Vorlesung: Arthur Schopenhauer und die Überwindung der Welt
- Martin Döhring

- 5. Aug.
- 5 Min. Lesezeit

Meine Damen und Herren,
wenn wir heute über Arthur Schopenhauer sprechen, begegnen wir einem der eigenwilligsten und zugleich einflussreichsten Denker des 19. Jahrhunderts. Er war ein Philosoph, der Zeit seines Lebens gegen den Strom schwamm und sich bewusst in Opposition zum philosophischen Mainstream seiner Epoche stellte.
Bereits zu Beginn seiner akademischen Laufbahn zeigt sich dieser Charakterzug auf bemerkenswerte Weise.
Als Schopenhauer sich an der Berliner Universität habilitiert hatte, legte er seine Vorlesungen absichtlich auf denselben Wochentag und dieselbe Uhrzeit wie Georg Wilhelm Friedrich Hegels Vorlesungen.
Hegel war damals der unangefochtene Star der deutschen Philosophie. Als Inhaber des renommierten Berliner Lehrstuhls zog er regelmäßig mehrere hundert Studenten an. Schopenhauer hoffte offenbar, sich unmittelbar mit ihm messen zu können oder das akademische Establishment herauszufordern.
Das Experiment scheiterte jedoch spektakulär.
Während Hegels Hörsäle überfüllt waren, fanden sich zu Schopenhauers Vorlesungen zunächst nur wenige, später teilweise überhaupt keine Zuhörer mehr ein. Schließlich musste er seine Lehrveranstaltungen einstellen.
Dieses Scheitern prägte sein weiteres Leben nachhaltig. Seine tiefe Abneigung gegen Hegel und die akademische Philosophie erklärt sich nicht zuletzt aus dieser persönlichen Erfahrung.
Der Ausgangspunkt seiner Philosophie
Schopenhauers Hauptwerk trägt den berühmten Titel
„Die Welt als Wille und Vorstellung“.
Dieser Satz gehört zu den originellsten Formulierungen der gesamten Philosophiegeschichte.
Bemerkenswert ist, dass Schopenhauer diese Idee nicht aus naturwissenschaftlichen Beobachtungen entwickelte, sondern aus einer Verbindung dreier Denktraditionen:
der Erkenntnistheorie Immanuel Kants,
der Selbstbeobachtung,
und der indischen Philosophie.
Der Ausgangspunkt ist Kant.
Kant unterscheidet bekanntlich zwischen
der Welt, wie sie uns erscheint,
und dem sogenannten „Ding an sich“, also der Wirklichkeit hinter den Erscheinungen.
Nach Kant bleibt dieses Ding an sich für den Menschen grundsätzlich unerkennbar.
Schopenhauer akzeptiert diese Ausgangslage zunächst.
Dann stellt er jedoch eine entscheidende Frage:
Gibt es vielleicht einen einzigen Zugang zum Ding an sich?
Der eigene Körper als Schlüssel
Schopenhauers Antwort lautet:
Ja.
Den eigenen Körper.
Warum?
Weil wir unseren Körper auf zwei völlig verschiedene Arten erfahren.
Von außen erscheint er uns wie jeder andere Gegenstand.
Wir sehen einen Arm, ein Bein oder eine Hand als Objekte unter anderen Objekten.
Von innen jedoch erleben wir etwas völlig anderes.
Wenn ich meinen Arm hebe, nehme ich nicht zunächst einen Gedanken wahr und anschließend eine Bewegung.
Ich erfahre unmittelbar:
Ich will den Arm heben.
Die Bewegung erscheint als unmittelbarer Ausdruck dieses Wollens.
Für Schopenhauer ist dies revolutionär.
Zum ersten Mal, so meint er, begegnet uns das Ding an sich unmittelbar.
Nicht als Objekt.
Sondern als inneres Erleben.
Vom Menschen zur gesamten Natur
An dieser Stelle vollzieht Schopenhauer den entscheidenden metaphysischen Schritt.
Er fragt:
Wenn mein Körper in seinem innersten Wesen Wille ist,
warum sollte dies nicht für die gesamte Natur gelten?
Er betrachtet nun sämtliche Naturerscheinungen unter diesem Gesichtspunkt.
Pflanzen wachsen.
Tiere kämpfen ums Überleben.
Kristalle bilden regelmäßige Strukturen.
Planeten bewegen sich auf ihren Bahnen.
Hinter all diesen Erscheinungen vermutet Schopenhauer dieselbe innere Kraft.
Nicht einen vernünftigen Plan.
Nicht einen bewussten Entschluss.
Sondern einen blinden, unaufhörlichen Drang zum Sein.
Was meint Schopenhauer mit „Wille“?
Hier entsteht leicht ein Missverständnis.
Schopenhauer meint mit Wille gerade nicht den bewussten Entschluss.
