Entwicklung und Fortführung des Menschenparks
- Martin Döhring

- 5. Jan. 2020
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Apr.

...interessanter und legitimer Sprung vom Individuum zur Gesellschaft – genau die Art von Brückenschlag, die Freud selbst in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (1921) und „Das Unbehagen in der Kultur“ angedeutet hat: Ich fusioniere Freuds Strukturmodell (Es – Ich – Über-Ich) mit seiner psychosexuellen Entwicklung und übertrage es auf eine soziologische Ebene unter Einbeziehung von Fritz Riemanns Persönlichkeitstypologie. Ich gehe Schritt für Schritt auf meine Hypothese ein und versuche, sie psychoanalytisch, soziologisch und ethisch zu beleuchten.
### 1. Kurze Rekapitulation meiner Hypothese (damit wir auf derselben Seite sind)
- Durch die psychosexuelle Entwicklung (besonders orale, anale und phallische Phase) entsteht das Über-Ich als internalisierte elterliche/kulturelle Autorität. Es kanalisiert Triebverzicht und erzeugt Schuldgefühl.
- In einer Gesellschaft könnte unter bestimmten Bedingungen (z. B. Erziehungsnormen, Medien, wirtschaftliche Unsicherheit, kultureller Wandel) ein statistisch dominanter Persönlichkeitstyp entstehen: depressiv (Riemann-Achse: Angst vor Objektverlust, Sehnsucht nach Symbiose, Statik, Vermeidung von Trennung) plus zwanghaft (Riemann-Achse: Angst vor Chaos/Veränderung, überstarke Ordnung, Kontrolle, Rechts- und Regelgläubigkeit).
- Dieser Typ entwickelt in demokratisch-populistischer Form einen Gruppenwillen (ähnlich Freuds „Massenpsychologie“: Identifikation mit Führer/Idee + regressive Ich-Schwächung).
- Folge: Das kollektive „kulturelle Skript“ wird unter dem Motiv Leidensreduktion umgeschrieben. Konflikte, die für diesen Typ besonders bedrohlich sind (z. B. der Ödipuskonflikt mit seiner Trennungs- und Rivalitätsaggression), werden systematisch herausgeschnitten oder verflacht.
- Ergebnis auf soziologischer Ebene: Triebverflachung – weniger Eros/Thanatos-Spannung, mehr Sicherheit, aber auch weniger vitale Dynamik.
Das ist eine scharfsinnige Diagnose moderner „Safe-Space“- und Cancel-Culture-Tendenzen, die ich hier auf Freud/Riemann herunterbreche.
### 2. Wie könnte ein solcher Typ dominant werden?
Freud würde sagen: Das kollektive Über-Ich einer Gesellschaft spiegelt die herrschenden Erziehungs- und Kulturtechniken wider. Wenn die phallische Phase gesellschaftlich systematisch „entschärft“ wird (z. B. durch genderneutrale Erziehung, Tabuisierung von Rivalität, frühe Konfliktvermeidung), entsteht ein schwächeres, aber rigideres Über-Ich: stark regelorientiert (zwanghaft) und gleichzeitig abhängig von äußerer Bestätigung (depressiv).
Riemann ergänzt: Der depressiv-zwanghafte Typ leidet unter der „Doppeldrohung“ von Verlustangst und Kontrollverlustangst. In unsicheren Zeiten (Globalisierung, Klimawandel, digitale Überreizung) wird genau dieser Typ statistisch belohnt – er ist angepasst, zuverlässig, konfliktvermeidend und wählt populistisch das, was „Sicherheit und Ordnung“ verspricht. Der Gruppenwille entsteht dann über Massenidentifikation (Freud): „Wir alle wollen dasselbe – keine schmerzhaften Konflikte mehr.“
### 3. Soziologische Folgen: Triebverflachung als kulturelles Skript
Das kulturelle Skript würde dann:
- Ödipus-ähnliche Konflikte (Rivalität, sexuelle Differenz, Autonomie vs. Abhängigkeit) entweder pathologisieren oder „dekonstruieren“ (z. B. durch Tabuisierung von „Toxizität“, starke Normierung von Konsens, Vermeidung von Hierarchie).
- Triebe flachhalten: Weniger Sublimierung in große Kunst oder Wissenschaft, dafür mehr „Wellness“ und „Achtsamkeit“.
- Das Es wird nicht mehr durch ein starkes, aber flexibles Ich/Über-Ich gebändigt, sondern durch ein kollektives, ängstliches Über-Ich „befriedet“.
Das wäre die radikale Fortsetzung von Freuds Unbehagen: Statt unvermeidlichem Triebverzicht versuchen wir nun, das Unbehagen ganz abzuschaffen – mit der Folge einer Kultur, die nicht mehr „unbehaglich“, sondern langweilig und steril wird. Freud würde das vermutlich als Regression auf eine orale/anale Symbiose-Ebene diagnostizieren.
### 4. Die ethische Frage: Moralisch zulässig?
Hier wird es spannend – und hier gibt es keine einfache „Ja/Nein“-Antwort, sondern unterschiedliche Perspektiven, die ich dir neutral gegenüberstelle:
Perspektive 1 – Leidensreduktion als zivilisatorisches Gebot (utilitaristisch/freud-konform)
Freud selbst sagt in „Unbehagen“: Kultur dient der Leidensminderung. Wenn wir durch kollektive Triebverflachung tatsächlich weniger Neurosen, Aggression und Unglück produzieren, wäre es ethisch sogar geboten. Zivilisation ist ja genau das: systematische Triebkontrolle. Warum nicht konsequent weitergehen und den Ödipuskonflikt „aus dem Skript schneiden“, wenn er nur noch Leid erzeugt? Ein depressiv-zwanghafter Gruppenwille wäre dann nur die logische Weiterentwicklung der Zivilisation.
Perspektive 2 – Individuation als „Testament der menschlichen Kultur“ (existentiell/jungianisch/freud-kritisch)
Individuation (bei Freud: erfolgreiche Auflösung der psychosexuellen Phasen hin zur genitalen Reife) lebt gerade vom Durcharbeiten der Konflikte. Den Ödipus „herausschneiden“ bedeutet, dem Menschen die Chance zu nehmen, ein starkes Ich zu bilden, das Es und Über-Ich integriert. Die menschliche Kultur ist kein Wellness-Programm, sondern das Testament der Triebkonflikte – von der griechischen Tragödie über Shakespeare bis zur Moderne. Eine Kultur ohne Ödipus wäre eine Kultur ohne Tragik, ohne echte Freiheit, ohne wirkliche Individuation. Sie würde letztlich nicht befreien, sondern infantilisieren. Nietzsche würde hier von „letztem Menschen“ sprechen, der nur noch „blinzelt“ und Sicherheit will.
Perspektive 3 – Psychoanalytisch-gesellschaftskritisch
Eine solche Entwicklung wäre auf Dauer selbstzerstörerisch. Das verdrängte Material (Aggression, Sexualität, Rivalität) kehrt als kollektives Symptom wieder – sei es als plötzlicher Ausbruch von Gewalt, als Massenhysterie oder als totale Apathie. Freud hat das in „Warum Krieg?“ bereits 1932 an Einstein geschrieben: Die Kultur kann Triebe nicht beliebig entschärfen, ohne dass der Todestrieb sich neue Bahnen sucht. Ein depressiv-zwanghaftes Kollektiv würde also nicht das Ende des Unbehagens bedeuten, sondern nur eine andere, vielleicht noch perfidere Form davon (chronische Langeweile + latente Panik).
### Mein eigener analytischer Schluss (ohne moralische Parteinahme)
Meine Hypothese beschreibt sehr treffend Tendenzen, die wir heute beobachten können („Therapeutisierung der Gesellschaft“, Konfliktvermeidung als höchstes Gut, Statik statt Dynamik). Ob sie moralisch zulässig ist, hängt davon ab, was wir als Ziel der Kultur definieren:
- Maximale Leidensfreiheit → dann ja.
- Maximale menschliche Entfaltung und Individuation → dann nein, weil sie den Preis der Authentizität und der vitalen Spannung zahlt.
Freud selbst wäre wohl skeptisch gewesen: Er hat die Kultur nie als Paradies, sondern als notwendiges, tragisches Gefängnis gesehen. Den Käfig noch weicher polstern zu wollen, ändert nichts am grundsätzlichen Unbehagen – es verschiebt es nur.

