Das Sündenbock-Skript: Vom Mobbing bis zum PAC-Model
- Martin Döhring

- 20. Nov. 2019
- 4 Min. Lesezeit

Das von mir skizzierte Szenario verbindet tiefenpsychologische, soziologische und transaktionsanalytische Konzepte zu einer dichten Analyse von Mobbing und Sündenbock-Dynamiken.
Hier ist eine strukturierte Aufarbeitung dieses Modells, die die Brücke von archaischen Mustern zur modernen „Skriptheilung“ schlägt.
Dieses Modell betrachtet Mobbing nicht als zufälligen Konflikt, sondern als die Inszenierung eines uralten, unbewussten kulturellen Skripts, das auf Sündenbocklösung basiert. Die Heilung erfolgt nicht durch Verdrängung der Aggression, sondern durch die formale Analyse und Neuausrichtung der Ich-Zustände aller Beteiligten (Parent-Adult-Child Modells).
Teil 1: Die archaische Matrix (Das unbewusste Muster)
Ich beschreibe zutreffend das anthropologische Grundmuster des Sündenbocks in archaischen oder nativen Naturvölkern, wie es auch René Girard analysiert hat:
Die Krise: Eine Gemeinschaft gerät durch äußere (Naturkatastrophe, Seuche) oder innere Spannungen in Unordnung. Angst und Aggression steigen.
Der Versöhnungsbedarf: Die Gemeinschaft sehnt sich nach Entlastung und Ordnung („Versöhnung mit der Transzendenz“/Wiederherstellung des sozialen Friedens).
Die Projektion: Die diffuse Aggression der Masse benötigt ein Ziel. Der Schamane (Leithammel) identifiziert einen „Abweichler“. Eigene Ängste und „Sünden“ werden auf diese Person projiziert.
Das Opfer: Durch Mobbing und die finale Ausstoßung (oder Tötung) des Sündenbocks entlädt sich die aufgestaute Aggression der Gruppe kollektiv.
Die Katharsis: Nach dem Opfer fühlt sich die Gemeinschaft (temporär) erleichtert, geeint und „gereinigt“. Die Ordnung ist wiederhergestellt.
Mein Beispiel von Jesus Christus: Auch theologisch wird dies oft als das ultimative Sündenbock-Opfer interpretiert: Einer stirbt für die Sünden aller, um die Menschheit mit Gott zu versöhnen. In meinem Modell ist dies ein zivilisatorischer Konflikt, der als Narrativ tief in unserer Kultur verankert ist.
Teil 2: Mobbing in der Zivilisation (Das TA-Modell der Inszenierung)
In der modernen Welt wird dieses archaische Muster im Kleinen (Büro, Schule, Familie) reinszeniert. Wir nutzen das PAC-Modell (Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich, Kind-Ich), um die Rollen zu analysieren.
1. Der Leithammel / Mobber (Der „perverse Schamane“)
Er ist der Regisseur des Skripts.
Rolle im PAC-Modell: Agiert oft aus einem autoritären, kritischen Eltern-Ich (eP), das Urteile fällt, oder einem rebellischen/manipulativen Kind-Ich (kK), das Chaos stiftet, um Kontrolle zu gewinnen. Sein Erwachsenen-Ich (ER) ist kontaminiert; es dient nur dazu, die Strategie zu rationalisieren, nicht aber zur objektiven Prüfung der Fakten.
Psychodynamik: Er verheißt der Gruppe Entlastung von ihrer eigenen Unzulänglichkeit. Wie ich anmerken zieht er einen perversen Lustgewinn (Macht, Kontrolle, Sadismus) aus der Erniedrigung des Opfers. Dies ist der unbewusste „Gewinn“ (Payoff) seines Lebensskripts.
2. Die Mittäter / Die Gruppe
Sie sind das „Publikum“, das zum Chor wird.
Rolle im PAC-Modell: Sie rutschen massenhaft in ein angepasstes Kind-Ich (aK). Aus Angst vor eigener Ausstoßung gehorchen sie dem eP des Mobbers. Alternativ legitimieren sie ihr Handeln aus einem übernommenen Helfenden Eltern-Ich (hE) („Wir müssen die Gruppe vor dem Abweichler schützen“).
Psychodynamik: Sie identifizieren sich mit dem Führer, um ihre eigene Ich-Schwäche zu kompensieren. Sie erhalten den unbewussten Gewinn, nicht das Opfer zu sein und Teil der „reinen“ Gruppe zu bleiben.
3. Der Sündenbock / Das Opfer
Er trägt die Last der Projektionen.
Rolle im PAC-Modell: Wird von der Gruppe massiv in das trotzige oder depressive Kind-Ich (dK) gedrängt. Seine Versuche, sich aus dem Erwachsenen-Ich (ER) zu verteidigen, werden ignoriert oder als Beweis seiner Schuld umgedeutet.
Psychodynamik: Oft werden Personen gewählt, die ohnehin eine Skript-Veranlagung zum „Nicht-OK-Sein“ haben oder die durch ihre bloße Existenz (als Abweichler) die unbewussten Konflikte der Gruppe triggern.
Teil 3: Skriptheilung durch Transaktionsanalyse
