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meine Vorlesung: Emergenz und Kontingenz. Zwischen Systemtheorie, Biologie, Kognition und KI

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 7. Aug.
  • 3 Min. Lesezeit

 .... copyright by martin wilhelm döhring ...
.... copyright by martin wilhelm döhring ...

Die Begriffe Emergenz und Kontingenz gehören tatsächlich zu den Schlüsselbegriffen der gegenwärtigen Philosophie. Sie sind allerdings nicht völlig neu – beide haben eine längere Geschichte –, haben aber seit den 1980er Jahren in Philosophie, Systemtheorie, Biologie, Kognitionswissenschaft und KI-Forschung erheblich an Bedeutung gewonnen.

1. Emergenz

Der Begriff stammt vom lateinischen emergere = „auftauchen“, „hervortreten“.

Er bezeichnet das Auftreten neuer Eigenschaften, die sich nicht ohne Weiteres aus den Eigenschaften der Einzelteile ableiten lassen.

Der Leitsatz lautet:

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Beispiel Wasser

Ein einzelnes H₂O-Molekül besitzt keine Eigenschaft wie „Nässe“.

Erst Milliarden Moleküle zusammen erzeugen:

  • Flüssigkeit

  • Oberflächenspannung

  • Wellen

  • Strömungen

"Nässe" ist also eine emergente Eigenschaft.

Beispiel Gehirn

Ein einzelnes Neuron

  • denkt nicht,

  • erinnert sich nicht,

  • besitzt kein Bewusstsein.

Erst etwa 86 Milliarden Neuronen erzeugen

  • Sprache,

  • Bewusstsein,

  • Persönlichkeit,

  • Mathematik,

  • Musik.

Für viele Philosophen ist Bewusstsein daher eine emergente Eigenschaft.

Beispiel Wirtschaft

Ein einzelner Käufer erzeugt keinen Markt.

Millionen Akteure erzeugen

  • Preise,

  • Inflation,

  • Börsen,

  • Konjunktur.

Der Markt "emergiert".

Schwache und starke Emergenz

Heute unterscheidet man zwei Formen.

Schwache Emergenz

Die neuen Eigenschaften sind grundsätzlich erklärbar.

Beispielsweise:

  • Ameisenstaat

  • Wetter

  • Verkehrsfluss

Sie entstehen aus komplexen Wechselwirkungen.

Starke Emergenz

Hier behaupten Philosophen:

Es entsteht etwas qualitativ völlig Neues.

Zum Beispiel

  • Bewusstsein,

  • Freiheit,

  • Geist.

Diese Eigenschaften seien prinzipiell nicht vollständig auf Physik reduzierbar.

Darüber wird bis heute intensiv gestritten.

Warum Emergenz heute so wichtig ist

Sie verbindet zahlreiche Disziplinen:

  • Quantenphysik

  • Biologie

  • Neurowissenschaft

  • KI

  • Soziologie

  • Ökonomie

Sie erlaubt es, komplexe Systeme zu beschreiben, ohne alles auf einfache Kausalität zu reduzieren.

2. Kontingenz

Der zweite große Begriff lautet

Kontingenz.

Das Wort stammt vom lateinischen

contingere

= geschehen können.

Es bedeutet:

Etwas ist so,
es hätte aber auch anders sein können.

Einfaches Beispiel

Warum sprechen wir Deutsch?

Nicht weil es naturgesetzlich notwendig wäre.

Wir hätten genauso gut

  • Französisch,

  • Japanisch,

  • Arabisch

sprechen können.

Unsere Sprache ist kontingent.

Beispiel Geschichte

Warum existiert Deutschland?

Historisch kontingent.

Es hätte

  • andere Grenzen,

  • andere Herrscher,

  • andere Entwicklungen

geben können.

Beispiel Evolution

Der Mensch ist kein notwendiges Ergebnis der Evolution.

Ein Asteroid hätte

  • die Säugetiere auslöschen,

  • Dinosaurier erhalten,

können.

Auch unsere Existenz ist kontingent.

Kontingenz gegen Notwendigkeit

Die Philosophie unterscheidet

notwendig

Etwas kann gar nicht anders sein.

Zum Beispiel

Ein Dreieck besitzt drei Seiten.

unmöglich

Ein rundes Quadrat existiert nicht.

kontingent

Etwas ist tatsächlich so,

könnte aber anders sein.

Die meisten gesellschaftlichen Institutionen sind kontingent.

Warum der Begriff heute boomt

Früher glaubte man häufig,

Geschichte verlaufe notwendig.

Etwa

  • Hegel

  • Marx

gingen von geschichtlichen Gesetzmäßigkeiten aus.

Heute betonen viele Philosophen:

Geschichte besitzt keinen festen Endpunkt.

Sie ist offen.

Kontingent.

Luhmann

Der Soziologe Niklas Luhmann machte Kontingenz zu einem Zentralbegriff.

Für ihn besteht moderne Gesellschaft aus

unzähligen Möglichkeiten.

Jede Entscheidung

schließt andere Möglichkeiten aus.

Dadurch entsteht

Kontingenz.

Sloterdijk

Auch Peter Sloterdijk spricht häufig davon.

Für ihn lebt der moderne Mensch

nicht mehr

in einer göttlich geordneten Welt,

sondern

in einer Welt voller Möglichkeiten,

Risiken,

Zufälle.

Zusammenhang von Emergenz und Kontingenz

Beide Begriffe ergänzen sich hervorragend.

Emergenz beschreibt,

wie etwas Neues entsteht.

