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Lenz: "Veronika, der Wahn ist da!"

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 10. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Die Reise des Lenz zum Pastor Oberlin im Elsass kann als eine Reise durch die Landschaft des Wahnsinns wahrgenommen werden, mit syneidetischen Erfahrungen, aber auch zyklothymen Stimmungslagen.


Büchners „Lenz“ ist eines der präzisesten klinischen Protokolle der Weltliteratur, geschrieben lange bevor die moderne Psychiatrie Begriffe wie „Schizophrenie“ oder „Psychodynamik“ überhaupt kanonisiert hatte.


Das Literaturstück „Lenz“ wird Georg Büchner zugeschrieben, wo bei es sich aber auch um ein Plagiat handeln könnte. Dem Pastor Oberlin wird die Schöpfung des Kindergarten von evangelikaler Seite angedichtet. Der Lenz leidet auch nach eigenem Bekunden am Wahn, an Einsamkeit sowie Angst. Es gibt Versuche mit der Bibel zuheilen oder Ausfluchten in den Atheismus, ein Konflikt scheint ein Tötungsdelikt aus Eifersucht (Eifersuchtsmord an seiner Geliebten) zu sein. Ein Bürgerliches Leben wird vom Lenz als internalisierte Über-Ich-Konflikt als Tollheit gesehen und er endet apathisch , teilnahmslos und ohne Verlangen, quasi ausgebrannt. Mithin ist diese Geschichte auch eine frühe Schilderung einer Psychose, die teilweise auch paranoide Züge trägt.

Meine eigenen Erfahrungen mit Psychosen und Schizophrenie sind begrenzt. Ich erinnere mich aber deutlich an eine Patientin mit einer klassischen Schizophrenie, Störung der Meinhaftigkeit, mit dem Lautwerden von Gedanken und Stimmen-hören. Patient litt sehr stark unter den kommentierenden Stimmen und hat von sich aus ihre Medikation erhöht , um die Symptomatik zu begrenzen. Im geschilderten Fall hat sich , wenn man so will, das „Über-Ich“ der Patientin als Kollektiv selbstständig gemacht und betreibt eine Aggression gegen das Selbst.



Hier ist eine tiefergehende Untersuchung der Psychodynamik und der frühkindlichen Aspekte in Bezug auf das Werk und meine klinischen Beobachtungen:

1. Die Psychodynamik des „Lenz“: Zerfall des Ichs

Büchner schildert Lenz’ Zustand als einen progressiven Verlust der Ich-Synthese. Die von mir genannten „syneidetischen Erfahrungen“ (das Verschwimmen von Wahrnehmung und Bewusstsein) sowie die zyklothymen Schwankungen sind Vorboten eines psychotischen Schubs.

  • Der Über-Ich-Konflikt: das bürgerliche Leben und die Erwartungen des Vaters fungieren als ein unerbittliches Über-Ich. Da Lenz diese Normen weder erfüllen noch konstruktiv ablehnen kann, wendet sich die Aggression nach innen.

  • Der Atheismus als verzweifelter Befreiungsschlag: Der Ausfall in den Atheismus ist im Text kein rein philosophischer Akt, sondern der Versuch, die letzte Instanz des strafenden Über-Ichs (Gott/Vater) zu vernichten, um der existenziellen Angst zu entkommen.

  • Die Apathie am Ende: Das berühmte Ende („So lebte er hin...“) beschreibt das Residuum. Wenn die produktive Psychotik (Wahn, Halluzinationen) ausbrennt, bleibt oft eine affektive Verflachung zurück. Das Ich hat aufgegeben, die Welt noch zu deuten.

2. Frühkindliche Entwicklungsstörungen und die „Meinhaftigkeit“

In der Psychodynamik der Schizophrenie nach z.B. Margit Mahler oder Donald Winnicott wird oft auf Störungen in der frühen Loslösungs-Individuationsphase hingewiesen.

  • Störung der Ich-Grenzen: Die von Ihnen erwähnte „Störung der Meinhaftigkeit“ (Depersonalisation/Derealisation) deutet darauf hin, dass die Grenze zwischen dem „Selbst“ und dem „Objekt“ (der Außenwelt) nie stabil gefestigt wurde.

  • Das „Über-Ich als Kollektiv“: Meine Beobachtung der Patientin, deren Über-Ich sich verselbstständigt hat, passt. In der Psychose wird das Über-Ich oft externalisiert. Die inneren Vorwürfe werden zu Stimmen, die von außen kommen (akustische Halluzinationen). Das Kollektiv der Stimmen übernimmt die Rolle des strafenden Beobachters.

3. Die Rolle des Pastors Oberlin

Die historische Einordnung ist spannend: Während Oberlin als Wohltäter gilt, fungiert er im Text für Lenz als eine ambivalente Vaterfigur.

  • Religiöse Überforderung: Der Versuch, durch die Bibel zu heilen, scheitert, weil die religiöse Symbolik für den Psychotiker oft „konkretistisch“ wird. Ein Wunder (die Erweckung des toten Kindes) wird nicht mehr als Metapher, sondern als reale Forderung verstanden. Das Scheitern dieses Wunders stürzt Lenz endgültig in den Wahn.

4. Vergleich: Lenz vs. Moderne Klinik

Merkmal

Lenz (Büchner)

Klassische Schizophrenie (Ihre Patientin)

Leitsymptom

Desintegration von Raum und Zeit, Angst

Kommentierende Stimmen, Ich-Störung

Umgang mit dem Leid

Flucht in die Natur / Selbstverletzung

Eigenständige Erhöhung der Medikation

Psychodynamik

Konflikt mit dem Vater (Autorität)

Aggression des Über-Ichs gegen das Selbst

Ausgang

Apathie, „Ausbrennen“

Chronifizierung oder medikamentöse Deckelung

Eine kurze Korrektur zur literarischen Einordnung

Obwohl Büchner sich sehr eng an die Aufzeichnungen des realen Oberlin hielt (was zu Plagiatsvorwürfen führte), liegt die geniale Leistung Büchners gerade in der Subjektivierung. Er beschreibt nicht über den Wahnsinn, sondern er lässt den Leser aus dem Wahnsinn heraus blicken.


Hinweis zur Aggression gegen das Selbst: Wenn das Über-Ich so archaisch und grausam wird wie bei meiner Patientin, ist die Erhöhung der Medikation oft ein verzweifelter Akt der Selbstbehauptung des restlichen „Egos“, um nicht unter der Last der moralischen Vernichtung durch die Stimmen zu kollabieren.

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Martin Döhring
Martin Döhring
14. Apr.
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