Die „Heilung“ nach meinem Modell bedeutet De-Kontaminierung und Etablierung des Erwachsenen-Ichs als steuernde Instanz bei allen Beteiligten. Es ist eine formale Heilung, die das Muster durchbricht, ohne die Existenz von Konflikten zu leugnen.
Der Prozess der Heilung (Schritte zur De-Konstruktion des Musters)
Schritt 1: Bewusstdurchbruch (ER-Aktivierung beim Opfer oder Beobachter)
Die Heilung beginnt, wenn eine Person (oft das Opfer selbst oder ein unbeteiligter Beobachter) aus der Hypnose des Skripts aufwacht und das Geschehen objektiv analysiert.
Aktion: Das Erwachsenen-Ich (ER) stellt Fragen: „Was passiert hier faktisch? Wer sagt was zu wem? Welche Beweise gibt es für die Beschuldigungen? Welches Gefühl wird hier gerade recycelt?“
Schritt 2: Formale Analyse der Transaktionen (Kreuzende Transaktionen)
Das Skript lebt von parallelen Transaktionen (z.B. Mobber eP $\rightarrow$ Opfer dK; Gruppe aK $\rightarrow$ Mobber eP). Die Heilung erzwingt kreuzende Transaktionen, um das automatisierte Muster zu stoppen.
Beispiel für eine kreuzende Transaktion (vom Opfer):
Mobber (eP): „Du bist schuld, dass das Projekt scheitert!“
Opfer (ER statt dK): „Ich höre deine Beschuldigung. Lass uns die harten Fakten des Projektberichts ansehen, um zu prüfen, welche Faktoren zum aktuellen Status geführt haben.“
Effekt: Die emotionale Einladung ins Kind-Ich wird abgelehnt. Der Mobber wird gezwungen, sein ER zu aktivieren oder seine agierende Rolle zu entlarven.
Schritt 3: Entlarvung des „perversen Lustgewinns“
Das Erwachsenen-Ich der Gruppe (oder externer Mediatoren) muss den Payoff des Leithammels benennen.
Analyse: Es wird offen gelegt, dass die Beschuldigungen Vorwände sind, um Macht auszuüben oder eigene Ängste zu kaschieren. Der Schamane wird seiner „magischen“ Kraft beraubt, indem seine Motivation psychologisch erklärt wird.
Schritt 4: Re-Skripting der Gruppenidentität (Vom Kind zum Erwachsenen)
Die Heilung der Gruppe erfolgt, wenn sie aufhört, ein „angepasstes Kind“ zu sein, das Opfer braucht, um sich wohlzufühlen.
Neues Skript: Die Gruppe lernt (durch ER-Steuerung), Spannungen und „Naturkatastrophen“ auszuhalten, ohne ein Opfer zu fordern. Das Helfende Eltern-Ich (hE) wird aktiviert, um das Sündenbock-Muster zu verhindern, anstatt es zu legitimieren.
Zusammenfassung der formalen „Heilung“
Position | Altes Skript (Archaisch/Mobbing) | Neues Skript (Geheilt/TA) |
Haltung | „Ich bin OK, du bist nicht OK“ (Mobber) „Ich bin nicht OK, du bist OK“ (Opfer) | „Ich bin OK, Du bist OK“ (Grundhaltung) |
Steuerung | Autoritäres eP & Angst-aK | Integriertes Erwachsenen-Ich (ER) |
Prozess | Projektion und Opferung | Faktenprüfung und Eigenverantwortung |
Gewinn | Temporäre, perverse Entlastung | Nachhaltige Konfliktlösungskompetenz |
Die Heilung liegt also nicht darin, zu leugnen, dass Menschen Aggressionen haben, sondern darin, die archaische Form ihrer Abfuhr (die Sündenbock-Opferung) durch eine zivilisierte, erwachsene Kommunikation zu ersetzen.



Allerdings lohnt es sich bei Kriminalität nicht, so tief zu graben oder zu schürfen.
Das **Sündenbock-Skript**: Von der Archaik zur TA-Heilung
### Einleitung
Der Sündenbock ist eine der ältesten und zugleich aktuellsten Figuren der Menschheitsgeschichte. In archaischen Gesellschaften diente er als Mechanismus zur Bewältigung von Gewalt und Chaos; in modernen Familien und Gruppen erscheint er als unbewusstes Rollenmuster, das Leid weitergibt. Der Begriff „Sündenbock-Skript“ verbindet zwei große Denktraditionen: die mimetische Theorie des Anthropologen und Literaturwissenschaftlers **René Girard** und die **Transaktionsanalyse (TA)** von Eric Berne.
Während Girard den Sündenbock als kollektiven, kulturell-gründenden Mechanismus beschreibt, versteht die TA ihn als individuelles **Lebensskript** – ein unbewusstes Drehbuch, das Menschen in der Kindheit schreiben und ein Leben lang aufführen. Die Heilung dieses Skripts bedeutet nicht nur persönliche Befreiung, sondern auch einen Beitrag zur Überwindung archaischer Gewaltmuster in der…
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1. Grundprinzip
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