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Psychiatrie - das Frankfurter Affenschloss

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 17. Juli 2020
  • 3 Min. Lesezeit

**Historische Darstellung der Psychiatrie in Frankfurt am Main – mit Fokus auf das „Frankfurter Affenschloss“ und den Psychiater Christian Friedrich Wilhelm Roller**


Die Geschichte der Psychiatrie in Frankfurt reicht bis ins Mittelalter zurück und spiegelt die allgemeine Entwicklung von der mittelalterlichen Verwahrung „Irrer“ bis zur modernen, wissenschaftlich orientierten Anstaltspsychiatrie des 19. Jahrhunderts wider. Ein zentrales Kapitel ist die Errichtung der **Anstalt für Irre und Epileptische** 1864 auf dem **Affensteiner Feld** (auch Affenstein genannt) – im Volksmund **Irrenschloss** oder **Affenschloss** genannt. Dieses Gebäude war eine der fortschrittlichsten psychiatrischen Einrichtungen ihrer Zeit in Deutschland und steht exemplarisch für die Reformbewegung der „Irrenfürsorge“ im 19. Jahrhundert.


### Frühe Anfänge der Frankfurter Psychiatrie (16.–19. Jahrhundert)

Bereits 1606 wird in Frankfurt ein „**Tollhaus**“ in der Tollhausgasse (heute Börsenstraße) erwähnt – eine primitive Verwahrungsstätte für psychisch Kranke. Ab 1776 wurde es als „Kastenhospital“ geführt, mit getrennten Abteilungen für „Rasende“, „Unruhige“ und andere Gruppen. Epileptiker wurden oft ambulant in Pflegefamilien untergebracht.


1819 entstand neben dem Kastenhospital eine erste eigene „**Anstalt für Irre und Epileptische**“. 1834 wurden beide Einrichtungen zu einer selbstständigen milden Stiftung zusammengelegt. Dennoch herrschte chronische Überbelegung; die Bedingungen waren oft unhygienisch und repressiv. Erst in den 1850er-Jahren drängten Ärzte wie Johann Konrad Varrentrapp und **Heinrich Hoffmann** auf einen kompletten Neubau außerhalb der Stadt.


### Das „Frankfurter Affenschloss“ / Irrenschloss (1859–1930)

Auf Initiative von **Heinrich Hoffmann** (1809–1894) – dem bekannten Kinderbuchautor des *Struwwelpeter* und ab 1851 ärztlicher Leiter der alten Anstalt – wurde 1859–1864 auf dem damals noch ländlichen **Affensteiner Feld** im Westend eine komplett neue Heil- und Pflegeanstalt errichtet.


- **Lage und Name**: Das Gelände hieß eigentlich „Ave-Maria-Stein-Feld“ (nach einem Bildstock), wurde aber volkstümlich „Affensteiner Feld“ genannt. Der neugotische, „altdeutsche“ Baustil (gewünscht von der republikanischen Stadtverwaltung) führte zum spöttischen Spitznamen **Irrenschloss**. In manchen Quellen und im Volksmund verschmolz dies mit dem Geländenamen zum **Affenschloss** („Monkey Castle“) – eine ironische Anspielung auf die chaotischen Zustände in früheren Irrenanstalten und die Affen-Assoziation.


- **Moderne Ausstattung**: Die Anstalt war für damalige Verhältnisse revolutionär: getrennte Höfe und Gebäude für verschiedene Patientengruppen (Tobsüchtige, Epileptiker, Ruhige etc.), Gärten zur Arbeitstherapie, eigene Werkstätten, Dampfmaschine für Wasserversorgung, Innen-WCs und – zunächst – fenster ohne Gitter. Hoffmann betonte eine humane Atmosphäre: „Es muß vor allem so sein, daß der Eintritt des Arztes in eine Abteilung etwas vom Sonnenaufgang an sich habe.“


- **Kapazität und Alltag**: Die Anstalt bot Platz für ca. 200 Patienten (später erweitert), Hoffmann selbst wohnte mit Familie und Personal im Gebäude. Ziel war Heilung statt reiner Verwahrung; Arbeit, Spaziergänge und Beschäftigungstherapie spielten eine große Rolle.


### Die Rolle des Psychiaters Christian Friedrich Wilhelm Roller (1802–1878)

Der eigentliche „Vater“ des Frankfurter Neubaus war nicht vor Ort, sondern **Christian Friedrich Wilhelm Roller** aus Baden. Roller war einer der bedeutendsten Psychiater des 19. Jahrhunderts und Gründer der berühmten **Heil- und Pflegeanstalt Illenau** bei Achern (eröffnet 1842).


Illenau galt als *Modellanstalt* der deutschen Anstaltspsychiatrie: humane, familienähnliche Atmosphäre, Arbeitstherapie, Architektur im „deutschen Stil“ und die Idee, dass die Anstalt selbst therapeutisch wirkt. Heinrich Hoffmann und Architekt Oskar Pichler besuchten Illenau 1856 auf einer Studienreise durch Europa – Roller’s Konzept wurde zum direkten Vorbild für Frankfurt. Hoffmann übernahm nicht nur den Baustil, sondern auch die therapeutischen Grundsätze („Ruhe, Ordnung, Beschäftigung“). Roller selbst war Mitbegründer der *Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie* und prägte die gesamte deutsche Psychiatrie des 19. Jahrhunderts.


Ohne Roller’s Illenau hätte es das Frankfurter „Affenschloss“ in dieser modernen Form nie gegeben.


### Weitere Entwicklung und Bedeutung

- **1888–1922**: Unter Nachfolger **Emil Sioli** wurde die Anstalt noch humaner (Abschaffung vieler Zwangsmaßnahmen, kontinuierliche Bäder, offene Stationen). 1901 entdeckte **Alois Alzheimer** (damals Assistent) hier die nach ihm benannte Krankheit an der Patientin Auguste D.

- **1928/1930**: Abriss des alten „Affenschlosses“ wegen veralteter Technik. Neubau im Bauhaus-Stil in Niederrad (heutiges **Zentrum für Psychische Gesundheit** der Universitätsklinik Frankfurt, Heinrich-Hoffmann-Straße). Das Gelände wurde zum IG-Farben-Haus (später Campus Westend).

- **Heute**: Die Psychiatrie in Frankfurt ist eine moderne Universitätsklinik mit Schwerpunkten in Forschung (z. B. Neurowissenschaften, Psychotherapie) und Gemeindepsychiatrie – weit entfernt von den „Irrenanstalten“ des 19. Jahrhunderts.


Das „Frankfurter Affenschloss“ steht symbolisch für den Übergang von mittelalterlicher Verwahrung zur wissenschaftlich-humanen Psychiatrie. Es war kein „Zoo für Verrückte“, sondern ein ambitionierter Reformversuch, der maßgeblich von Roller’s Vision geprägt war.



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