top of page
  • Google+ Social Icon
  • Twitter Social Icon
  • LinkedIn Social Icon
  • Facebook Social Icon

Kaisergruft

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

...  symbolische Spaltung des Ichs  ...  Habsburger Rituale sind kollektive Sublimation ...
... symbolische Spaltung des Ichs ... Habsburger Rituale sind kollektive Sublimation ...

Der Abend begann harmlos. Oder zumindest so harmlos, wie Wien jemals harmlos beginnt.

Ich saß im Figlmüller, zwischen Touristen, Diplomaten, alten Damen mit Perlenketten und Kellnern, die aussahen, als hätten sie bereits drei Kaiserreiche überlebt. Vor mir lag ein Wiener Schnitzel, groß wie ein vergoldeter Schild aus einer antiken Tragödie. Dazu Vogerlssalat — leicht bitter, mit Kürbiskernöl, als würde selbst das Grünzeug in Wien wissen, dass jede Süße verdächtig ist.

Draußen glitt die Stadt vorbei wie ein Traum aus Rauch, Kaffeehausgeschichte und verdrängten Familiengeheimnissen.

Ich dachte zunächst an nichts Besonderes. An Essen. An Freud. An die merkwürdige Tatsache, dass Wien gleichzeitig nach Oper und Grab riecht.

Dann ging ich weiter zum St. Stephen's Cathedral.

Der Stephansdom stand schwarz im Abendlicht wie ein versteinertes Gewissen Europas. Die gotischen Linien wirkten nicht gebaut, sondern emporgequält. Innen roch es nach Weihrauch, kaltem Stein und Jahrhunderten von Schuldprojektion.

Dort fiel mein Blick auf die fünf Vokale:

A.E.I.O.U.

Das alte Rätsel der Habsburger.

Andere lesen darin:

Austriae est imperare orbi universo. „Es ist Österreich bestimmt, über die Welt zu herrschen.“

Aber plötzlich verstand ich etwas anderes.

Nicht politisch. Psychoanalytisch.

Nicht Reichspolitik. Ich-Spaltung.


A — Abwehr

E — Es

I — Ich

O — Opferung

U — Unbewusstes


Und in diesem Augenblick flackerte das Licht im Dom.

Nur kurz.

Aber genug, damit ich bemerkte, dass die Heiligenfiguren nicht mehr ganz stillstanden.

Der Dom begann zu atmen.

Langsam.

Wie ein riesiger Organismus aus Stein.

Ich ging hinaus, über den Platz, vorbei an Fiakern und Touristen, hinunter Richtung Imperial Crypt.

Kapuzinergruft.

Der wahre Bauch Wiens.

Oben die Sachertorte. Unten die Verwesung.

Die Treppen hinab waren kühl. Immer kühler.

Der Führungsweg zog sich durch Metall, Stein und Sarkophage. Kaiser lagen dort wie konservierte Neurosen Europas. Silberne Totenschädel. Bronzeengel. Adler. Knochenornamente.

Und plötzlich —

ging die erste Alarmanlage los.

Dann die zweite.

Dann alle gleichzeitig.

Ein kreischendes metallisches Heulen durch die Katakomben.

Rot blinkendes Licht.

Die Besucher erstarrten.

Und dann geschah das Unmögliche:

Die Totenschädel begannen zu sprechen.

Nicht laut. Eher wie Gedanken, die plötzlich außerhalb meines Kopfes weiterdachten.

Der erste Schädel sagte:

„Der Leib ist das Ich.“

Der zweite:

„Das Herz ist das Es.“

Der dritte:

„Die Eingeweide sind das Unbewusste.“

Dann lachten sie.

Trocken. Knochentrocken.

Ich ging weiter zwischen den Sarkophagen der Habsburger.

Und nun verstanden die Toten selbst ihre eigene Symbolik.

Ein Schädel mit zerbrochener Krone sagte:

„Wir trennten Herz, Leib und Gedärm, weil kein Mensch vollständig sein wollte.“

Ein anderer:

„Die Monarchie war keine Politik. Sie war eine kollektive Neurose mit Militärmusik.“

Dann öffnete sich irgendwo mechanisch eine eiserne Tür.

Ein Luftzug kam aus der Tiefe.

Und die Stimmen wurden deutlicher.

„Freud hat uns verstanden.“
„Das Herz in der Augustinerkirche — idealisierte Liebe.“
„Die Därme unter St. Stephan — verdrängte Animalität.“
„Der Leib in der Gruft — die Maske des Ichs für die Öffentlichkeit.“

Ich dachte an die Freud’sche Topik.

Es. Ich. Über-Ich.

Aber hier war daraus Architektur geworden.

Wien selbst war psychoanalytisch gebaut.

Oben Kaffeehäuser: Sublimation. Darunter Grüfte: Verdrängung. Dazwischen Opernhäuser: hysterische Selbstinszenierung.

Dann sprach eine weibliche Stimme aus einem dunklen Sarkophag:

„Maria Theresia wusste es.“

Ein metallisches Klopfen.

„Alle Dynastien zerbrechen an ihren Familienkonflikten.“

Wieder Alarm.

Rotierendes Licht.

Die Schädel blickten mich jetzt direkt an.

Nicht feindselig.

Eher erleichtert.

Als hätten sie Jahrhunderte darauf gewartet, dass endlich jemand den Mechanismus ausspricht.

Dann erklang aus der Tiefe ein letzter Chor:

„A.E.I.O.U. bedeutet nicht Weltherrschaft.“

Pause.

„Es bedeutet: Alles endet im organisierten Unbewussten.“

Und plötzlich war Stille.

Nur das Summen der Alarmanlage blieb zurück.

Oben über Wien läuteten die Glocken des Stephansdoms.

Und irgendwo servierte ein Kellner bereits das nächste Wiener Schnitzel.

Copyright by Martin Wilhelm Döhring

 
 
 

1 Kommentar


Martin Döhring
Martin Döhring
vor 3 Tagen

Existentialphilosophie , Konfession und Operationalität: Karl Jaspers war protestantisch aufgewachsen, distanzierte sich aber früh von kirchlicher Religion. Er bezeichnete sich später nicht als Christ, sondern als Vertreter eines „philosophischen Glaubens“, der ausdrücklich nicht konfessionell gebunden ist. Cambridge Un...


---


🧭 Was sagte Jaspers selbst über seine Konfession?


1. Herkunft: Protestantisch, aber kirchlich distanziert


Karl Jaspers wuchs in einer protestantischen Familie auf, die jedoch „die Kirche ignorierte“. Dadurch entwickelte er keine enge Beziehung zur kirchlichen Religion. Cambridge Un...


Er war also formell evangelisch, aber nicht kirchlich geprägt.


---


2. Jaspers’ eigene Haltung: Kein Christ, kein Theologe


Jaspers sagte rückblickend über sich:


„Als ich zu philosophieren begann, kam mir nie in den Sinn, dass ich mich je für Theologie interessieren könnte.“

Cambridge…


Gefällt mir
SIGN UP AND STAY UPDATED!
  • Grey Google+ Icon
  • Grey Twitter Icon
  • Grey LinkedIn Icon
  • Grey Facebook Icon

© 2023 by Talking Business.  Proudly created with Wix.com Martin Döhring Engelstrasse 37 in D-55124 Mainz

bottom of page