beklemmende Vision
- Martin Döhring

- vor 11 Stunden
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Und es geschah in den Tagen der flimmernden Zeichen und der gläsernen Stimmen, da wandelten drei Namenlose unter den Menschen: Keiner, Nichts und Niemand. Und ihre Wege waren verborgen wie der Rauch über dem Wasser, und ihre Worte wurden gehört und doch nicht verstanden.
Da sprach Keiner: „Heute wird aus sechs gleich neun.“ Und die Menge antwortete nicht, denn ihre Herzen waren müde vom Rechnen der Welt.
Und siehe, weiße Konservative fuhren die Straße hinab wie Wagen aus kaltem Eisen, und sie reckten ihre Plastikfinger gen Himmel und auf die Kinder der Erde. Doch der Erzähler fürchtete sich nicht und sprach: „Lieber Kaufmann, fahre fort mit deinem Werk.“ Denn ein jeder baut sich sein eigenes Reich des Durchblicks, verborgen hinter Glas und Licht.
Und niemand hatte die enge Frau gesehen, die denselben Namen trug wie Er. Doch der erste Zehner ward umsonst gegeben, denn also war der Brauch unter den Händlern und den Spielern der Nacht.
Und einer sprang kopfüber vom Turm in das Wasser der Finsternis. Da erkannten die Alten: „Ein Zehner ist nicht immer ein Zähmer.“ Und sie machten aus den Schulden ein Geschäft und aus dem Geschäft eine Religion.
Im Schattenreich des Schäfers aber saßen viele in Staub und Schweigen. Und der Schäfer sprach: „Die Nerven des Volkes haben sich selbst verzehrt.“ Doch niemand hörte auf ihn, denn der Markt lärmte lauter als die Hirtenflöte.
Lamia war noch schön anzusehen wie der Abendstern, aber ihre Kinder tranken keine Milch mehr. Und Fixie Hartmann wurde wie ein Opferlamm auf den Altar geführt, während Rob Stuhlian seinen Hofladen unter Jubel auf dem Markt eröffnete.
Da fragten die Menschen nach dem Tanztee zu Bad Kreuznach, ob darin Wahrheit oder nur schaler Wein verborgen sei. Und in der Gruft der Kreuzträger lag der Hund begraben, während der lügenhafte Christ vergeblich Scheiterhaufen und Kreuze errichtete, denn Holz ohne Wahrheit spendet kein Heil.
Orpheus aber kannte den verborgenen Weg ins Schattenreich, auf dass er Eurydike noch einmal sehe. Doch Hekate wachte an den Toren der Nacht. Und dennoch sprach Nichts: „Nicht alles ist verloren beim Tanken zu Wiesbaden.“
Antigone begrub ihren Bruder trotz des Gesetzes, und ihr Verlobter blickte in die Leere wie einer, der in eine zerbrochene Röhre schaut.Der Ponyhof zu Düsseldorf fiel den Kommunisten anheim, und in Essen wurden im Hause der Kranken die Dosen der Arznei verzehnfacht.
Da trug auch der Richter nicht länger Schwarz, sondern Braun, und das Urteil roch nach Erde und altem Rauch.
Der Erzähler aber saß fern von all dem mit ruhigem Herzen. Er hielt in seiner Hand ein leuchtendes Gerät, das aussah wie ein Apfel, und die künstliche Intelligenz verrichtete seine Werke wie ein lautloser Knecht.
Und die Pflaster des Trostes mit Fentanyl blieben auf der Haut, denn die Kasse zahlte alles. Und Niemand sprach zuletzt:
„Die Welt ist voller Zeichen, doch ihre Deuter schlafen. Keiner kennt die Wahrheit ganz. Nichts bleibt ewig verborgen. Und Niemand wird am Ende sagen können, er sei nicht gewarnt worden.“



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