Er spricht vielmehr von einer elementaren Kraft.
Zu ihren Erscheinungsformen gehören:
Selbsterhaltung,
Fortpflanzung,
Hunger,
Sexualität,
Wachstum,
Trieb,
Beharrung.
All dies versteht er als unterschiedliche Ausdrucksformen eines einzigen kosmischen Prinzips.
Deshalb formuliert er:
Die Welt ist die Objektivation des Willens.
Der Vorrang der Triebe
Schopenhauer beobachtet den Menschen mit großer Skepsis.
Der Mensch hält sich für vernünftig.
Tatsächlich, so Schopenhauer, bestimmen jedoch meist andere Kräfte sein Handeln:
Bedürfnisse.
Leidenschaften.
Ängste.
Begierden.
Triebe.
Die Vernunft ist häufig lediglich das Werkzeug dieser tieferen Antriebe.
Sein berühmter Satz bringt diese Einsicht auf den Punkt:
„Der Mensch kann zwar tun, was er will; aber er kann nicht wollen, was er will.“
Unsere Wünsche selbst stehen also nicht unter unserer freien Verfügung.
Schopenhauer und Darwin
Schopenhauer entwickelt seine Philosophie Jahrzehnte vor Charles Darwin.
Als Darwin später seine Evolutionstheorie veröffentlicht, erkennen viele Philosophen gewisse Parallelen.
Auch Darwin beschreibt einen universellen Kampf ums Dasein.
Dennoch unterscheiden sich beide grundlegend.
Darwin erklärt biologische Prozesse empirisch.
Schopenhauer entwirft dagegen eine metaphysische Theorie über das Wesen der Wirklichkeit.
Der Einfluss Indiens
Schopenhauer war einer der ersten europäischen Philosophen, der intensiv die Upanishaden und buddhistische Texte studierte.
Dort begegnete er Gedanken, die ihn tief beeindruckten.
Etwa:
Begierde erzeugt Leiden.
Alles Vergängliche führt zur Enttäuschung.
Erlösung besteht in der Überwindung des Begehrens.
Diese Motive verbindet er mit seiner eigenen Philosophie.
Damit erhält seine Ethik ihre eigentliche Richtung.
Nicht Weltbeherrschung.
Sondern Weltüberwindung.
Die Überwindung des Willens
Damit gelangen wir zum Kern seiner Ethik.
Wenn der Wille die Quelle allen Leidens ist,
dann kann Erlösung nur durch seine Überwindung erreicht werden.
Schopenhauer beschreibt hierfür zwei Wege.
Erster Weg: Die Kunst
Die Kunst ermöglicht eine vorübergehende Befreiung.
Im ästhetischen Erleben wird der Mensch zum
„reinen, willenlosen Subjekt der Erkenntnis“.
Für kurze Zeit vergisst er
seine Wünsche,
seine Sorgen,
sein eigenes Ich.
Er betrachtet die Welt vollkommen objektiv.
Schopenhauer beschreibt diesen Zustand mit eindrucksvollen Bildern.
Er nennt ihn den
„Sabbath der Strafarbeit des Wollens“,
das
„stillstehende Rad des Ixion“
oder den schmerzfreien Zustand der olympischen Götter.
Unter allen Künsten nimmt die Musik eine Sonderstellung ein.
Während Malerei oder Dichtung nur Erscheinungen darstellen,
drückt die Musik nach Schopenhauer unmittelbar den Willen selbst aus.
Doch diese Erlösung bleibt vorübergehend.
Sobald die Kontemplation endet,
kehrt der Wille zurück.
Zweiter Weg: Die Askese
Die eigentliche Erlösung sieht Schopenhauer in der Verneinung des Willens.
Sie entsteht nicht durch einen neuen Willensakt,
sondern durch Erkenntnis.
Wer das Wesen der Welt vollständig durchschaut,
dessen Wille verliert seine Macht.
Schopenhauer beschreibt den Asketen als Menschen,
der freiwillig
auf Besitz,
Genuss,
Macht,
Sexualität
und Ehrgeiz verzichtet.
Er begegnet Leid,
Unrecht
und Beleidigungen
mit Gelassenheit.
Die Askese ist daher kein einmaliger Entschluss,
sondern ein lebenslanger Prozess.
Schopenhauer erkennt solche Gestalten
im christlichen Mönchtum,
im Buddhismus,
bei indischen Weisen
und in der Mystik.
Am Ende dieses Weges steht völlige innere Ruhe.
Warum Selbstmord keine Lösung ist
Ein besonders überraschender Gedanke Schopenhauers lautet:
Selbstmord bedeutet keineswegs die Verneinung des Willens.
Im Gegenteil.
Wer sich das Leben nimmt,
bejaht nach Schopenhauer den Willen sogar noch.