Das ist eine hochspannende Synthese aus Psychoanalyse, Charakterkunde (Riemann) und Gesellschaftskritik. Ich beschreibe im Kern die Angst vor einer "entpialisierten" Gesellschaft – also einer Kultur, die den schmerzhaften Reifungsprozess des Ödipuskomplexes durch eine statische, zwanghaft-depressive Struktur ersetzt.
Hier ist eine Analyse meiner These:
1. Das soziologische Profil: Der "depressiv-zwanghafte" Gruppenwille
In Fritz Riemanns Modell (Grundformen der Angst) stehen die Achsen für Grundängste:
Depressive Struktur: Angst vor Ich-Werdung und Abgrenzung (Wunsch nach Verschmelzung und Harmonie).
Zwanghafte Struktur: Angst vor Wandel und Vergänglichkeit (Wunsch nach Sicherheit, Regeln und Statik).
Wenn dieser Typus die gesellschaftliche Dominanz übernimmt, entsteht eine Kultur der Konfliktvermeidung. Um die Angst vor dem Objektverlust (Depression) und dem Chaos (Zwang) zu bändigen, wird das gesellschaftliche "Skript" so umgeschrieben, dass Reibungspunkte minimiert werden.
2.…
Halte ich für das beste Bild, welches ich 2015 gemalt habe. Hängt bei uns in der Diele.