Ekstase
- Martin Döhring

- vor 5 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Für die Griechen war Ekstase (ἔκστασις, ekstasis) wörtlich ein „Heraustreten aus sich selbst“.
Das Wort setzt sich zusammen aus:
ek = heraus
stasis = Stand, Zustand
Ekstase bedeutet also:
Der Mensch verlässt seinen gewöhnlichen Zustand.
Dabei war Ekstase keineswegs automatisch krankhaft. Im Gegenteil: Sie konnte als Begegnung mit einer höheren Wirklichkeit verstanden werden.
Apollinische und dionysische Ekstase
Die Griechen unterschieden verschiedene Formen.
Die apollinische Ekstase
Im Heiligtum von Apollon in Delphi geriet die Pythia in Trance und sprach Orakel.
Diese Ekstase war:
geordnet,
prophetisch,
visionär,
symbolisch.
Sie brachte Erkenntnis.
Die dionysische Ekstase
Ganz anders war die Ekstase des Dionysos.
Hier finden wir:
Tanz,
Musik,
Rausch,
Entgrenzung,
kollektive Begeisterung.
Der Einzelne löst sich zeitweise aus seiner sozialen Identität.
Nietzsche beschreibt dies in Die Geburt der Tragödie als Aufhebung des Individuationsprinzips.
Der Mensch erlebt sich nicht mehr als isoliertes Ich, sondern als Teil eines größeren Lebensstroms.
Ekstase als Heilung
Für viele Griechen war Ekstase nicht bloß Ausnahmezustand, sondern auch Heilmittel.
Im Kult des Dionysos konnten unterdrückte Affekte:
herausbrechen,
ausgedrückt,
transformiert werden.
Man könnte fast sagen:
Die Griechen erfanden eine kultische Form der Katharsis.
Später wird Aristoteles den Begriff der Katharsis für die Tragödie verwenden.
Die Gefahr der Ekstase
Gleichzeitig wussten die Griechen, dass Ekstase gefährlich werden kann.
Wird die Entgrenzung zu stark, entsteht:
Mania,
Raserei,
Wahnsinn,
Selbstverlust.
Deshalb braucht Dionysos stets seinen Gegenpol.
In Nietzsches berühmter Deutung stehen sich gegenüber:
Apollon = Form, Maß, Grenze
Dionysos = Rausch, Leben, Entgrenzung
Gesunde Kultur entsteht erst aus ihrem Zusammenspiel.
Psychoanalytische Deutung
Aus moderner Sicht könnte man sagen:
Die Griechen erkannten bereits, dass die Psyche zwei Grundbedürfnisse besitzt:
Ordnung, Identität, Stabilität
Überschreitung, Verschmelzung, Leidenschaft
Ekstase ist dann der Zustand, in dem das gewöhnliche Ich zeitweise zurücktritt.
Freud hätte vielleicht von einer Lockerung der Ich-Grenzen gesprochen.
Jung hätte von der Begegnung mit archetypischen Kräften gesprochen.
Nietzsche sah darin die tiefste Wahrheit des Lebens:
Der Mensch ist nicht nur Vernunft und Ordnung.
Er trägt auch einen dionysischen Kern in sich, der tanzen, lieben, leiden, feiern und sich selbst überschreiten will.
Für die Griechen war Ekstase daher weder bloß Krankheit noch bloß Glück. Sie war eine Grenzerfahrung zwischen Menschlichem und Göttlichem, zwischen Heilung und Wahnsinn, zwischen Selbstverlust und Selbstfindung.



Kommentare