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Expertenrunde - das ewige Leben

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 4 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit


.... Expertenrunde ... Geheimnis des ewigen Lebens ... copyright by martin wilhelm döhring  ...
.... Expertenrunde ... Geheimnis des ewigen Lebens ... copyright by martin wilhelm döhring ...

Der Abend hing schwer über Wien wie eine zu oft interpretierte Oper. Im Arbeitszimmer von Sigmund Freud stapelten sich Gutachten, Gerichtsakten und halb ausgedrückte Zigarren. Die Luft war so dick von Rauch, dass man darin vermutlich Verdrängungen hätte konservieren können.

Freud war schlecht gelaunt.

Ein anderer Psychiater hatte vor Gericht ein Gegengutachten eingereicht — banal, mechanisch, moralistisch. Keine Tiefenpsychologie. Keine Ambivalenz. Kein Es. Einfach nur: „Der Angeklagte hatte schlechte Impulskontrolle.“

Freud starrte auf das Papier, als hätte jemand die menschliche Seele mit einer Gebrauchsanweisung für Kaffeemühlen verwechselt.

„Idioten“, murmelte er. „Die nennen das Wissenschaft.“

Er nuckelte an seinem Zigarrenstumpen wie ein Feldherr nach verlorener Schlacht.

Dann klingelte das Telefon.

Nicht irgendein Telefon. Ein Anruf aus Weimar.

Freud hob ab.

Am anderen Ende: Friedrich Nietzsche.

Eine lange Pause.

Dann: „Sigmund… ich habe das ewige Leben gefunden.“

Freud schloss die Augen. Nicht schon wieder.

„Herr Nietzsche“, sagte er trocken, „das letzte Mal wollten Sie Dionysos zum Gesundheitsminister machen.“

Aber Nietzsche sprach weiter, fiebrig, elektrisiert, halb Prophet, halb Patient:

„Ich weiß jetzt, wie man Ludwig II. von Bayern erlösen kann.“

Freud richtete sich langsam auf.

Das war interessant.

Denn Ludwig II. war für sie alle mehr als nur ein König. Er war ein wandelndes Symbol: romantische Regression, ästhetischer Narzissmus, Märchenkönigtum gegen die Industrialisierung.

Und irgendwo im Zentrum dieses Labyrinths saß: Richard Wagner.

Der große Zauberer.

Der Mann, den Nietzsche zugleich verehrte und hasste wie einen übermächtigen Vater.

Freud nahm eine kleine Prise Kokain. Medizinisch, selbstverständlich. Zumindest nach den Standards des 19. Jahrhunderts.

Dann sagte er: „Also gut. Was ist Ihre Theorie?“

Nietzsche begann zu reden.

Über den Ring. Über Erlösung. Über den letzten Akkord. Über den Fluch der ewigen Wiederholung.

„Wagner“, sagte Nietzsche,„ hat Angst vor dem Ende.“

„Jeder hat Angst vor dem Ende“, antwortete Freud.

„Nein“, sagte Nietzsche. „Wagner will nicht erlösen. Er will hypnotisieren. Endlose Sehnsucht. Endlose Spannung. Endlose Rückkehr.“

Freud schwieg.

Das klang verrückt. Aber auf eine strukturierte Weise verrückt. Die gefährlichste Sorte.

Nietzsche fuhr fort:

„Der alte Pfau muss endlich liefern.“

Freud hob eine Augenbraue.

„Der wird kaum mit mir sprechen“, sagte er. „Er hält mich vermutlich für jüdische Dekadenz mit Rezeptblock.“

Nietzsche lachte trocken.

„Dann setzen wir ihn unter Druck.“

„Wie?“

„Dreht ihm den Geldhahn ab.“

Freud musste unwillkürlich grinsen.

Plötzlich gefiel ihm der Gedanke.

Er drückte den Zigarrenstumpen im Aschenbecher aus, zog seinen Notizblock heran und begann zu kritzeln: Psychoanalyse als diplomatische Erpressung.

Irgendwo zwischen Therapie und Geheimdienst.

Tage später traf ein Telegramm in Bayreuth ein.

In der Villa Wahnfried.

Cosima Wagner brachte es persönlich in den überladenen Salon ihres Mannes. Goldornamente. Samtvorhänge. Weihrauch der Eitelkeit.

Wagner saß am Flügel wie ein alter schwarzer Magier.

Er las das Telegramm. Keine Regung.

Dann setzte er langsam seinen Kneifer auf.

Nahm die letzte Seite der Partitur vom Der Ring des Nibelungen.

Tauchte den Federkiel ins Tintenfass.

Stille.

Cosima beobachtete ihn nervös.

Dann geschah etwas Unfassbares.

Richard Wagner änderte den letzten Akkord.

Von Moll. Nach Dur.

Ein winziger Eingriff. Und doch wirkte er wie eine Operation am offenen Herzen Europas.

Nietzsche behauptete später, genau darin habe die Erlösung gelegen: Nicht im Sieg. Nicht im Untergang. Sondern in der Aufhebung der ewigen Wiederkehr durch musikalische Gnade.

Wagner schrieb darunter nur:

„Vollendet in Wahnfried. Ich sage nichts weiter. RW.“

Am nächsten Morgen vibrierte ganz Bayern vor Gerüchten.

Und nach der privaten Aufführung des Rings für König Ludwig II. verbreitete sich eine Schlagzeile wie ein elektrischer Funke durch die Zeitungen:

„König Ludwig II. von Bayern endlich erlöst!“

Ob das wirklich geschah?

Historiker würden widersprechen. Psychoanalytiker vermutlich auch.

Aber in Wien erzählt man sich manchmal: Wenn man spät nachts durch ein leeres Kaffeehaus geht, Zigarrenrauch riecht und aus der Ferne Wagner hört —

dann diskutieren Freud, Nietzsche und Wagner noch immer darüber, ob ein einziger Akkord einen Menschen retten kann.

Copyright by Martin Wilhelm Döhring

 
 
 

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