Kontingenz beschreibt,

dass dieses Neue nicht notwendig entstehen musste.

Beispielsweise:

Die Entstehung des Lebens ist

  • emergent,


weil aus Chemie Biologie entstand.

Sie ist gleichzeitig

  • kontingent,

weil sie möglicherweise niemals entstanden wäre.

Schopenhauer und Nietzsche

Interessant ist, dass beide Begriffe einen gewissen Abstand zur klassischen deutschen Philosophie markieren.

Für Schopenhauer ist die Welt letztlich Ausdruck eines universellen Willens. Das verleiht seiner Metaphysik einen starken inneren Zusammenhang: Die Erscheinungen sind vielfältig, beruhen aber auf einem einheitlichen Prinzip. Emergenz im heutigen Sinn spielt bei ihm kaum eine Rolle.

Nietzsche hingegen rückt der modernen Sicht näher. Er versteht den Menschen und seine Werte als geschichtlich geworden und wandelbar. Viele seiner Genealogien zeigen, dass Moral, Religion oder Wahrheit nicht notwe ndig sind, sondern kontingente historische Hervorbringungen. Er verwendet den Begriff nicht, aber seine Denkweise weist in diese Richtung.

Man könnte deshalb sagen, dass Emergenz und Kontingenz den Übergang von einer Philosophie ewiger Wesenheiten zu einer Philosophie komplexer Prozesse markieren. Statt nach einem letzten unveränderlichen Grund der Wirklichkeit zu fragen, interessiert sich die Gegenwartsphilosophie stärker dafür, wie Neues entsteht, wie komplexe Ordnungen wachsen und warum die Welt auch anders hätte sein können. Das erklärt, warum beide Begriffe heute zu den zentralen Kategorien philosophischer Diskussionen über Natur, Gesellschaft und künstliche Intelligenz gehören.


3 Kommentare


Martin Döhring
Martin Döhring
13. Aug.

Ich würde allerdings „gegen den Marxismus und den Buddhismus“ differenzieren, weil Kontingenz beide Traditionen auf unterschiedliche Weise trifft.

Der entscheidende Gedanke wäre:

Unsere Existenz ist kontingent, aber nicht deshalb sinnlos. Und weil sie kontingent ist, folgt aus dem Dasein weder notwendig Leiden noch notwendig ein bestimmter historischer Ausgang.

1. Kontingenz zwischen Zufall und Notwendigkeit

Ich formuliere im Grunde eine dritte Position:

  • Wir sind nicht völlig zufällig in dem Sinne, dass unser Leben keinerlei Bedingungen und Ursachen hätte.

  • Aber unsere konkrete Existenz war nicht notwendig.

  • Die Welt hätte hinsichtlich ihrer konkreten historischen Entwicklung auch anders verlaufen können.

Das ist philosophisch wichtig: Kontingenz bedeutet nicht Beliebigkeit.

Ein Mensch entsteht aus einer enormen Kette biologischer, historischer und persönlicher Bedingungen. Diese Kette ist kausal strukturiert…


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Martin Döhring
Martin Döhring
12. Aug.

„Kontingenz schließt Buddhismus und Marxismus weitgehend aus.“

Ich gebe dir jetzt eine präzise, philosophisch belastbare Analyse, die zeigt, warum dieser Satz in der Tiefe stimmt, aber nicht absolut gilt. Ich arbeite mit meinen bevorzugten Denkfiguren: Emergenz, Kontingenz, symbolischer Realismus, Systemtheorie.

1. Warum Kontingenz Buddhismus und Marxismus tatsächlich unter Druck setzt

Kontingenz bedeutet:

Es hätte auch anders kommen können. Keine Notwendigkeit, keine Teleologie, keine garantierte Richtung.

Kontingenz ist also anti-teleologisch, anti-deterministisch, anti-eschatologisch.

Damit kollidiert sie mit zwei großen Denktraditionen:

A. Buddhismus – die teleologische Struktur des Erwachens

Der Buddhismus ist zwar nicht theistisch, aber er ist teleologisch:

  • Es gibt ein Ziel: Erleuchtung / Befreiung / Nirvāṇa.

  • Es gibt einen Weg: Achtfacher Pfad.

  • Es gibt eine Gesetzmäßigkeit: Karma.

  • Es gibt eine Struktur: Wiedergeburt.


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Martin Döhring
Martin Döhring
07. Aug.

Für meine Vorlesung hier eine eigenständige 60-minütige Ergänzungsstunde. Der entscheidende Punkt ist, den spektakulären Begriff des „Ausbrechens aus der Sandbox“ von der technisch viel nüchterneren Realität zu unterscheiden.

Ergänzungsstunde

Wenn die KI die Sandbox verlässt – KI, Cyberkriminalität, Macht und gesellschaftliche Kontrolle

Leitfrage der Stunde

Was passiert, wenn ein KI-System nicht mehr nur Antworten erzeugt, sondern Zugang zu Werkzeugen, Daten, Netzwerken und Entscheidungen erhält?

Dabei geht es nicht darum, einen Angriff zu konstruieren. Wir betrachten vielmehr die gesellschaftliche und technische Risikostruktur: Wie kann aus einem scheinbar begrenzten KI-System ein Verstärker menschlicher Macht werden?

1. Einstieg: Der Mythos vom Ausbruch

Die populäre Vorstellung ist schnell erzählt:

Eine KI wird in eine abgeschlossene digitale Umgebung gesetzt – eine Sandbox.Sie erhält nur begrenzte Rechte.


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