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American Tombstones

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 4 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

(transnationale und transkulturelle Heldenreise nach Carl Gustav Jung)



... copyright by martin wilhelm döhring ....
... copyright by martin wilhelm döhring ....

Zwischen Hamlet, A Diamond Guitar und A Day's Wait— „us and them“


Mein Englischunterricht begann nicht in der Schule, sondern zuhause. Meine Mutter brachte mir die Sprache täglich bei – mit Geduld, Disziplin und jener eigentümlichen Mischung aus Fürsorge und Autorität, die echte Bildung oft begleitet. Rückblickend waren diese frühen Lektionen mehr als bloße Sprachvermittlung. Sie waren eine geistige Zurüstung für eine spätere Reise: literarisch, kulturell und psychologisch.


Diese Prägung begleitete mich bis an die Universität. Meine Ehefrau und ich verfassten dort gemeinsam im Bereich Amerikanistik eine umfangreiche Arbeit zur Veranstaltung The Beauties of Colonialism. Unsere Studie über Apocalypse Now verstand den modernen Krieg nicht nur politisch oder historisch, sondern tiefenpsychologisch: als Zusammenbruch zivilisatorischer Masken, als Rückkehr archaischer Kräfte und als Drama des Menschen, der im Äußeren stets auch gegen sich selbst kämpft. In San Diego besuchten wir den Militärfriedhof der US Pazifikflotte („Pearl Harbour“), der ist so groß, dass man mit dem Automobil zu den Gräbern fährt.


Ich erzähle dies, weil Lebenswege selten bloßer Zufall sind. Nicht alles ist genetisch determiniert, nicht alles allein intrapsychischer Konflikt. Mitunter wirken Vermächtnisse der Vorfahren wie unsichtbare Testamente fort. Sie treiben uns in bestimmte Richtungen, zwingen uns zu Wiederholungen oder konfrontieren uns mit ungelösten Symbolen vergangener Generationen.

Hier berührt die Literatur die Psychologie von Carl Gustav Jung. Jung würde vielleicht sagen, dass sich in solchen biografischen Konstellationen archetypische Muster entfalten: Wiederkehrende Bilder, Ahnenfiguren, Schatten und unbewusste Loyalitäten. Und an genau dieser Stelle kann Jung gegen Sigmund Freud einen „Treffer“ landen – auch wenn Freud deshalb keineswegs unrecht hätte. Freud erklärt die Triebe. Jung erklärt, warum manche Symbole Generationen überdauern.


Jenseits des Deutschen existiert eine andere literarische Welt: die angelsächsische Tradition. William Shakespeare war kein Amerikaner, sondern Engländer; dennoch wirkt er wie ein geistiger Stammvater der englischsprachigen Literatur insgesamt. Vielleicht war „Shakespeare“ gegen Ende sogar ein Autorenkollektiv – ein kultureller Mythos, größer als jede einzelne Person.

Besonders Hamlet entfaltet bis heute seine eigentümliche Schwerkraft. Viele Leser erkennen darin einen Imperativ des Handelns. Doch zugleich ist Hamlet eine Geschichte der Ahnen, der Geister und der Verpflichtung gegenüber den Toten. Der Sohn handelt nicht aus freiem Willen allein, sondern weil die Vergangenheit ihn heimsucht. Genau darin liegt die Nähe zu Jung: Der Mensch wird nicht nur von aktuellen Konflikten gesteuert, sondern auch von symbolischen Erbschaften.

Mein eigener Bezug zu dieser Welt begann im Schulunterricht, setzte sich in längeren Aufenthalten in Großbritannien fort – insbesondere in London und am Globe Theatre – und kulminierte schließlich im transatlantischen Sprung: hinüber in die Vereinigten Staaten, jenes imaginierte Reich meiner Kindheit, das zunächst nur aus Fernsehbildern bestanden hatte. Englisch allein war für mich zu wenig, nur eine Zwischenstation in London. Dort wohnte ich im Studentenwohnheim der Rolling Stones. Amerika das Ziel.


Und welcher Grabstein begegnete mir dort zuerst?

Der eines Franziskanerpaters in San Francisco, der denselben (Gattungs-)Familiennamen trug wie ich oder wie wir. Wen man nun in dieser Krypta steht, ist dies mindestens irritierend. Vor dem Krieg emigriert, vor dem Krieg 1935 dort verstorben. Ein Zufall vielleicht. Vielleicht aber auch einer jener Momente, in denen Geschichte plötzlich persönlich wird.

Meine Schule war ungewöhnlich. Viele Lehrer waren zugleich Universitätsdozenten, und das intellektuelle Niveau entsprechend hoch – „Level ultimo“, wie man prosaisch sagen könnte. Deshalb begegnete ich früh Truman Capote und seiner Erzählung A Diamond Guitar.

Oberflächlich erzählt die Geschichte von Tico Feo und Mr. Schaeffer, zwei Männern im Gefangenenlager. Doch unter der Oberfläche verbirgt sich mehr: Die mystifizierte Gitarre wird zum Symbolobjekt, beinahe zu einer Reliquie. In freier Assoziation erinnert dies an Hermes, der aus dem Panzer einer Schildkröte die erste Leier baut und sie seinem Bruder Apollo schenkt.

