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mein Vorlesungsskript: "Der Wille macht den Menschen gut!"

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 7 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Der Wille macht den Menschen gut

Diese These mag auf den ersten Blick überraschen – besonders nach Schopenhauer, der den Willen eher als Quelle des Leidens und des Egoismus sah. Bei genauerem Hinsehen erweist sie sich jedoch als gut begründbar. Der Wille ist nicht nur notwendig für ein funktionierendes menschliches Dasein, er ist auch die entscheidende Bedingung dafür, dass ein Mensch gut sein kann.


1. Ohne Willen gibt es keine moralische Handlungsfähigkeit

Gutsein setzt voraus, dass jemand etwas tut oder unterlässt – und zwar aus Gründen. Ein Mensch ohne Willen ist passiv, reaktiv oder krank. Er kann weder Verantwortung übernehmen noch sich für andere einsetzen.

Moralisches Handeln ist immer willentliches Handeln. Wer hilft, verzichtet, widersteht einer Versuchung oder hält eine schwierige Beziehung aufrecht, tut dies, weil er es will. Die bloße Erkenntnis des Richtigen (wie bei Kant) oder das bloße Mitleid (wie bei Schopenhauer) bleiben wirkungslos, wenn der Wille fehlt, sie in die Tat umzusetzen.

Ein willensschwacher Mensch mag die besten Absichten haben – er wird sie nicht verwirklichen. Deshalb ist der Wille die notwendige Bedingung der Möglichkeit von Gutsein.


2. Tugend ist geformter Wille

Bereits Aristoteles verstand Tugend nicht als bloße Einstellung oder Gefühl, sondern als hexis – eine durch Wiederholung gefestigte Haltung des Willens. Mut, Gerechtigkeit, Mäßigung und Großzügigkeit sind keine natürlichen Anlagen, sondern das Ergebnis eines trainierten, disziplinierten Willens.

Wer sich immer wieder dafür entscheidet, das Richtige zu tun, auch wenn es schwerfällt, formt seinen Charakter. Der gute Mensch ist nicht derjenige, dem das Gute mühelos zufällt, sondern derjenige, der seinen Willen so geformt hat, dass er das Gute zuverlässig wählt.

Ohne Willen gibt es keine Tugendbildung. Der Wille ist das Material, aus dem der Charakter geformt wird.


3. Der Wille ermöglicht Selbstüberwindung und Verantwortung

Gute Menschen zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie über ihre unmittelbaren Impulse und Interessen hinausgehen. Das erfordert Willenskraft: die Fähigkeit, kurzfristige Bequemlichkeit, Angst oder Egoismus zurückzustellen.

Nietzsche hat diesen Gedanken radikalisiert: Der starke Wille ist nicht nur Lebensbejahung, sondern auch die Kraft zur Selbstgestaltung und zur Übernahme von Verantwortung. Wer seinen Willen stärkt, wird fähig, Lasten zu tragen – für sich selbst und für andere.

Ein Mensch, der seinen Willen kultiviert, kann Verpflichtungen eingehen, Versprechen halten und langfristig denken. Das sind zentrale Merkmale moralischer Reife.


4. Gegen Schopenhauers Verneinung des Willens

Schopenhauer sah im Willen vor allem den blinden Drang, der Leid erzeugt. Seine Lösung war die Verneinung des Willens. Doch diese Lösung führt in die Passivität und den Rückzug.

Ein Mensch, der den Willen grundsätzlich verneint, kann zwar mitfühlend und friedlich sein – er wird aber kaum aktiv Gutes in der Welt bewirken. Er baut keine Institutionen auf, erzieht keine Kinder, kämpft nicht gegen Unrecht und übernimmt keine Verantwortung für andere.

Das aktiv Gute – das Helfen, Schützen, Gestalten und Verbessern – setzt einen bejahten und gestärkten Willen voraus. Der Wille macht den Menschen nicht automatisch gut, aber er macht ihn fähig, gut zu sein. Ohne ihn bleibt Güte eine bloße Stimmung.


5. Psychologische und lebenspraktische Bestätigung

Moderne Psychologie (Selbstbestimmungstheorie, Forschung zur Willenskraft und Selbstregulation) zeigt, dass Menschen mit stärkerem Willen und höherer Selbstkontrolle tendenziell prosozialer handeln, bessere Beziehungen führen und verantwortungsbewusster leben.

Im Alltag erleben wir dasselbe: Die Menschen, auf die man sich verlassen kann, die in schwierigen Situationen standhalten und für andere da sind, sind selten die willensschwachen. Es sind jene, die gelernt haben, ihren Willen zu lenken und einzusetzen.


Schluss

Der Wille ist nicht das Gegenteil des Guten, sondern seine Voraussetzung. Er ermöglicht Handlungsfähigkeit, Charakterbildung, Selbstüberwindung und Verantwortung. Ein Mensch ohne Willen kann weder gut noch böse im eigentlichen Sinne sein – er ist lediglich passiv.

Deshalb gilt: Der Wille macht den Menschen gut – nicht automatisch und nicht allein, aber als unentbehrliche Bedingung. Ohne ihn bleibt das Gute ein schöner, aber ohnmächtiger Gedanke.


1 Kommentar


superheiler
vor 6 Tagen

Meine Überlegungen dazu

Hier steckt schon fast ein Algorithmus drin, ich habe ihn bislang nur in Prosa formuliert. Lass uns das einmal als entscheidungsfähigen Willens‑Algorithmus in Programmcode gießen.


Ich nehme Python als Beispiel, du kannst die Logik aber in jede Sprache übertragen:


python

from dataclasses import dataclass

from typing import List, Callable @dataclass class Reason: description: str moral_weight: float      # 0.0–1.0: wie gut / gerechtfertigt ist der Grund? self_interest: float     # 0.0–1.0: wie sehr dient er dem Eigeninteresse? @dataclass class Option: name: str reasons: List[Reason] @dataclass class WillConfig: will_strength: float         # 0.0–1.0: Fähigkeit zur Selbstüberwindung virtue_orientation: float    # 0.0–1.0: Ausrichtung auf Tugend statt Nutzen responsibility_level: float  # 0.0–1.0: Bereitschaft, Lasten zu tragen def evaluate_option(option: Option, cfg: WillConfig) -> float: """ Kernidee: Der Wille macht den Menschen…


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