über die Entstehung von Darmkrebs
- Martin Döhring

- 20. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Die Entstehung von Darmkrebs (kolorektales Karzinom) ist einer der am besten erforschten Prozesse der Krebsmedizin. In den meisten Fällen entwickelt sich Darmkrebs nicht plötzlich, sondern über viele Jahre durch eine Abfolge genetischer und biologischer Veränderungen. Dieses Modell wird als Adenom-Karzinom-Sequenz bezeichnet.
1. Gesunde Darmschleimhaut
Die Innenwand des Dickdarms ist mit einer Schleimhaut ausgekleidet.
Sie besteht aus Millionen kleiner Drüsen (Krypten).
In den Krypten sitzen Stammzellen, die sich ständig teilen.
Normalerweise herrscht ein Gleichgewicht:
Zellteilung
Zelldifferenzierung
programmierter Zelltod (Apoptose)
Dadurch erneuert sich die Darmschleimhaut etwa alle 4–7 Tage.
2. Erste Mutation – Verlust des APC-Gens
Bei etwa 70–80 % der sporadischen Darmkrebserkrankungen ist das APC-Gen als Erstes verändert.
Das APC-Gen ist ein Tumorsuppressorgen.
Seine Aufgabe:
Es reguliert den Wnt/β-Catenin-Signalweg.
Normalerweise verhindert APC,
dass sich β-Catenin im Zellkern ansammelt.
Dadurch wird die Zellteilung kontrolliert.
Geht APC verloren,
sammelt sich β-Catenin an.
Im Zellkern aktiviert es Gene wie:
MYC
Cyclin D1
Diese fördern die Zellteilung.
Die Folge:
Eine Stammzelle beginnt sich schneller zu vermehren.
Es entsteht ein kleiner adenomatöser Polyp.
3. Bildung eines Adenoms
Ein Adenom ist zunächst gutartig.
Die Zellen vermehren sich stärker als normal.
Sie haben aber die Basalmembran noch nicht durchbrochen.
Jetzt können weitere Mutationen hinzukommen.
4. Aktivierung des KRAS-Onkogens
Bei vielen Adenomen entsteht später eine Mutation im KRAS-Gen.
KRAS ist ein Signalmolekül,
das Wachstumsreize aus dem EGFR-Signalweg weiterleitet.
Normalerweise:
Wachstumsfaktor → EGFR → KRAS → Zellteilung
Mutiertes KRAS ist dauerhaft aktiv.
Es sendet ständig Wachstumssignale,
auch ohne Wachstumsfaktor.
Das Adenom wächst weiter.
5. Weitere genetische Veränderungen
Mit zunehmender Größe sammeln sich weitere Mutationen an.
Häufig betroffen sind:
SMAD4
Teil des TGF-β-Signalwegs.
Normalerweise hemmt TGF-β die Zellteilung.
Fällt SMAD4 aus,
geht diese Wachstumsbremse verloren.
PIK3CA
Aktiviert den PI3K/AKT/mTOR-Signalweg.
Dieser steigert:
Zellüberleben
Stoffwechsel
Wachstum
Chromosomale Instabilität
Viele Tumorzellen verlieren oder gewinnen ganze Chromosomenabschnitte.
Dadurch entstehen zahlreiche weitere Mutationen.
Dieses Muster nennt man chromosomale Instabilität (CIN) und es ist der häufigste molekulare Entstehungsweg des sporadischen Darmkrebses.
6. Verlust von TP53
Spät in der Entwicklung tritt häufig eine Mutation des TP53-Gens auf.
TP53 wird oft als
"Wächter des Genoms"
bezeichnet.
Seine Aufgaben:
DNA-Schäden erkennen
Zellzyklus stoppen
DNA reparieren
Apoptose auslösen
Ohne TP53
überleben stark geschädigte Zellen.
Jetzt entwickelt sich aus dem Adenom ein
invasives Karzinom.
7. Durchbruch der Basalmembran
Nun können Krebszellen
die Basalmembran durchbrechen.
Erst jetzt spricht man von einem
Karzinom.
Die Tumorzellen wachsen
in
Darmwand
Lymphgefäße
Blutgefäße
ein.
8. Metastasierung
Über die Blutbahn gelangen Tumorzellen vor allem in:
Leber (über die Pfortader)
Lunge
Bauchfell
später weitere Organe.
Alternative Entstehungswege
Neben der klassischen Adenom-Karzinom-Sequenz gibt es weitere molekulare Wege.