Er möchte weiterhin leben,
nur eben nicht unter den gegebenen Bedingungen.
Deshalb sieht Schopenhauer im Selbstmord keine Erlösung.
Die Rolle des Mitleids
Zwischen Kunst und Askese steht das Mitleid.
Wer erkennt,
dass das Leiden des anderen letztlich auch sein eigenes Leiden ist,
durchschaut bereits die Illusion völlig getrennter Individuen.
Damit nähert sich der Mensch der Überwindung des Willens.
Schlussbetrachtung
Wie beurteilen wir Schopenhauer heute?
Seine These, dass die Welt metaphysisch Wille sei, lässt sich weder empirisch beweisen noch widerlegen.
Die moderne Philosophie versteht sie daher nicht als naturwissenschaftliche Aussage, sondern als tiefgreifende Deutung der menschlichen Existenz.
Sein eigentlicher Beitrag liegt an anderer Stelle.
Er verschiebt den Mittelpunkt des Menschenbildes.
Nicht die Vernunft regiert den Menschen.
Vielmehr steht die Vernunft häufig im Dienst unbewusster Triebe, Bedürfnisse und Motivationen.
Damit wurde Schopenhauer zu einem Wegbereiter moderner Denkansätze.
Nietzsche entwickelte daraus den Willen zur Macht.
Freud erkannte die Bedeutung unbewusster Triebe.
Richard Wagner ließ sich zeitweise tief von seiner Philosophie inspirieren.
Und bis heute wirkt Schopenhauers Grundgedanke nach:
Nicht der Welteroberer ist die höchste Gestalt des Menschen,
sondern der Weltüberwinder – derjenige, der den blinden Drang des Willens erkennt, sich von ihm löst und dadurch innere Freiheit gewinnt.




... ich erzähle dir die Geschichte des Buddha so, wie du es magst: präzise, tiefenpsychologisch, philosophisch geschärft, mit einer klaren Dialektik und einer kontrastierenden Gegenüberstellung zu Schopenhauer, wie in meiner Vorlesung:
Ich strukturiere das Ganze in vier Teilen:
Die Lebensgeschichte des Siddhartha Gautama
Die dialektische Struktur seiner Erkenntnis
Der Edle Achtfache Pfad und das Ziel Nirvāṇa
Die Abgrenzung zu Schopenhauer – Gemeinsamkeiten und fundamentale Unterschiede
⭐ 1. Die Geschichte des Buddha Gautama
Geburt und Herkunft
Siddhartha Gautama wurde im 5. Jahrhundert v. Chr. als Sohn eines Fürsten geboren. Sein Vater wollte ihn vor allem Leid schützen und hielt ihn in einem abgeschirmten Palast voller Luxus.
Die vier Ausfahrten – die Konfrontation mit der Realität
Mit etwa 29 Jahren verließ Siddhartha…
**Schopenhauer sieht die Überwindung der Welt in der Verneinung des Willens zum Leben.**
In seinem Hauptwerk *Die Welt als Wille und Vorstellung* (1818/1844) beschreibt er die Welt als Erscheinung (Vorstellung) eines blinden, vernunftlosen und unersättlichen **Willens**. Dieser Wille ist das Ding an sich und äußert sich in allem Lebendigen als unaufhörliches Streben, Begehren und Wollen. Da jedes Begehren aus einem Mangel entsteht und jede Befriedigung nur vorübergehend ist, ist das Dasein wesentlich Leiden.
### Zwei Stufen der Überwindung
**1. Temporäre Überwindung – die ästhetische Kontemplation**
In der reinen, willenlosen Anschauung der Ideen (besonders in der Kunst und der Musik) tritt der Mensch für Momente aus dem Willensgetriebe heraus. Er wird zum „reinen Subjekt des Erkennens“. Das ist ein Quietiv des…
Die Ähnlichkeit mit Buddha Gautama ist historisch gut belegt und von Schopenhauer selbst bewusst so gewollt. Schopenhauer gilt als der erste bedeutende westliche Philosoph, der sich intensiv mit indischer Philosophie (insbesondere den Upanishaden und dem Buddhismus) auseinandersetzte und versuchte, deren Geist in sein eigenes System zu integrieren. Er bezeichnete sich selbst scherzhaft als „Buddha in Europa“.
Die Parallelen zwischen Schopenhauers Philosophie und der Lehre des Buddha Gautama sind frappierend und erstrecken sich über mehrere Kernbereiche:
1. Die Grunderkenntnis: Das Leben ist Leiden
Buddha: Die erste der Vier Edlen Wahrheiten besagt, dass das Leben im Zustand der weltlichen Existenz vom Leiden (Dukkha) geprägt ist.
Schopenhauer: Sein gesamtes System basiert auf einem radikalen Pessimismus. Er definiert den Willen als ein ungestilltes Streben,…