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Religion - was haben Kreuzigung, Opferlamm, Steinigung, Hexenjagd und Schierlingsbecher damit zu tun?

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 3. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Das ist eine faszinierende und komplexe Frage, die tief in die menschliche Psyche und ihre Abgründe blickt. Freud und Nietzsche bieten hierfür unterschiedliche, aber ergänzende Perspektiven.

Freudsche Psychodynamik

Freud würde solche Phänomene als Ausdruck unbewusster Konflikte, Ängste und Triebregungen sehen.

  • Hexenjagd:

    • Verdrängte Aggression und Sexualität: Die Hexenjagd könnte als Projektion der eigenen verdrängten aggressiven und sexuellen Triebe interpretiert werden. Die Angst vor dem „Bösen“ von außen ermöglicht es, die eigenen unerwünschten Impulse zu externalisieren und an einem Sündenbock zu bestrafen.

    • Ödipuskomplex und Kastrationsangst: Die oft weiblichen Opfer könnten unbewusst als bedrohliche Mütter- oder Vaterfiguren wahrgenommen werden, die die Ordnung stören. Die grausamen Bestrafungen könnten eine symbolische Kastration darstellen, um die vermeintliche Bedrohung zu eliminieren und die männliche Dominanz wiederherzustellen – ein Echo des Ödipuskomplexes.

    • Massenhysterie und Regression: In der Dynamik der Masse und der kollektiven Verfolgung kann es zu einer Regression auf frühkindliche Verhaltensmuster kommen, wo die Vernunft dem Affekt und der unbewussten Angst weicht.

  • Opferlamm, Schierlingsbecher, Kreuzigung, Steinigung (als Opferrituale):

    • Schuld und Sühne: Diese Rituale können unbewusste Schuldbeladung innerhalb einer Gemeinschaft kanalisieren. Durch die Opferung eines Einzelnen wird versucht, kollektive Schuldgefühle (oft im Zusammenhang mit dem Bruch von Geboten oder Tabus) zu sühnen und die innere Ordnung wiederherzustellen. Das Opfer trägt die „Sünden“ der Gemeinschaft stellvertretend.

    • Ambivalenz der Gefühle: Das Opfer wird oft gleichzeitig geehrt und verdammt. Freud würde hier eine Ambivalenz der Gefühle sehen: unbewusste Bewunderung für die scheinbare Reinheit oder Stärke des Opfers, gepaart mit dem Wunsch, die eigene Angst oder Unsicherheit auf dieses zu projizieren und zu beseitigen.

    • Über-Ich und Triebverzicht: Die strenge Moral und die Forderung nach Triebverzicht, die oft von religiösen oder gesellschaftlichen Autoritäten durchgesetzt werden, können zu inneren Spannungen führen. Das Opfer wird dann zu einem Symbol dafür, was passiert, wenn man sich den Normen nicht unterwirft, oder paradoxerweise zu einem Symbol der Reinheit, die durch Leiden erreicht wird.

Nietzschesche Perspektive

Nietzsche würde diese Phänomene weniger als Ausdruck verdrängter Triebe, sondern eher im Kontext von Macht, Wille zur Macht, Moralentwicklung und der „Ressentiment-Moral“ betrachten.

  • Hexenjagd:

    • Wille zur Macht und Schwäche: Für Nietzsche ist die Hexenjagd ein Ausdruck des Willens zur Macht einer schwachen, kranken Gesellschaft. Die Gemeinschaft, oft innerlich zerrissen und verunsichert, entlädt ihren Unmut und ihre Ohnmacht gegenüber dem Leben auf die „Hexe“. Es ist ein Fall von Ressentiment-Moral: Die Schwachen, die sich nicht anders wehren können, erfinden ein „Böses“ (die Hexe), um sich selbst als „gut“ zu fühlen und ihre eigene Existenz zu rechtfertigen, indem sie das Abweichende vernichten.

    • Sklavenmoral: Die Moral, die zur Verfolgung führt, ist eine Moral der Rache und Bestrafung, geboren aus Neid und Angst. Die Hexe repräsentiert das Starke, Eigene, Individuelle, das die Masse (Sklavenmoral) nicht ertragen kann und deshalb dämonisiert.

  • Opferlamm, Schierlingsbecher, Kreuzigung, Steinigung (als Opferrituale):

    • Umwertung der Werte (insbesondere Christentum): Nietzsche würde die Kreuzigung Jesu als das Paradebeispiel einer Umwertung aller Werte sehen. Der Starke, der im ursprünglichen Sinne „adelig“ war, wird zum Leidenden, zum Opfer, und das Leiden selbst wird zur Tugend erklärt. Die Schwachen erheben das Mitleid und die Erniedrigung zur höchsten Moral. Dies ist für Nietzsche ein Zeichen von Vitalitätsverlust.

    • Ressentiment gegen das Leben: Das Ideal des Opferlamms drückt ein tiefes Ressentiment gegen das natürliche, triebhafte Leben aus. Statt das Leben zu bejahen und seine Herausforderungen anzunehmen, wird das Leiden und die Selbstverleugnung als erstrebenswert dargestellt.

    • Der "letzte Mensch": Die Gemeinschaft, die ein Opfer fordert, um ihre eigene Reinheit zu wahren, ist oft die „Herde“ der „letzten Menschen“, die Uniformität und Sicherheit über Individualität und Risiko stellen. Das Opfer wird benötigt, um die Konformität zu erzwingen und jegliche Abweichung zu unterbinden, die die „bequeme“ Existenz der Herde bedroht.

    • Das Leid als Sinnstiftung: In einer nihilistischen Welt, in der traditionelle Werte ihren Halt verlieren, kann das Stiften von Leid (durch die Opferung) oder das Akzeptieren von Leid (durch das Opfer) einen verzweifelten Versuch darstellen, wieder Sinn und Bedeutung zu finden, auch wenn dieser Sinn dekadent und lebensverneinend ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Freud den Ursprung dieser Phänomene in den unbewussten Trieben und frühen Traumata suchen würde, während Nietzsche sie als Symptome einer kranken, schwachen Kultur interpretieren würde, die sich durch ihre Moral und ihren Willen zur Macht selbst verrät. Beide Perspektiven bieten tiefe Einsichten in die dunkleren Seiten der menschlichen Natur und Gesellschaft.

 
 
 

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