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Insichwohnend (Immanenz)

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 9 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Der Begriff der Immanenz bezeichnet philosophisch zunächst etwas, das in sich selbst enthalten, aus sich selbst verständlich und nicht auf ein äußeres Prinzip angewiesen ist. Das Gegenteil wäre Transzendenz: etwas, das nur durch ein Außen, einen Gott, ein metaphysisches Jenseits oder eine abstrakte Idee begründet wird.

In meinem Gedankengang erhält „Immanenz“ jedoch eine spezifisch psychologisch-tragische Bedeutung:

Etwas ist nicht belanglos, wenn es aus der inneren Struktur des Bewusstseins, des Konflikts oder der Erfahrung notwendig hervorgeht.

Das meint eine Art existenzielle Selbstbezüglichkeit oder Selbstevidenz.

Philosophische Bestimmung der Immanenz

Bei Spinoza

Für Baruch Spinoza ist alles, was existiert, Ausdruck derselben Substanz. Ursachen liegen nicht außerhalb der Welt, sondern innerhalb ihrer selbst.

Damit wird Bedeutung nicht „von außen verliehen“, sondern ergibt sich aus inneren Zusammenhängen.

Bei Hegel

Georg Wilhelm Friedrich Hegel versteht Wahrheit als etwas, das sich im Widerspruch selbst entfaltet. Ein Konflikt ist nicht zufällig, sondern enthält seine eigene Notwendigkeit bereits in sich.

Für meinen Ansatz wichtig: Der Konflikt um Schuld, Horde und Verdrängung ist dann kein äußerliches Ereignis, sondern Ausdruck einer inneren Struktur des sozialen Bewusstseins.

Bei Freud

Sigmund Freud wird der Ödipuskonflikt gerade deshalb bedeutsam, weil er nicht bloß eine Geschichte ist, sondern als wiederkehrende psychische Struktur erscheint (die „ewige Wiederkehr des Gleichen“).

Wenn ich schreibe, Ödipus „spricht regelmäßig als wildfremde Person“ bei dir vor, dann beschreibe ich psychologisch eine Immanenz des Mythos: Der Mythos erscheint nicht als Literatur, sondern als konkrete Struktur der Wahrnehmung und Deutung sozialer Wirklichkeit.

Er wird zu einer inneren Evidenzfigur.

Immanenz als konkrete Evidenz

Mein Gedanke scheint auf Folgendes hinauszulaufen:

Bestimmte Konflikte besitzen Immanenz, weil sie sich immer wieder konkret verkörpern.

Nicht als abstrakte Theorie, sondern als:

  • wiederkehrende Figuren,

  • soziale Dynamiken,

  • Täterkonstellationen,

  • Schuldverschiebungen,

  • psychische Muster.

Das macht sie für mich „nicht belanglos“.

Die Evidenz entsteht also nicht durch empirischen Beweis allein, sondern durch strukturelle Wiederkehr.

Das ähnelt dem Begriff des Archetyps bei Carl Gustav Jung: Ein Muster zeigt sich in verschiedenen Personen und Situationen erneut, weil es tiefer liegt als das individuelle Ereignis.

Der Zusammenhang von Ödipus, Horde und Schuld

Meine Beschreibung verbindet mehrere Ebenen:

Ebene

Struktur

Individuum

ungelöster Ödipuskonflikt

Familie

Rivalität, Schuld, inzestuöse Bindung

Gesellschaft

Verdrängung von Schuld

Horde

anonyme Tätergemeinschaft

Politik/Moral

Verklärung und Kollektivierung

Dadurch entsteht ein immanenter Zusammenhang: Die Gesellschaft produziert Täterfiguren, um eigene Schuld auszulagern.

Das erinnert zugleich an:

  • René Girard → Sündenbockmechanismus

  • Friedrich Nietzsche → Herdenmoral

  • Sigmund Freud → verdrängte Triebkonflikte

  • Massenpsychologie und Ich-Analyse → Auflösung individueller Verantwortung in der Masse

Eine mögliche präzise Begriffsformulierung

Ich könnte „Immanenz“ in meinem Zusammenhang etwa so definieren:

Immanenz bezeichnet die innere Selbstgegebenheit eines Konflikts oder Sinnzusammenhangs, der nicht äußerlich konstruiert wird, sondern sich aus wiederkehrenden psychischen, sozialen und symbolischen Strukturen selbst evidenziert.

Oder dichter formuliert:

Immanent ist ein Phänomen dann, wenn seine Bedeutung aus seiner eigenen Wiederkehr innerhalb von Bewusstsein, Mythos und sozialer Wirklichkeit hervorgeht.

Tragischer Kern meines Gedankens

Die eigentliche Tragik liegt bei mir offenbar darin:

Der einzelne Täter erscheint sichtbar, doch die eigentliche Schuld liegt verteilt im kollektiven Bewusstsein.

Dadurch entsteht eine paradoxe Struktur:

  • Die Horde benötigt den Täter.

  • Der Täter verdeckt die Horde.

  • Die Gesellschaft verklärt ihre eigene Beteiligung.

  • Schuld wird anonymisiert.

  • Verantwortung wird ungreifbar.

Das ist strukturell sehr nah an der antiken Tragödie: Nicht der Einzelne allein ist schuldig —die ganze Ordnung ist krank.


1 Kommentar


Martin Döhring
Martin Döhring
vor 9 Stunden

Begriff: Immanenz versus Belanglos

Immanenz bedeutet hier: etwas ist in sich selbst wirksam, trägt Bedeutung und Wirkung unmittelbar in sich; es ist dicht, gegenwärtig, nicht austauschbar. Belanglos dagegen verweist auf Austauschbarkeit, Oberflächlichkeit und fehlende Tiefenwirkung. Wenn ich sage „Immanenz ist das Gegenteil von Belanglos“, setze ich einen Maßstab für das, was zählt: nicht die bloße Oberfläche, sondern das, was innerlich wirkt und nachhallt.

Der Ödipus als wiederkehrende Erscheinung

Dass sich bei mir „regelmäßig der Ödipus persönlich vorgestellt“ hat, beschreibt ein wiederkehrendes inneres Bild oder eine dramatische Konstellation, die in verschiedenen Stimmungen auftaucht — zornig, unerlöst, manchmal aber auch als Anlass für Fremde, ihre Befreiung zu schildern. Der Ödipus fungiert hier als archetypische Gestalt: Schuld, Begehren, Verstrickung und die Frage nach Schuld und Sühne…

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