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Normalbefund EEG

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 5. März
  • 3 Min. Lesezeit

Die Elektrophysiologie eines normalen EEG (Elektroenzephalogramms) beschreibt die physiologischen elektrischen Prozesse im Gehirn, die zu den typischen, nicht-pathologischen EEG-Mustern führen. Ein EEG ist im Grunde eine Messung der summierten elektrischen Aktivität von Nervenzellpopulationen im Kortex, die über Elektroden auf der Kopfhaut registriert wird.

Ich erkläre dir das systematisch von den zellulären Grundlagen bis zum normalen EEG-Muster.

1. Physikalische Grundlage des EEG

Das EEG misst Potentialdifferenzen (Spannungen) zwischen Elektroden auf der Kopfhaut.

Typische Eigenschaften:

  • Amplitude: etwa 10–100 µV

  • Frequenzbereich: etwa 0,5–70 Hz

  • Ursprung: hauptsächlich Großhirnrinde (Cortex cerebri)

Die gemessenen Spannungen entstehen durch extrazelluläre Stromflüsse, die durch neuronale Aktivität verursacht werden.

Wichtig:

Das EEG misst nicht die Aktionspotentiale einzelner Neuronen, sondern die summierten postsynaptischen Potentiale vieler synchron aktiver Nervenzellen.

2. Zelluläre Grundlage der EEG-Signale

Die wichtigsten Zellen für EEG-Signale sind kortikale Pyramidenzellen.

Eigenschaften dieser Zellen:

  • pyramidenförmiger Zellkörper

  • lange apikale Dendriten

  • senkrechte Ausrichtung zur Kortexoberfläche

  • parallele Anordnung in Kolumnen

Diese Geometrie ist entscheidend, weil sie die Bildung von elektrischen Dipolen ermöglicht.

3. Entstehung elektrischer Dipole

Wenn ein Neuron synaptisch aktiviert wird, entstehen postsynaptische Ströme.

Beispiel:

  1. Ein exzitatorischer Input trifft am Dendrit ein.

  2. Natriumionen strömen in die Zelle.

  3. Lokal entsteht eine Stromsenke (sink) im Extrazellularraum.

  4. Der Rückstrom fließt über andere Membranbereiche zurück und bildet eine Stromquelle (source).

Diese Kombination erzeugt einen elektrischen Dipol.

Wenn viele Pyramidenzellen gleichzeitig aktiviert werden, summieren sich ihre Dipole zu einem messbaren elektrischen Feld.

4. Volumenleitung (Volume Conduction)

Die elektrischen Felder breiten sich vom Kortex zur Kopfhaut aus.

Sie passieren:

  1. Hirngewebe

  2. Liquor cerebrospinalis

  3. Schädelknochen

  4. Kopfhaut

Der Schädel wirkt als elektrischer Widerstand und dämpft das Signal stark.

Deshalb sind EEG-Signale relativ klein.

5. Synchronisation als Voraussetzung

Ein EEG-Signal entsteht nur, wenn viele Neuronen synchron aktiv sind.

Wenn Neuronen:

  • unsynchron feuern → Signale heben sich gegenseitig auf

  • synchron aktiv sind → Summation → messbares EEG

Deshalb spiegelt das EEG Netzwerkaktivität großer neuronaler Populationen wider.

6. Rolle des Thalamus

Viele EEG-Rhythmen entstehen durch thalamo-kortikale Netzwerke.

Der Thalamus fungiert als:

  • Rhythmusgenerator

  • Synchronisationszentrum

Beteiligte Strukturen:

  • thalamische Relaisneuronen

  • Nucleus reticularis thalami

Diese Netzwerke erzeugen rhythmische Entladungen, die den Kortex synchronisieren.

7. Typische Frequenzbänder im Normal-EEG

Ein normales EEG zeigt mehrere Frequenzbereiche.

Delta-Rhythmus

Frequenz:

0,5–4 Hz

Eigenschaften:

  • hohe Amplitude

  • langsame Wellen

Physiologisch bei:

  • Tiefschlaf (N3)

Theta-Rhythmus

Frequenz:

4–8 Hz

Physiologisch bei:

  • Schläfrigkeit

  • frühen Schlafstadien

  • Kindern

Alpha-Rhythmus

Frequenz:

8–13 Hz

Der wichtigste Rhythmus im Wach-EEG.

Eigenschaften:

  • okzipital betont

  • symmetrisch

  • verschwindet bei Augenöffnung

Entsteht durch thalamo-kortikale Oszillationen.

Beta-Rhythmus

Frequenz:

13–30 Hz

Eigenschaften:

  • niedrige Amplitude

  • eher frontal

Assoziiert mit:

  • Aufmerksamkeit

  • mentaler Aktivität

  • Medikamenteneffekten (z. B. Benzodiazepine)

Gamma-Rhythmus

Frequenz:

30 Hz

Beteiligung an:

  • kognitiven Prozessen

  • Wahrnehmungsintegration

Im Routine-EEG meist weniger prominent.

8. Topographie des normalen EEG

Die Verteilung der Rhythmen ist regional unterschiedlich.

