Gedächtnis - die Reise zum Wiegenlied
- Martin Döhring

- vor 21 Stunden
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Es war einmal, in einem Reich der verschlungenen Pfade, ein Junge, dessen Geschichte wie ein dicht geknüpfter Teppich begann, an dem viele Hände gleichzeitig webten. Er wuchs in einem Haus auf, das von den Eltern und „verdrehten Schwestern“ bewohnt wurde – ein Ort, den Außenstehende als „ulkig“ und „eigen“ bezeichneten. Selbst die Verwandten tuschelten und witzelten, die Familie gleiche eher einem Ensemble aus einem lustig-obszönen Volkstheater oder Varieté als einer gewöhnlichen Sippe. In dieser Welt der strengen Fürsorge durfte der Junge das Haus nur verlassen, wenn seine Mutter ihn höchstpersönlich angezogen hatte und sollte auch nicht mehr einkaufen, als dann wirklich verzehrt werden würde.
Der Ausbruch aus dem Drehbuch - Als der Junge zum Mann wurde, versuchte er sein Glück auf der Bühne des Lebens. Er wurde Darsteller im Volkstheater, doch sein Geist fügte sich nicht den Regieanweisungen. Aus der Rolle gefallen: Weil er sich weigerte, das vorgeschriebene Libretto zu sprechen und höchst-unartig war, flog er im hohen Bogen hinaus. In der Stille, die darauf folgte, erschien plötzlich der Heilige Geist im Raum – doch seltsamerweise wusste selbst dieser von nichts. Es begann die Zeit der „ulkigen Vermählungen“, in der die Grenzen verschwammen und der Arzt symbolisch mit der Krankheit ins Bett ging. Allein um die Schmerzen des Verlustes und der damit verbundenen Peinlichkeiten mit dem Lecken der Wunden zu kurieren. Doch diese Flucht ermöglichte ihm den Weg nach Hause.
Die Rätsel der Fremde und die Küche der Ahnen - Auf seinem Weg begegneten ihm weiters die schalkhaften Musikanten, denen er die Welt erklären musste. Er suchte nach Worten für das Unmögliche: Wie sollte man einem Zugereisten Begriffe wie „Stahlbanane“ oder „Motorherz“ begreiflich machen? Und hält deren Zunge dies überhaupt aus? Währenddessen blieb die kulinarische Tradition der Vorfahren ein ungelöstes Rätsel. Man fragte sich, ob die Großmutter zum Nachtisch tatsächlich einen gesalzenen Ferkelkopf servierte. Als später die „roten Strolche“ kamen, um mit dem Kochbuch der Oma die Armen zu speisen, scheiterten sie an der Realität: Die Oma kannte nur Gerichte mit Schweinefleisch.
Das Fenster durch die Zeit
In der „guten Stube“ des Mannes fand ein besonderes Kunstwerk aus einem Raubzug seinen Platz. Es war ein Gemälde eines Künstlers des 20. Jahrhunderts, der sich der Techniken des 19. Jahrhunderts bediente, um ein Bild des 21. Jahrhunderts zu erschaffen – ein Werk, das allein aus der Erinnerung an die Vorzeit geboren wurde. Dieses Bild wurde zum ruhenden Pol in einer Welt, in der Äskulapnattern in Frauenstein und Schlangenbad hausten.
Träume vom Zwangsreich
Die Stimme der Mutter begleitete ihn bis in die Wirtshäuser der Welt, wo sie laut verkündete: „Mein Sohn isst nur Pommes“. Doch in der Nacht wurden die Botschaften dunkler. Er träumte, wie die Mutter ihm von „unreinlichen Frauen und den schmutzigen Mädchen“ erzählte, die im fernen „Zwangsreich“ beheimatet waren – einem Ort, an dem die unheimlichen „Zwangshosen“ wohnten. Er begriff, dass mancher Schatzgräber einen wertvollen Teppich nur deshalb findet, weil er besonders dicht und fest geknüpft wurde.
Das Vermächtnis der Schatten
Die tiefste Lehre jedoch stammte aus seiner frühesten Kindheit. Gemeinsam mit seinem Vater hatte er geübt, den „schlimmen Sachen“ ihren Namen zu geben, um sie zu bändigen. Trotz dieser Übung blieb ein Geheimnis bestehen: In der Gruft der Familie lag kein einziger Mensch, der tatsächlich mit ihnen verwandt war.
Das goldene Ende - Am Ende des Märchens wandelte sich die Szenerie. Viktoria erschien auf der Bildfläche, die ihren Streitwagen stolz am Silberstollen entlanglenkte. Mit den Ähren fest in der Hand fuhr sie dem Horizont entgegen und krönte die lange Reise der Erinnerung.



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