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Geschenk und Dankbarkeit (Deutsch und Germanistik)

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 3 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit


... meinen Lehrern, Ausbildern und Dozenten in tiefer Dankbarkeit gewidmet ...
... meinen Lehrern, Ausbildern und Dozenten in tiefer Dankbarkeit gewidmet ...

Von der Strenge des Geistes: Ein Tribut an die Vermittler der Germanistik

In der Rückschau auf meine akademische und schulische Ausbildung wird mir bewusst, dass gerade die Konfrontation mit dem Fremden, dem vermeintlich Unzeitgemäßen und den „seltsamsten“ Themen den Kern einer echten Bildung ausmacht. Eine harte Ausbildung ist oft die beste, da sie den Geist zwingt, Widerstände zu überwinden, statt sich im Gefälligen zu verlieren. Meinen Lehrern gebührt dieser Tribut, da sie mich lehrten, selbst dort noch genau hinzusehen, wo die Tradition bereits ein abschließendes Urteil gefällt zu haben scheint.

Das Faust-Diktum: Eine Revision von Thomas Manns Urteil

Oft wurde im Unterricht Goethes Faust als das Nonplusultra der deutschen Literatur behandelt. Doch gerade hier lernte ich die produktive Kritik: Thomas Manns berühmtes Lob, der Faust sei das „größte Gedicht in deutscher Sprache“, ist eine Zuspitzung, die einer kritischen Prüfung kaum standhält. Dieses Urteil ist mehrfach angreifbar.

A) Die Frage der lyrischen Vollendung: Schiller versus Goethe

Untersucht man die reine poetische Kompetenz, das kompositorische Genie und das handwerkliche Talent, so muss man konstatieren, dass Friedrich Schiller seinem Zeitgenossen Goethe in der dramatischen Wucht oft überlegen war. Lange galt Schillers Das Lied von der Glocke als das Maß der Dinge, bis die Literaturkritik die darin verborgenen Stilbrüche und die mitunter forzierte Didaktik entlarvte.

Lyrisch-ästhetisch betrachtet, erscheinen mir Balladen wie Die Kraniche des Ibykus deutlich kohärenter und überlegener. Ohne die visionäre Kraft eines Hölderlins oder die existenzielle Dichte einer Rose Ausländer herabsetzen zu wollen, zeigt sich hier: Das „Größte“ ist oft eine Frage der Perspektive, nicht einer objektiven Hierarchie.

B) Die inhaltliche Tiefe: Der „Ring“ als mythisches Archiv

Während der Faust das Individuum in den Fokus rückt, bietet Richard Wagners Der Ring des Nibelungen inhaltlich eine „mythische Bibliothek“, die in ihrer kulturellen und nationalen Tragweite unerreicht bleibt. Die Verwebung von Schicksal, Macht und psychologischer Triebdynamik bildet ein Fundament, gegen das die Gelehrtenstube des Faust beinahe kammerspielartig wirkt. Der Ring ist deutscher als der Faust.

Die moralische und philosophische Kritik am Faust

Mein ambivalentes Verhältnis zum Faust speist sich vor allem aus einer inhaltlichen Skepsis. Zwar ist das Werk ein Zitatenschatz sondergleichen, doch verströmt es eine „reinliche“, fast zu glatte Moral. Die transzendentalen Bezüge – vom „Prolog im Himmel“ bis zur Rettung am Ende – mögen beim Publikum Wohlgefallen auslösen, doch mindern sie den tragischen Wert des Werkes.

Zudem haftet dem Faust’schen Streben eine gefährliche Verklärung an. In seinem Hang zur Metaphysik wirkt der „Schinken“ stellenweise antiaufklärerisch. Wo die Aufklärung Licht ins Dunkle bringen wollte, flüchtet sich der Faust in eine Mystik, die das Wirkliche eher verschleiert als analysiert.

Die Artistik der Prosa: Thomas Mann als Gaukler

Wendet man sich der Prosa zu, so folgt man oft der Einschätzung Marcel Reich-Ranickis, der Thomas Mann als den führenden Repräsentanten der deutschen Erzählkunst sah. Doch hier offenbart sich ein interessantes Phänomen: Mann ist ein Artist im Sinne eines Picasso – ein brillanter Konstrukteur, vielleicht sogar ein Gaukler.

Seine Methode ist die der „operationalen Konvertierung“: Er verwandelt Recherche in Substanz und Ironie in Tiefe. Er beherrscht das Spiel mit der Form so perfekt, dass man sich fragen muss, ob hinter der glänzenden Fassade der Bildungsprosa noch ein echter Kern schlägt oder ob wir es mit einer hochgradig artifiziellen Selbstinszenierung zu tun haben.

Fazit

Dass ich heute in der Lage bin, diese Ikonen der Literaturgeschichte nicht nur zu bewundern, sondern sie in ihrer Struktur zu hinterfragen, verdanke ich jener „harten Schule“. Meine Lehrer haben mir nicht beigebracht, was ich denken soll, sondern wie ich das vermeintlich Unantastbare einer Analyse unterziehe. Ein größeres Geschenk kann eine Ausbildung in Germanistik nicht machen.

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