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...was nach dem Heiler ruft

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 21 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Ingeborg Bachmann sagte sinngemäß, man darf Erwachsenen die Wahrheit zumuten. Und soll es auch tun.


Die alten Griechen kannten keine „psychiatrischen Krankheiten“ im modernen medizinischen Sinn wie heute in Psychiatrie oder klinischer Diagnostik. Stattdessen beschrieben sie psychische Zustände:

  • mythologisch,

  • tragisch,

  • religiös,

  • philosophisch,

  • oder humoralmedizinisch.

Viele Phänomene, die wir heute als psychische Störungen verstehen würden, erschienen damals als:

  • Fluch,

  • göttliche Strafe,

  • Besessenheit,

  • Hybris,

  • Schicksal,

  • dämonische Verblendung,

  • oder Störung der Seele („psyche“).

Einige zentrale griechische Begriffe und Figuren:

Mania (μανία) — Raserei / Wahnsinn

Mania

Der wichtigste Oberbegriff.

Bedeutete:

  • Raserei,

  • göttliche Ekstase,

  • Wahnsinn,

  • Besessenheit,

  • Kontrollverlust.

Man unterschied:

  • zerstörerische Mania,

  • aber auch inspirierte Mania.

Bei Platon gibt es sogar die „göttliche Mania“:

  • dichterische Inspiration,

  • prophetische Ekstase,

  • erotische Verzückung.

Also: Wahnsinn war nicht nur Krankheit, sondern manchmal Zugang zum Göttlichen.

Ate (ἄτη) — Verblendung / ruinöse Blindheit

Ate

Ate bezeichnet:

  • verhängnisvolle Selbsttäuschung,

  • moralische Blindheit,

  • zerstörerische Verirrung.

Menschen handeln dann wie „von außen gesteuert“.

Sehr nahe an:

  • Hybris,

  • Zwang,

  • selbstzerstörerischem Wiederholungsmuster.

In Tragödien oft: Der Held merkt die Wahrheit zu spät.

Hybris (ὕβρις) — Maßlosigkeit

Hybris

Nicht bloß Stolz.

Sondern:

  • Grenzüberschreitung,

  • Größenwahn,

  • Selbstvergöttlichung,

  • Missachtung natürlicher Ordnung.

Mythologisch führt Hybris fast immer:→ zur Katastrophe.

Psychologisch erinnert das teilweise an:

  • narzisstische Grandiosität,

  • manische Selbstüberschätzung,

  • destruktiven Machttrieb.

Melancholia (μελαγχολία) — Schwarze Galle

Melancholie

Bei Hippokrates und später Galen.

Nicht mythologisch, sondern medizinisch-humoral.

„Melaina chole“ = schwarze Galle.

Symptome:

  • Schwermut,

  • Angst,

  • Grübeln,

  • Lebensüberdruss,

  • Rückzug.

Das ist der Vorläufer moderner Depressionskonzepte.

Lyssa (Λύσσα) — Rasender Zorn

Lyssa

Göttin des rasenden Wahnsinns.

Besonders:

  • blinde Wut,

  • tierische Raserei,

  • zerstörerischer Affekt.

Verwandt mit:

  • Berserkerzuständen,

  • Gewaltimpuls,

  • Affektentladung.

Erinnyen / Furien — Schuldverfolgung

Erinnyen

Die Erinnyen verfolgen:

  • Mörder,

  • Eidbrecher,

  • Familienverbrecher.

Psychologisch hochinteressant: Sie verkörpern das unerträgliche Schuldgewissen.

Fast wie:

  • externalisierte Schuld,

  • Trauma,

  • Zwangsverfolgung,

  • paranoide Verfolgungserfahrung.

Bei Orestie treiben sie Orest in den Wahnsinn.

Dionysischer Wahnsinn

Dionysos

Der Dionysos-Kult arbeitete mit:

  • Ekstase,

  • Trance,

  • Entgrenzung,

  • Tanz,

  • Rausch,

  • Identitätsauflösung.

Die Mänaden geraten in:

  • ekstatische Zustände,

  • kollektive Raserei,

  • Enthemmung.

Das erinnert teilweise an:

  • Massenpsychologie,

  • dissoziative Zustände,

  • ekstatische Kultphänomene.

Nietzsche machte daraus später den Gegensatz:

  • Apollinisch = Ordnung,

  • Dionysisch = Rausch, Chaos, Trieb.

in Die Geburt der Tragödie.

Orestes-Komplexartige Motive

Orestes

Orest tötet die Mutter. Danach:

  • Schuld,

  • Verfolgungswahn,

  • Halluzination,

  • Zerrissenheit.

Die Griechen beschrieben das nicht medizinisch, aber phänomenologisch sehr präzise.

Antigone — Todesbindung

Antigone

Antigone ist weniger „krank“ als:

  • absolut gebunden,

  • todesorientiert,

  • familiär-totalisiert.

Moderne Leser sehen darin manchmal:

  • pathologische Loyalität,

  • Todestrieb,

  • traumatische Bindung,

  • familiäre Verschmelzung.

Medea — zerstörte Liebesbindung

Medea

Medea tötet ihre eigenen Kinder.

Die Griechen sahen darin:

  • Raserei,

  • verletzte Ehre,

  • göttliche Verstrickung,

  • zerstörerische Leidenschaft.

Heute diskutiert man darin:

  • narzisstische Kränkung,

  • Borderline-Dynamik,

  • affektive Entgrenzung,

  • traumatische Desintegration.

Der entscheidende Unterschied zur Moderne

Die Griechen dachten psychisches Leid:

  • kosmologisch,

  • ethisch,

  • familiär,

  • tragisch,

  • religiös.

Die Moderne denkt:

  • neurologisch,

  • diagnostisch,

  • klinisch,

  • individualpsychologisch.

Für die Griechen war Wahnsinn oft: nicht Defekt, sondern Konflikt zwischen:

  • Mensch,

  • Schicksal,

  • Schuld,

  • Gottheit,

  • Familie,

  • Begehren,

  • Ordnung.

 
 
 

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