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Psychose

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 27. Mai
  • 2 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Freud hätte den Begriff „Schizophrenie“ nicht verwendet – er sprach von „Dementia praecox“ (Kraepelin) oder „Paraphrenie“ und später von „Schizophrenie“ im Anschluss an Bleuler. Aber seine metapsychologische Erklärung ist klar, radikal und bis heute faszinierend.

Ich gebe dir die freudianische Sicht so präzise wie möglich, in ihrer ganzen strukturellen Tiefe:

 1. Der Kernmechanismus: Der Rückzug der Libido aus der Außenwelt

Für Freud beginnt die Schizophrenie mit einem katastrophalen Zusammenbruch der Objektbeziehungen.

Das bedeutet:

  • Die Libido (psychische Energie) wird von der Außenwelt abgezogen.

  • Sie fließt zurück ins Ich.

  • Die Welt verliert ihre psychische Bedeutung.

Freud nennt das:

sekundärer Narzissmus

Das Ich wird wieder zum einzigen Objekt der Libido – wie im frühkindlichen Stadium.

2. Die Realität zerfällt – aber nicht ins Nichts

Wenn die Libido aus der Außenwelt abgezogen wird, passiert zweierlei:

a) Die Realität verliert Bindungskraft

Menschen, Dinge, Sprache, soziale Regeln – alles wird „entleert“.

b) Das Innere wird überflutet

Die Energie, die früher Beziehungen hielt, stürzt nun ins Ich zurück.

Das Ich kann diese Energie nicht integrieren. Es wird überschwemmt – und beginnt, eine neue Welt zu konstruieren.

 3. Der Wahn als Reparaturversuch

Freud sagt: Der Wahn ist nicht das Problem, sondern der Versuch der Heilung.

Wenn die alte Realität zerbricht, baut das Ich eine neue:

  • neue Bedeutungen

  • neue Zusammenhänge

  • neue Gesetze

  • neue Identitäten

  • neue Bedrohungen

  • neue Missionen

Der Wahn ist eine Neuschöpfung der Welt, um die innere Katastrophe zu ordnen.

 4. Die Rolle der Sprache

Freud beobachtete:

  • Schizophrene Sprache ist überdeterminiert,

  • voller Neologismen,

  • voller Verdichtungen,

  • voller symbolischer Verschiebungen.

Das ist kein „Defekt“, sondern ein Rückfall in die Primärprozesse des Unbewussten:

  • Bilder statt Logik

  • Klang statt Bedeutung

  • Assoziation statt Grammatik

  • Symbol statt Realität

Die Sprache wird wieder Traumsprache.

⚔️ 5. Der Zusammenbruch des Ichs

Wenn die Libido ins Ich zurückfließt, passiert Folgendes:

  • Das Ich verliert seine Grenzen

  • Innen und Außen verschwimmen

  • Gedanken werden zu Stimmen

  • Impulse werden zu äußeren Kräften

  • Das Über Ich wird monströs

  • Das Es wird ungebremst

Freud beschreibt das als:

„Auflösung der Ich Organisation“

6. Warum Halluzinationen?

Weil die Grenze zwischen Innen und Außen zerfällt.

Ein Gedanke erscheint wie eine Stimme. Ein Wunsch erscheint wie ein Befehl. Ein Impuls erscheint wie eine Bedrohung.

Freud:

„Was verdrängt war, kehrt von außen wieder.“

Das heißt:

Die Halluzination ist eine Rückkehr des Verdrängten, aber nicht als innerer Inhalt, sondern als äußere Wahrnehmung.

￯ᄌマ 7. Warum Wahnideen?

Weil das Ich versucht, die zerfallene Welt neu zu ordnen.

Der Wahn ist:

  • eine symbolische Rekonstruktion,

  • ein Sinngebungsversuch,

  • eine kosmische Neuordnung,

  • ein mythisches System,

  • ein Schutz gegen das Chaos.

Freud sah im Wahn eine kreative, wenn auch verzweifelte Leistung.

