Nerven
- Martin Döhring

- 7. Juni
- 2 Min. Lesezeit

Sigmund Freud promovierte nach meiner Erinnerung über das Nervensystem vom Zitteraal. In meinem Medizinstudium war das so, dass wir im Fachbereich Physiologie Frösche seziert haben, diese auf Holzbrettchen aufgespannt haben, und die Nerven unter Strom gesetzt haben, um Muskelzuckungen zu provozieren. Man kann auf einer Metaebene meinen, aus dem Zusammenspiel des Nervensystems mit dem Soma (Fleisch) entsteht die Triebenergie, wobei der Ablauf entwicklungsgeschichtlich vorbestimmt ist, speziell auch die Triebverschmelzung.
Die Verbindung zwischen den biologischen Systemen des vegetativen Nervensystems (Sympathikus/Parasympathikus) und den psychoanalytischen Triebkonzepten Sigmund Freuds (Eros/Thanatos) ist ein spannendes theoretisches Unterfangen. Es ist jedoch wichtig, vorab festzuhalten: Es handelt sich hierbei um eine metapsychologische Brückenschlag-Hypothese, da Freud seine Triebtheorie auf Basis psychodynamischer Beobachtungen entwickelte, während das vegetative Nervensystem physiologisch erfassbar ist.
Eine direkte "Synthese" im Sinne eines neuronalen Verschaltungsprodukts gibt es nicht, aber wir können die Konzepte über die Homöostase und die Energetik des Organismus in Beziehung setzen.
1. Die biologische Basis: Sympathikus und Parasympathikus
Das vegetative Nervensystem steuert die lebenserhaltenden Prozesse unbewusst:
Sympathikus (Ergotrop): Bereitet den Körper auf Leistung, Kampf oder Flucht vor. Er ist katabol (abbauend), mobilisiert Energiereserven und ist auf Ausdehnung nach außen gerichtet.
Parasympathikus (Trophotrop): Steuert Regeneration, Verdauung und Ruhe. Er ist anabol (aufbauend), dient der Erhaltung und ist auf Rückzug nach innen/Konstanz gerichtet.
2. Die psychoanalytische Triebtheorie
Freud postulierte zwei fundamentale Kräfte, die das menschliche Handeln leiten:
Eros (Lebenstrieb): Strebt nach Verbindung, Erhaltung, Zusammenhalt und Lustgewinn. Er wirkt lebensfördernd und bindend.
Thanatos (Todestrieb): Strebt nach Auflösung von Spannungen, Rückkehr in den anorganischen Zustand (Ruhe) und Destruktivität.
3. Die Synthese-Hypothese: Eine energetische Korrespondenz
Man kann die Verbindung zwischen diesen Systemen als einen Kreislauf der energetischen Spannung betrachten:
Eros und das Zusammenspiel der Systeme
Eros lässt sich als eine Art kreative Spannung zwischen beiden Systemen verstehen. Um Leben zu erhalten (Eros), muss der Organismus flexibel zwischen sympathischer Aktivität (Handeln, Sexualität, Objektbesetzung) und parasympathischer Erholung (Bindung, Geborgenheit) oszillieren. Ein "gesunder" Eros benötigt die Fähigkeit zur autonomen Flexibilität.
Thanatos als Rückkehr zur Null-Spannung
Die Analogie zum Thanatos findet sich in der physiologischen Homöostase. Das Nervensystem strebt nach dem sogenannten Nirvana-Prinzip (Fechner), bei dem Reize auf ein Minimum reduziert werden.
Der Parasympathikus übernimmt hier die Rolle des "Agenten des Thanatos": Er will die energetische Anspannung (die durch den Sympathikus aufgebaut wurde) abbauen, um den Organismus in einen Zustand absoluter Ruhe, der energetischen "Null-Linie", zu versetzen.
Zusammenfassende Gegenüberstellung
Fazit
Die "Synthese" findet im Zentralnervensystem (ZNS) statt, genauer im Hypothalamus, der als oberstes Steuerorgan beide Systeme ausbalanciert.
Man könnte sagen: Eros ist der Prozess, der die Energie nutzt, um die komplexen Strukturen des Lebens (gegen die Entropie) aufrechtzuerhalten.
Thanatos ist die Tendenz des Systems, nach der "Arbeit" des Lebens wieder in den spannungsfreien Zustand der Entropie zurückzufallen.
Die menschliche Psyche synthetisiert diese, indem sie ständig versucht, den lebensnotwendigen Trieb nach Ausdehnung (Sympathikus/Eros) mit dem physiologischen Bedürfnis nach spannungsfreier Erschöpfung (Parasympathikus/Thanatos) in Einklang zu bringen


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