Serrated Pathway (serrierter Weg)
Dieser entsteht aus sessilen serratierten Läsionen (SSL) und ist häufig gekennzeichnet durch:
BRAF-Mutationen
ausgeprägte DNA-Methylierung (CIMP)
teilweise Entwicklung einer Mikrosatelliteninstabilität (MSI) durch Inaktivierung des Reparaturgens MLH1.
Dieser Weg macht etwa 15–30 % der kolorektalen Karzinome aus.
Lynch-Syndrom
Beim erblichen Lynch-Syndrom liegen bereits angeborene Defekte der DNA-Mismatch-Reparatur vor.
Betroffen sind Gene wie:
MLH1
MSH2
MSH6
PMS2
Dadurch entstehen viele kleine DNA-Fehler.
Diese Tumoren zeigen
Mikrosatelliteninstabilität (MSI-H).
MSI-H-Tumoren sprechen häufig gut auf Immuncheckpoint-Inhibitoren an.
Rolle der Entzündung
Chronische Entzündungen erhöhen ebenfalls das Krebsrisiko.
Beispiele:
Colitis ulcerosa
Morbus Crohn
Entzündungszellen bilden:
freie Sauerstoffradikale
Stickstoffradikale
Zytokine
Diese schädigen die DNA.
Umweltfaktoren
Das Risiko steigt unter anderem durch:
höheres Lebensalter
familiäre Belastung
Übergewicht
Bewegungsmangel
Rauchen
hoher Konsum von verarbeitetem und rotem Fleisch
hoher Alkoholkonsum
Schützende Faktoren sind unter anderem:
ballaststoffreiche Ernährung
regelmäßige Bewegung
normales Körpergewicht
Vorsorgekoloskopie mit Entfernung von Polypen.
Warum die Darmspiegelung so wirksam ist
Darmkrebs entsteht meist über 10–15 Jahre.
In dieser langen Vorstufe können Polypen entdeckt und entfernt werden.
Dadurch wird nicht nur Krebs früh erkannt,
sondern seine Entstehung häufig vollständig verhindert.
Zusammenfassung der molekularen Entwicklung
Der klassische Verlauf lässt sich wie folgt darstellen:
Normale Darmschleimhaut
│
▼
APC-Verlust
│
▼
Kleines Adenom (Polyp)
│
▼
KRAS-Mutation
│
▼
Größeres Adenom
│
▼
SMAD4-, PIK3CA- und weitere Veränderungen
│
▼
TP53-Verlust
│
▼
Invasives kolorektales Karzinom
│
▼
Einbruch in Blut- und Lymphgefäße
│
▼
Metastasen (v. a. Leber, später Lunge und Peritoneum)
Dieses mehrstufige Modell erklärt, warum Darmkrebs häufig langsam entsteht und weshalb die Vorsorgekoloskopie eine der wirksamsten Maßnahmen zur Krebsprävention ist: Durch die Entfernung gutartiger Vorstufen (Adenome oder bestimmte serratierte Polypen) kann die Entwicklung eines invasiven Karzinoms oft verhindert werden.




... die molekularbiologische Strategie gegen die Entstehung von Darmkrebs lässt sich direkt aus dem Mechanismus ableiten, den ich in meinem Artikel beschreibe: die Adenom‑Karzinom‑Sequenz. Ich erkläre dir das als präventive und therapeutische Strategie auf molekularer Ebene — also wie man die einzelnen Schritte dieser Sequenz gezielt unterbrechen kann:
🧬 1. Frühintervention im Wnt/β‑Catenin‑Signalweg
Der erste molekulare Auslöser ist meist der Verlust des APC‑Gens, wodurch sich β‑Catenin im Zellkern ansammelt und proliferationsfördernde Gene wie MYC und Cyclin D1 aktiviert werden.
Strategie:
Wnt‑Inhibitoren oder β‑Catenin‑Antagonisten können die übermäßige Aktivierung dieses Signalwegs bremsen.
CRISPR‑basierte Genkorrektur oder RNA‑Interferenz (siRNA) gegen β‑Catenin‑Transkripte sind experimentelle Ansätze, um die Zellteilung wieder zu normalisieren.
🔬 2. Kontrolle der KRAS‑Aktivierung
Mutationen im KRAS‑Gen führen zu einer Daueraktivierung des EGFR‑Signalwegs.
Strategie:
KRAS‑Inhibitoren (z. B. Sotorasib, Adagrasib) blockieren die mutierte KRAS‑G12C‑Variante.
EGFR‑Antikörper (Cetuximab,…