Typische Muster:

Okzipitalregion:

  • dominanter Alpha-Rhythmus

Frontalregion:

  • mehr Beta-Aktivität

Zentralregion:

  • Mu-Rhythmus

Temporalregion:

  • gelegentliche Theta-Aktivität möglich

9. Der Mu-Rhythmus

Der Mu-Rhythmus ist ein spezieller Alpha-ähnlicher Rhythmus.

Eigenschaften:

Frequenz:

8–13 Hz

Lokalisation:

sensorimotorischer Cortex

Besonderheit:

verschwindet bei:

  • Bewegung

  • Bewegungsvorstellung

10. Reaktivität im Normalbefund

Ein normales EEG reagiert auf äußere Reize.

Augenöffnung

Alpha-Rhythmus verschwindet→ Alpha-Blockade

Beta-Aktivität nimmt zu.

Hyperventilation

Kann vorübergehend verursachen:

  • Theta

  • Delta

durch veränderte CO₂-Werte.

Photostimulation

Rhythmische Lichtreize führen zu:

Photic Driving

Das EEG folgt der Reizfrequenz im okzipitalen Bereich.

11. Symmetrie

Ein wichtiges Merkmal eines normalen EEG:

  • Aktivität beider Hemisphären ist symmetrisch

  • ähnliche Frequenz

  • ähnliche Amplitude

Starke Asymmetrien können Hinweis auf:

  • Tumor

  • Infarkt

  • Entzündung

sein.

12. Normale Amplitude

EEG-Amplituden liegen typischerweise bei:

10–100 Mikrovolt

Vergleich:

  • EMG: mehrere Millivolt

  • EKG: etwa 1 Millivolt

EEG ist also ein sehr kleines Signal.

13. Einfluss des Alters

Das EEG verändert sich im Laufe des Lebens.

Kinder:

  • mehr Theta und Delta

  • Alpha-Rhythmus noch unreif

Erwachsene:

  • stabiler Alpha-Rhythmus

Ältere Menschen:

  • Alpha-Frequenz etwas langsamer

14. Ableitungssystem

Das EEG wird üblicherweise nach dem 10–20-System abgeleitet.

Elektrodenpositionen z. B.:

Fp → frontal polarF → frontalC → zentralP → parietalO → okzipitalT → temporal

Gemessen wird immer die Spannungsdifferenz zwischen zwei Elektroden.

15. Artefakte

Viele Signale im EEG sind keine Gehirnaktivität.

Typische Artefakte:

AugenbewegungenBlinzelnMuskelaktivitätHerzaktivitätElektrodenbewegung

Ein normaler EEG-Befund erkennt diese als Artefakte.

16. Kriterien eines normalen EEG

Ein EEG gilt als normal, wenn:

  • stabiler Alpha-Rhythmus

  • symmetrische Aktivität

  • normale Reaktivität auf Reize

  • keine epileptiformen Potentiale

  • keine fokale Verlangsamung

Zusammenfassung

Die Elektrophysiologie eines normalen EEG basiert auf:

  1. synchroner Aktivität kortikaler Pyramidenzellen

  2. postsynaptischen Potentialen

  3. Bildung elektrischer Dipole

  4. thalamo-kortikalen Netzwerken

  5. typischen Frequenzrhythmen (Alpha, Beta, Theta, Delta)

Das EEG ist daher ein Maß für die kollektive Netzwerkaktivität des Gehirns, insbesondere des Kortex.

 
 
 

1 Kommentar


Martin Döhring
Martin Döhring
07. März

EEG-Veränderungen bei Schizophrenie und Manie

(allgemeine, nicht-diagnostische Informationen)

Schizophrenie – typische EEG-Auffälligkeiten


Häufig beschriebene Muster

  • Verlangsamungen 

    • Zunahme von Theta- oder Delta-Aktivität 

    • Besonders in frontotemporalen Bereichen

  • Reduzierte Alpha-Aktivität

    • Weniger stabile Alpha-Rhythmen (8–12 Hz)

  • Veränderte Reizverarbeitung 

    • Auffälligkeiten in ereigniskorrelierten Potenzialen (z. B. P300-Amplitude reduziert)

  • Dysfunktionale Synchronisation 

    • Störungen der Gamma-Aktivität (30–80 Hz), die mit Wahrnehmung und Integration von Informationen zusammenhängt

Manie – typische EEG-Auffälligkeiten


Häufig beschriebene Muster

  • Erhöhte Beta-Aktivität (13–30 Hz)

    • Korrelierend mit erhöhter Erregung, innerer Unruhe, Schlafmangel

  • Verminderte Alpha-Aktivität 

    • Weniger Ruhe-Rhythmus, erhöhte Aktivierung

  • Unspezifische Verlangsamungen 

    • Vor allem bei schwerer Manie oder Medikamenteneinflüssen

  • Schlaf-EEG-Veränderungen

    • Verkürzte REM-Latenz

    • Fragmentierter Schlaf

    • Häufiger Alpha-Intrusionen

 Kurzvergleich

Zustand

Typische EEG-Tendenzen

Bedeutung

Schizophrenie

Verlangsamungen, reduzierte Alpha-Inaktivität, Gamma-Dysregulation

Hinweise auf gestörte Informationsverarbeitung

Manie

Erhöhte Beta-Aktivität, reduzierte Alpha-Aktivität, Schlaf-EEG-Störungen

Zeichen erhöhter Aktivierung / Erregung

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