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der Schattenchor

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 3 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit


Schattenchor der Vereinten Tragödie

(nach Art eines attischen Chores bei Sophokles — Antigone, Ödipus und Elektra in einem gemeinsamen Klagegesang)

Parodos – Einzug des Schattenchores

O ihr Mauern der sieben Tore, ihr steinernen Lippen von Theben, wie viel Blut habt ihr getrunken aus den Häusern der Könige!

Der Staub kennt ihre Namen noch: den Blinden, der sah; die Jungfrau, die trotzte; die Tochter, die wartete wie ein Messer in der Nacht.

Denn niemals stirbt das Verhängnis. Es wandert durch die Geschlechter wie schwarzer Wind durch Zypressen.

Wir sind der Chor der Schatten. Wir tragen die Stimmen der Begrabenen. Unter unseren Füßen klirren die Knochen der Väter.

Wehe! Das Haus des Labdakos ist ein Baum aus Eisen, dessen Früchte Tote sind.

Erste Strophe – Antigone

Sie kam mit Händen voll Erde, klein war die Hand, doch größer als die Gesetze der Männer.

Nicht Gold begehrte sie, nicht das Lager der Könige, nicht den Gesang der Feste —

nur einen Hügel Staub für den Bruder.

Doch Kreon saß auf seinem hohen Stuhl aus Angst und nannte die Härte Weisheit.

Da stieg Antigone hinab wie eine Fackel in die Höhle.

Nicht weinend. Nicht bittend.

Denn manche Menschenwerden lebendig begraben, lange bevor der Stein sie schließt.

O Nacht! Du Mutter der Unbeugsamen! Du decktest ihr Haupt wie schwarzes Öl.

Und der Tod erkannte sie als seine Schwester.

Antistrophe – Ödipus

Wer ist der Mensch, der seinem eigenen Schritt entkommt?

Ödipus! Finder der Rätsel! König des klaren Verstandes!

Du löstest den Mund der Sphinx und wurdest selbst zum letzten Rätsel.

Denn der Gott führt den Menschen oft gerade dort hin, wohin er niemals wollte.

Mit königlichen Händen hobst du die Wahrheit empor —und sie war eine Schlange.

Da zerbrach der Tag.

Die Augen, die einst die Straßen Thebens regierten, wurden zwei dunkle Quellen.

Blut rann herab wie untergehende Sonne an den Säulen des Palastes.

O Jammer !Der Sehende war blind. Der Blinde sah.

Und keiner entflieht dem Namen ,den die Moiren in die Nacht schreiben.

Zweite Strophe – Elektra

Aber im Hofe von Argos saß noch immer Elektra.

Wie eine Wölfin an der Schwelle des Winters.

Die Mutter schlief hinter Purpurdecken. Der Mörder trank aus goldenen Schalen. Doch Elektra nährte sich von Erinnerung.

Tag um Tagschärfte sie das Messer des Wartens.

Denn Rache wächst langsam. Wie Efeu wächst sie an kalten Mauern.

Da kam Orest zurück —nicht als Sohn, sondern als Urteil.

Und das Haus bebte.

Die Türen schrien. Die Frauen verhüllten die Haare. Der Boden trank neues Blut zum alten Blut.

Denn Mord ruft Mord, wie Echo Echo ruft im Gebirge.

O ihr Erinnyen! Schwarzflügelige Töchter der Nacht! Warum hungert ihr ewig nach den Herzen der Menschen?

Gemeinsamer Klagegesang

Antigone ruft aus dem Grab. Ödipus tastet durch den Staub. Elektra lauscht an den Türen der Toten.

Drei Stimmen —ein einziges Leid.

Denn der Mensch ist nur ein kurzer Atem zwischen Geburt und Gericht.

Heute baut er Paläste. Morgen wohnt der Wind darin.

Heute nennt er sich König. Morgen zählt man seine Knochen.

Darum preise niemand sein Glück vor dem Abend.

Denn über jedem Festschwebt unsichtbar der Schatten der Götter.

Und die Zeit, die alte Löwin, zerreißt zuletzt auch den Ruhm.

Exodos – Auszug

Nun schweigt das Haus. Die Fackeln verlöschen. Die Tore Thebens stehen offen zum schwarzen Feld der Nacht.

Fort gehen die Schatten.

Antigone trägt Erde in den Händen. Ödipus trägt Dunkel in den Augen. Elektra trägt Feuer im Herzen.

Und hinter ihnen geht schweigend das Schicksal.

Langsam. Unermüdlich.

Wie ein Gott.


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