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mein schönstes Ferienerlebnis

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 2 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Es ist zwar Sommer gewesen, aber ich lag im kühlen Wiesengrunde, spielte mit meiner Lieblingspuppe am blauen Bach und lauschte dem Gras beim Wachsen...


Es ist schon immer so gewesen: Am letzten Schultag wird in der Klasse gelesen, während draußen der Holzfäller mit der Säge am Baum arbeitet, bis dieser fällt, und die Rücker die Stämme aus dem Wald abtransportieren. In diesem Jahr war alles jedoch etwas anders, denn meine Ferien waren geprägt von einer Reise in die Provinz und der Erleichterung über den Erhalt wichtiger Besorgungen. Die einen Schulkinder kamen am Ende weiter, die anderen mussten Nachsitzen und manche Nuss wird umsonst geknackt , denn sie ist taub. Brave Kinder bekommen eine Tafel Schokolade und den anderen werden Paillettenjäckchen angezogen. Mir selbst ist Schule leicht gefallen, denn meine Eltern hatten alle Bücher und Filme aus der Programmreihe: „Johann, Maria ist simpel!“.

Bevor es losging, schickte Mutti mich wie immer zum Brötchenholen. Sie gab mir Tipps, wie ich beim Einkauf im Laden an der Kasse noch etwas „rauskriegen“ könne. Manchmal holte ich auch Wasser am Brunnen vor dem Tore; er ist so tief, dass man ihm nicht auf den Grund schauen kann. Dort stand das kleine Mädchen unter dem Blindenbaum, las den Hauch im Wind und sagte einfach nur: „Uff!“. Mein Vater arbeitete derweil in der Blitzschmiede an den Ideen für seine Zeichnungen. Man nennt ihn dort „Leonardo“, weil sein bester Schulaufsatz von Leonardo dem Windschiefen handelte. Zuhause gab es jedoch Spannungen; Mutti beschwerte sich bei meinem Vater: „Dein Sohn darf alles!“ , und der Perserteppich mit dem Webfehler störte, außerdem und darüber hinaus hat er angefangen zu stinken. Der Geist war aus dem Apparat entwichen und Fleisch geworden.

Während das Geschirr im Automaten klapperte, der Wagen durch die Waschanlage glitt und Mutti die nächste Maschine Wäsche ansetzte, trödelte ich auf dem Heimweg. Auf dem Markt bemerkte ich, dass der Leierkasten beim „Lied der Flüsse“ schaurig jaulte und heulte – er war in der Wolfsquinte gefangen. Mein Vater wusste jedoch Rat: Er ordnete die Saiten im Klavier neu. Die Töne mussten nun über Zwölf statt nur über Acht Sprossen der Leiter in den Dachboden hochklettern bis es eine Ode wird, im bestimmten Zusammenhang zwischen Melodie und Rhythmus.

Dann begann mein eigentlicher Ferienaufenthalt mit der Einweisung auf den Bauernhof. Der Kurlaub war von Gläubigern organisiert worden und befand sich direkt über einem Schweinestall. Man nannte es einen „Luftkurort“, an dem ich solange bleiben sollte, bis die Luft rein ist. Der Grund war mein „Hochschnupfen“ – eindeutig zu viel „Hoi“. Es war eine seltsame Zeit im Schweinestall mit den Knaben; es fühlte sich an, als würde man in Nimmerland zur Sommerzeit mit den Chinesen Schlitten fahren. Ich aber dachte mir: hoppe hoppe Reiter, der da fehlt ist Streiter. Letztlich bin ich ihnen entlaufen.

Da ich den Farbfilm vergessen hatte (obwohl ich nicht Michael heiße), schickte ich eine Postkarte an meine Eltern, damit sie wussten, dass es mir gut geht. Vor der Entlassung wurde ich von Gelehrten auf meine Reife geprüft. Ihr Urteil war kurz: Der Hund hat angeschlagen und den Kamm aufgestellt. Und das, obwohl er prima „Meenzer Mädchen“ und Männchen machen konnte.

Es folgte die Rückschickung: Bei der Heimkehr stellte ich mit Erschrecken fest, alle Möbel im Haus waren verrückt. Und nicht nur das:

Wieder zu Hause wollte Mutti sofort, dass der Bildschirmempfänger instandgesetzt wird. Sie wollte unbedingt die Übertragung von Hänschen Rosenthal sehen, wenn er „Dalli-Dalli!“ ruft, Vater die tagesschau und ich die Sendung mit der Maus. Als das Essen fertig war, fragten wir uns, ob die Einladung zu Tisch auch für den „Heiligen Geist“ gilt, der draußen im Regen steht, oder für den langsamen Esser. Wir waren an arabischer Folklore nie so wirklich interessiert. Die wahre Erlösung kam jedoch, als der alte Mann vom Kneipptisch aufstand, die Wirtsstube verließ und nach der „5x3“-Regel die Schuhverkäuferin Frau Zehn zum Altar führte. Die Glocken schlugen achtundachtzig Mal als großes Geläut. Sogar die Prinzessin, die die Karre nicht lenken konnte, wurde kurzerhand Königin. Manche Ehen werden eben im Himmel geschlossen und im Stall als Familie vollzogen.

Wir haben auch richtige gute alte Hausmittel für allerlei Wehwehchen... Bei äußeren Affektionen nehmen wir die „Terrorpur“-Salbe, für den Schuppen Teer und sollte jemand wirklich mal krank werden gibt es Hühnersuppe (funktioniert nur mit original Magie-Suppenwürfeln, Wiesenhof Hähnchen und Gemüse und Reis, sonst geht die DDR unter).

Zwischenzeitlich gab es eine Benachrichtigung zu unserer aller Erleichterung über den Erhalt wichtiger Besorgungen.

Sonntag, Mutter schiebt den Braten in die Röhre und Vater schenkt 'nen Whizkey ein, damit Einer in der Kirsche sitzt.

Ansonsten müssen wir regelmäßig die Uhr aufziehen, die bleibt sonst stehen.

Am Ende der Ferien war Mutti heilfroh: Die Rechnungen waren bezahlt, die Pegelstände am Rhein abgelesen und das Leck in der Waschküche abgedichtet. Vater hatte sogar den Rasen gemäht. Die Moral von der Geschichte? Andere Leute tauschen ihre getragene Unterwäsche und wir die Gruft, den Friedhof oder die Gräber. Doch davon geht die Welt nicht unter, denn sie wird ja noch gebraucht. Mutti wechselte einfach die Vorhänge vor den Fenstern, legte den neuen Teppich aus, und alles war wieder in Ordnung. Nichts neues , sozusagen. Alles wie gehabt.

 
 
 

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