Capotes Geschichte handelt letztlich vom Ich als Gefängnis. Von Trieben, die ausbrechen wollen. Von Schönheit als Fluchtpunkt innerhalb existenzieller Verwahrung. Das Grab von Truman Capote suchte in New York, fand es aber in Los Angeles. Wie bereits erzählt, unternahm ich meine Reise über die XYZ-Road in das Tal des Todes und fand dort den Berg, wo die Seelen der Indianer wohnen. Die Farm der Manson Family ist mittlerweile abgebrannt.


Auch Ernest Hemingway erscheint komplexer, als viele vermuten. Wer sich für Tiefenpsychologie interessiert, sollte vielleicht Cat in the Rain lesen – eine zeitlose Studie über Sehnsucht, Leere und unerfüllte Bedürfnisse. Flaglers Hotel in Palm Beach ist für Kenner ein Muss. Die Eisenbahnlinie führte ursprünglich von New York nach Havanna. Kuba war vor Fidel Castro ein großes Bordell für die US Amerikaner.

Berühmt wurde selbstverständlich The Old Man and the Sea: Alter, Einsamkeit, Würde und Niederlage verdichten sich dort zu einem modernen Mythos. Ebenso in A Clean, Well-Lighted Place, wo die existenzielle Verlassenheit beinahe metaphysisch erscheint. Selbstmord erscheint familiär als Erlösungs -Muster vorgegeben. Impotenz wird thematisiert, aber auch polyamorelles Verhalten. Mit dem Selbstmord als Identifikation mit dem paternalen Ego erlöst sich Hemingway aus dem existenziellen Drama seiner bipolaren Störung (Manisch-Depressiv, aber als biografische Konsequenz). Ödipus Papa (Suizid) und Ödipus Sohn (Suizid) im Tod vereint. Es hätte auch eine andere Lösung gegeben ohne endlose Klinikaufenthalte und Tabletten, aber manche Seelen kommen nur so zur Ruhe.

Doch für das Verständnis von Hemingways emotionaler Innenwelt halte ich A Day's Wait für besonders aufschlussreich.

Die Geschichte besitzt eine sichtbare und eine verborgene Ebene. Vordergründig geht es um ein Missverständnis: Ein Junge glaubt aufgrund einer unklaren ärztlichen Aussage, er müsse sterben. Hintergründig jedoch entfaltet sich ein Drama von Angst, Sprachlosigkeit und verspäteter Erlösung.

Der Vater scheint alleinerziehend zu sein; eine Mutterfigur fehlt vollständig. Während der Vater auf die Jagd (klingelndes Motiv „Schnepfenjagd“) geht, bleibt das Kind mit seiner Todesfurcht allein. Der Junge wagt es zunächst nicht, sich anzuvertrauen. Erst spät erkennt der Vater den Irrtum und erlöst ihn von der Qual der Todesfurcht.

Psychologisch betrachtet ist dies hochinteressant. Die Geschichte zeigt, wie ein Kind versucht, Todesangst stoisch zu kontrollieren, um die Bindung zum Vater nicht zu gefährden. In freudianischer Lesart berührt dies Fragen von Autorität, Verlustangst und sekundärem Narzissmus; in jungianischer Perspektive hingegen erscheint der Vater als archetypische Führungsfigur, die zu spät in die seelische Unterwelt des Kindes hinabsteigt.

Den Grabstein von Ernest Hemingway besuchte ich später gezielt in Key West.

Damals wohnte ich bei Holly Christmas, ihrem Kater Martini und einem kleinen kubanischen Diener-Liebhaber, der wie eine Figur aus einem Roman von Tennessee Williams wirkte. Im Restaurant am Southernmost Point servierte eine deutsche Sportlehrerin selbstgemachte Erbsensuppe und als Dessert Key Lime Pie – mitten zwischen tropischer Schwüle, kolonialen Villen und den Gespenstern amerikanischer Geschichte.


Vielleicht sind Grabsteine deshalb mehr als bloße Steine.

Sie markieren nicht nur das Ende eines Lebens, sondern auch Übergänge zwischen Kulturen, Generationen und psychischen Welten. American Tombstones handelt deshalb nicht allein von Amerika. Es handelt von Erinnerung, Projektion und der Frage, warum manche Geschichten uns verfolgen, obwohl sie ursprünglich gar nicht unsere eigenen waren.

Copyright by Martin Wilhelm Döhring

 
 
 

2 Kommentare


Martin Döhring
Martin Döhring
vor 2 Tagen

Grabsteine wurden die beiden Türme des Worldtrade Centers. In meiner Küche hängen die Fotos von mir und meiner Frau auf der Dachterasse der Tower.

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Martin Döhring
Martin Döhring
vor 2 Tagen

Ergänzung: zu den „Grabsteinen“ gehören in gewisser Weise auch die tausenden Flaggen in den Landesfarben der Opfer des 9/11 auf dem Campus der Pepperdine University in Malibu.

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