Ambivalenzkonflikt als Grundmuster psychischer Dissoziation
- Martin Döhring

- 4. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Das Schicksal in der antiken Tragödie – sei es in der thebanischen Saga um das Haus des Ödipus, wie sie uns bei Äschylos in Sieben gegen Theben oder bei Sophokles in der Antigone entgegentritt – lässt sich in der Tat als ein psychisches Spannungsfeld begreifen, das weit über die bloße Einwirkung äußerer Götterwillkür hinausgeht. Betrachtet man diese Dramen durch die Brille der Psychoanalyse, so offenbaren sie eine fundamentale Wahrheit: Die Tragödie ist nicht das Resultat eines unglücklichen Zufalls, sondern das zwangsläufige Resultat einer in der Struktur des menschlichen Subjekts verankerten Ambivalenz.
Der Fluch als Über-Ich-Struktur
In der Freudschen Lesart könnten wir den Fluch, der auf dem Geschlecht der Labdakiden lastet, als eine besonders archaische Form des Über-Ichs betrachten. Es ist ein Erbe, das nicht integriert werden kann, sondern als fremdes, zerstörerisches Element im Inneren agiert.
Bei Äschylos, in Sieben gegen Theben, kulminiert dieser Konflikt im brudermörderischen Kampf zwischen Eteokles und Polyneikes. Hier manifestiert sich eine unerträgliche Ambivalenz: Die Liebe und die mörderische Konkurrenz zum Bruder sind in einer Identität verschmolzen. Eteokles ist sich seiner Rolle als Verteidiger der Stadt bewusst, doch gleichzeitig ist er an den „Vaterfluch“ gebunden, der ihn in den physischen Untergang treibt. Die psychische Energie – die Libido – findet keinen Ausweg, da das Objekt der Liebe (der Bruder/die Familie) identisch ist mit dem Objekt des Hasses und der Vernichtung. Diese Starre, in der das Ich zwischen Pflicht und Triebschicksal gefangen ist, führt zwangsläufig zur Ich-Destruktion; der Held muss in der Symmetrie des gegenseitigen Mordes untergehen, weil sein Ich an der Unvereinbarkeit seiner Anteile zerbricht.
Die Antigone: Das Ich zwischen Gesetz und Begehren
Sophokles’ Antigone hingegen führt uns die Ambivalenz auf einer anderen Ebene vor: dem Widerstreit zwischen dem staatlichen Gesetz (dem expliziten Über-Ich des Kreon) und der unbewussten, triebhaften Bindung an das archaische Totenreich (Antigones Obsession für den toten Bruder).
Antigone agiert in einer Welt, in der ihr Handeln – die Bestattung des Polyneikes – zwar den Anschein einer moralischen Pflicht erweckt, in Wahrheit jedoch eine Form von Thanatos (dem Todestrieb) darstellt. Ihre Fixierung auf den toten Bruder ist eine Weigerung, die Realität des Lebens und der sozialen Ordnung anzuerkennen. Ihr Wahn – wenn man ihre fanatische Beharrlichkeit so bezeichnen will – besteht darin, dass sie die Grenze zwischen dem Ich und dem verlorenen Objekt (dem Bruder) aufhebt. Sie zerstört ihr Ich, indem sie sich in einer Höhle lebendig begraben lässt, um die Vereinigung mit dem Toten zu erzwingen. Hier wird die Ambivalenz zur Selbstaufgabe: Das Überleben des Ichs ist nicht mehr mit der Befriedigung des (todesverfallenen) Triebes vereinbar.
Die Destruktivität der Ambivalenz
Freud lehrte uns, dass das gesunde Ich durch die Fähigkeit zur Ambivalenz-Toleranz gekennzeichnet ist – die Einsicht, dass man ein Objekt gleichzeitig lieben und hassen kann, ohne darüber den Verstand oder das Ich zu verlieren. In den thebanischen Tragödien jedoch ist genau diese Toleranz aufgehoben.
Die Bindung der Energie: In beiden Stücken ist die psychische Energie an einen zerstörerischen Punkt gebunden. Die Protagonisten können ihre Konflikte nicht mehr symbolisch verarbeiten oder durch das „Prinzip der Realität“ vermitteln.
Der Zwang zur Wiederholung: Der Fluch agiert als Wiederholungszwang. Die Helden können nicht anders, als den Weg zu wählen, der ihr eigenes Ende bedeutet.
Die Ich-Destruktion: Da das Ich nicht in der Lage ist, die gegensätzlichen Forderungen (Treue zum Blut vs. Treue zum Gesetz / Liebe zum Bruder vs. Hass auf den Rivalen) zu integrieren, bleibt nur die Vernichtung. Der „Wahn“ ist in diesem Sinne der letzte Versuch des Ichs, eine Kohärenz in einer Welt zu erzwingen, die durch die Unauflösbarkeit der Ambivalenz bereits zerbrochen ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die antike Tragödie ist das Drama des Scheiterns der Ich-Synthese. Die Figuren in Theben gehen zugrunde, weil sie die Ambivalenz ihres Wesens nicht im Symbolischen halten können. Sie werden von ihrem eigenen Konflikt „gefressen“ – sei es durch die physische Vernichtung im brudermörderischen Duell oder die psychische Isolation im todessehnsüchtigen Widerstand gegen das Gesetz. Sie sind, in Freudscher Diktion, Gefangene eines Unbewussten, das keinen Kompromiss kennt.


Das Schicksal in der antiken Tragödie – sei es in der thebanischen Saga um das Haus des Ödipus, wie sie uns bei Äschylos in Sieben gegen Theben oder bei Sophokles in der Antigone entgegentritt – lässt sich in der Tat als ein psychisches Spannungsfeld begreifen, das weit über die bloße Einwirkung äußerer Götterwillkür hinausgeht. Betrachtet man diese Dramen durch die Brille der Psychoanalyse, so offenbaren sie eine fundamentale Wahrheit: Die Tragödie ist nicht das Resultat eines unglücklichen Zufalls, sondern das zwangsläufige Resultat einer in der Struktur des menschlichen Subjekts verankerten Ambivalenz.
Der Fluch als Über-Ich-Struktur
In der Freudschen Lesart könnten wir den Fluch, der auf dem Geschlecht der Labdakiden lastet, als eine besonders archaische Form des Über-Ichs betrachten. Es ist…