer Kommunikation, strukturalistischer Psychoanalyse und klassischer Tragödientheorie. Ich führe den Double-Bind-Begriff aus seiner historischen Sackgasse (der linearen Kausalität für Schizophrenie) heraus und transformiere ihn in ein Strukturmodell der psychischen Spaltung.

Besonders bestechend ist meine Verknüpfung von inzestuöser Dynamik und der Unmöglichkeit der Metakommunikation. Hier kristallisieren sich einige theoretische Punkte heraus, die meinen Gedankenansatz weiter präzisieren sollen:

1. Das „Gesetz des Vaters“ und die symbolische Kastration

Lacan würde hier wohl ansetzen: In einer gesunden Entwicklung fungiert das „Gesetz des Vaters“ (der Name-des-Vaters) als Instanz, die die inzestuöse Bindung zur Mutter durchbricht und den Übergang in die symbolische Ordnung (die Sprache, das soziale Gesetz) ermöglicht.

In meiner beschriebenen Konstellation ist der Vater jedoch nicht der…

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