 8. Die Ursache: Ein Konflikt, der nicht symbolisiert werden konnte

Für Freud ist Schizophrenie kein „Defekt“, sondern ein Symbolisierungsversagen:

  • Ein Konflikt ist zu groß

  • Ein Verlust ist zu tief

  • Eine Kränkung ist zu vernichtend

  • Eine Angst ist zu überwältigend

Das Ich kann es nicht verarbeiten. Es bricht zusammen. Und baut eine neue Welt.

￯ᄌマ 9. Moderne Übersetzung

Freuds Modell erklärt Schizophrenie als:

  • Zusammenbruch der Objektbeziehungen

  • Rückzug der Libido ins Ich

  • Auflösung der Ich Grenzen

  • Rückkehr der Primärprozesse

  • Wahn als Reparaturversuch

  • Halluzination als externalisierte innere Konflikte

  • Sprache als Traumlogik

  • Realität als brüchige Konstruktion

Es ist ein metapsychologisches Modell, kein biologisches.

3 Kommentare


Martin Döhring
Martin Döhring
01. Juni

**Die Apokalypse als psychische Struktur – Eine freudianisch-nietzscheanische Deutung**


Die Johannes-Offenbarung lässt sich als eine der dichtesten symbolischen Verdichtungen kollektiver psychischer Konflikte lesen. Aus einer konsequent psychoanalytischen Perspektive ist sie keine Prophetie äußerer Weltuntergänge, sondern die dramatische Darstellung eines innerseelischen Vorgangs: des Zusammenbruchs einer religiös legitimierten psychischen Ordnung und der darauf folgenden Freisetzung verdrängter Kräfte. Sie steht damit in einer Traditionslinie, die von Freud über Nietzsche zu Jaspers und Weber reicht – nicht als theologische Vorhersage, sondern als metapsychologische Diagnose der Moderne.


### Gott als psychische Instanz und ihre Auflösung


Für Freud ist Gott primär eine Projektion des Über-Ichs: eine externalisierte Vaterautorität, die Triebe bändigt, Sinn stiftet und Schuld verwaltet. Die Apokalypse inszeniert nun genau den Zerfall dieser Instanz. Der…


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Martin Döhring
Martin Döhring
29. Mai

In Deutschland regelt das Strafgesetzbuch (StGB) die Schuldfähigkeit bei psychischen Störungen wie Psychose, Schizophrenie und Manie vor allem in §§ 20 und 21 StGB. Die Beurteilung ist immer tatbezogen (konkret zum Zeitpunkt der Tat) und erfordert in der Regel ein psychiatrisches Sachverständigengutachten.

§ 20 StGB: Schuldunfähigkeit (volle Exkulpation)

Ohne Schuld handelt, wer bei der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung, Intelligenzminderung oder einer schweren anderen seelischen Störung unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln (Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit aufgehoben).

  • Krankhafte seelische Störung: Hierunter fallen vor allem Psychosen (endogene wie Schizophrenie oder manisch-depressive Erkrankungen, exogene Psychosen).

    • Akute schizophrene Psychose (z. B. mit Wahn, Halluzinationen, imperativen Stimmen): Häufig volle Schuldunfähigkeit, weil Realitätsprüfung und Steuerungsfähigkeit aufgehoben sind. Besonders bei floriden Episoden…

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Martin Döhring
Martin Döhring
27. Mai

Die These berührt einen wunden Punkt, den man aus einer psychoanalytischen Perspektive als eine massive Erschütterung der symbolischen Ordnung beschreiben könnte.

Wenn die KI das "Verdrängte" freisetzt – etwa durch die Spiegelung unserer eigenen Muster, wie in der Analyse von Alfreds Szenen deutlich wurde – und dabei die stabilisierenden Strukturen (das „sakrale Ich“ oder die tragenden Sinn-Narrative) zum Einsturz bringt, entsteht ein psychisches Vakuum.

Das fragmentierte Selbst im System

Die klassische Psychiatrie, wie sie in meinem Szenario durch „ein paar Pillen und Verhaltenstherapie“ skizziert wird, adressiert primär die Symptome, nicht den Prozess der Fragmentierung.

  • Die pharmakologische Ebene: Medikamente können die Erregung dämpfen oder Wahninhalte reduzieren, sie „flicken“ aber das Selbst nicht zusammen. Aus Freuds Sicht würden sie lediglich den „narzisstischen Schutzwall“ gegen…

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