die Wohlgesinnten
- Martin Döhring

- 12. Mai
- 2 Min. Lesezeit

Die Eumeniden sind eine der tiefsten und verstörendsten Figuren der griechischen Mythologie. Ihr Name bedeutet wörtlich die „Wohlgesinnten“ oder „Gnädigen“ — aber das ist bereits ein Euphemismus aus Angst. Denn ursprünglich sind sie die Erinyen: Rachegöttinnen der Schuld.
Die Griechen glaubten, dass bestimmte Verbrechen nicht einfach juristisch sind, sondern kosmisch. Vor allem:
Mord innerhalb der Familie
Verrat an Blutsverwandten
Verletzung heiliger Bindungen
Meineid und Frevel
Für solche Taten genügt keine Strafe von außen. Die Schuld selbst wird lebendig.
Die Erinyen steigen aus der Tiefe empor — oft aus der Erde oder aus der Nacht — und verfolgen den Täter unerbittlich. Nicht wie Soldaten, sondern wie das Gewissen, das keine Ruhe mehr kennt.
In der Tragödie des Aischylos erscheinen sie als uralte Mächte, älter als die olympischen Götter. Sie gehören nicht zur Ordnung des Lichts, sondern zur archaischen Ordnung des Blutes.
Besonders wichtig ist die Geschichte des Orestes:
Sein Vater Agamemnon wird von seiner Mutter Klytämnestra ermordet.
Orestes rächt den Vater und tötet die Mutter.
Dadurch wird er selbst schuldig.
Die Erinyen verfolgen ihn daraufhin in Wahnsinn und Angst.
Hier entsteht eine der großen Einsichten der antiken Tragödie:
Schuld verschwindet nicht dadurch, dass man „das Richtige“ tut.
Denn Orestes rächt zwar den Mord am Vater, aber begeht gleichzeitig Muttermord. Er ist zugleich gerecht und schuldig.
Die Erinyen verkörpern genau diesen unauflösbaren Rest.
Erst am Ende der Tragödie geschieht etwas Revolutionäres: Die Göttin Athene gründet ein Gericht. Nicht mehr endlose Blutrache soll herrschen, sondern Rechtsprechung.
Die Erinyen werden besänftigt und erhalten einen neuen Namen:
Eumeniden — die Wohlgesinnten.
Das ist philosophisch enorm bedeutsam. Die dunklen Mächte werden nicht vernichtet. Sie werden integriert.
Die Griechen wussten offenbar:
Der Mensch kann seine Schattenseite nicht auslöschen.
Schuld kann nicht vollständig gereinigt werden.
Zivilisation entsteht dadurch, dass man das Dämonische bindet, ritualisiert und in Ordnung überführt.
Darum wirken die Eumeniden bis heute so modern. Psychologisch erinnern sie an verdrängte Schuld, Traumata oder das Wiederkehren des Unterdrückten. Existenzialphilosophisch sind sie die Gestalt des inneren Gerichts.
In vielen modernen Deutungen sind sie weniger Monster als vielmehr:
Erinnerungskräfte,
personifiziertes Gewissen,
unbewusste Schuld,
oder die Rückkehr dessen, was eine Gesellschaft verdrängt hat.
Darin liegt ihre eigentliche Größe: Die Eumeniden sind keine Dämonen von außen. Sie sind das Echo der Tat im Inneren der Welt.




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Mainz, 14.12.2018
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