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Bildnis des Judas, wie er den Jesus therapiert

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 26 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Das Bild ist eine außergewöhnliche ikonographische Umkehrung der Passionsgeschichte. Es erzählt nicht den Verrat des Judas, sondern stellt Judas als Psychotherapeuten, Arzt oder Aufklärer dar, der versucht, Jesus aus seiner religiösen Selbstidentifikation herauszuführen. Wenn man das Bild psychoanalytisch liest, ergibt sich eine vielschichtige Allegorie.


Die Umkehrung der Rollen

In der christlichen Tradition ist Judas der Verräter und Jesus der Erlöser.

Hier geschieht das Gegenteil:

  • Judas sitzt auf Augenhöhe.

  • Er blickt Jesus nicht verurteilend, sondern mit Mitgefühl an.

  • Er spricht leise auf ihn ein.

  • Jesus wirkt erschöpft, verwundet und innerlich zerrissen.

Die Szene erinnert eher an eine Therapiesitzung als an ein Verhör.


Die Münze

Judas hält eine einzelne Silbermünze zwischen den Fingern.

Traditionell symbolisieren die Silberlinge den Verrat.

Hier erhält die Münze eine neue Bedeutung.

Sie scheint zu sagen:

"Schau genau hin. War dein Bild von der Wirklichkeit vielleicht selbst eine Projektion?"

Die Münze wird damit zu einem Symbol der Realitätsprüfung.

In der Psychoanalyse könnte sie für das Realitätsprinzip stehen, das die Wünsche und Fantasien des Menschen mit der Wirklichkeit konfrontiert.


Jesus

Jesus hält zwar noch das Kreuz, wirkt aber, als könne er es jederzeit loslassen.

Die Dornenkrone sitzt locker.

Sein Blick richtet sich fragend auf Judas.

Er scheint nicht mehr zu predigen.

Er beginnt zuzuhören.

Das wäre der eigentliche Beginn einer Therapie.


Das Kreuz

Im Hintergrund hängt Jesus bereits am Kreuz.

Vorne lebt er noch.

Dadurch entstehen zwei Zeitebenen.

Das Kreuz im Hintergrund erscheint wie eine Vision oder ein mögliches Schicksal.

Psychologisch könnte das bedeuten:

Der Kreuzestod ist noch nicht vollzogen.

Er ist eine innere Vorstellung, die möglicherweise verändert werden könnte.


Die Ketten

Jesus trägt Ketten.

Sie sind nicht am Kreuz befestigt.

Sie liegen um seine Handgelenke.

Dadurch wirken sie weniger wie staatliche Gefangenschaft als wie innere Bindungen.

Man könnte sie verstehen als:

  • Schuld

  • Sendungszwang

  • religiöse Identität

  • Messiasrolle

Nicht Rom hält ihn fest.

Seine Überzeugungen tun es.


Die Medikamente

Auf den Tischen stehen Fläschchen, Instrumente und Phiolen.

Das verändert die Szene vollständig.

Judas erscheint nicht als Verräter.

Er erscheint als Arzt.

Die Medizin steht sinnbildlich für:

  • Erkenntnis

  • Therapie

  • psychische Heilung

  • rationale Untersuchung

Während das Kreuz Erlösung durch Opfer symbolisiert, symbolisieren die Medikamente Heilung durch Erkenntnis.


Der Totenschädel

Der Schädel erinnert an Golgatha.

In der Psychoanalyse steht der Schädel häufig für die Konfrontation mit der Endlichkeit.

Er könnte Judas daran erinnern, dass jede Therapie letztlich den Menschen mit seiner Sterblichkeit versöhnt.


Das Lamm

Das Lamm besitzt eine besonders interessante Umdeutung.

Traditionell ist Jesus selbst das Opferlamm.

Hier liegt das Lamm bereits angekettet.

Es scheint erschöpft.

Fast so, als symbolisiere es den Opfermythos selbst.

Vielleicht sagt das Bild:

Das Opfer ist selbst gefangen.

Das Schreiben auf dem Tisch

Papier und Feder erinnern an eine Krankenakte.

Nicht mehr Evangelium.

Sondern Anamnese.

Der Therapeut schreibt nicht Gottes Wort.

Er dokumentiert Symptome.


Psychoanalytische Gesamtdeutung

Liest man das Bild mit Freud und Nietzsche im Hintergrund, könnte Judas den Anteil des Realitätsprinzips verkörpern.

Er versucht Jesus von einer grandiosen religiösen Identität zu lösen.


Die Therapie könnte sinngemäß lauten:

"Du musst nicht der Sohn Gottes sein. Du darfst Mensch sein."

Der eigentliche Schmerz wäre dann nicht der Kreuzestod selbst, sondern der Verlust einer allumfassenden Selbstdeutung. In psychoanalytischen Begriffen könnte dies als narzisstische Kränkung verstanden werden: Das Ich muss sich von einer außergewöhnlichen Sendung lösen und die Begrenztheit der menschlichen Existenz akzeptieren.


In dieser Lesart wird Judas nicht zum Zerstörer Jesu, sondern zu einer Figur der Desillusionierung. Das Kreuz verliert seinen Charakter als göttlicher Heilsplan und wird zum Symbol eines existenziellen Konflikts zwischen idealisiertem Selbstbild und Wirklichkeit. Diese Interpretation ist eine künstlerisch-philosophische Allegorie und steht neben den traditionellen theologischen Deutungen, ohne historische oder psychologische Aussagen über die dargestellten Personen zu beanspruchen.

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