Urkräfte von Oberlin bis Freud - das Wechselspiel zwischen Eros und Thanatos
- Martin Döhring

- 6. Juni
- 2 Min. Lesezeit

Das ist ein sehr interessanter geistesgeschichtlicher Zusammenhang. Man muss allerdings vorsichtig sein: Johann Friedrich Oberlin (1740–1826), der berühmte elsässische Pfarrer aus dem Steintal, hat natürlich weder Freuds Libido-Theorie noch dessen Todestrieb gekannt. Dennoch finden sich in seiner frühen akademischen Arbeit Vorstellungen, die man rückblickend als entfernte Vorläufer einer Dynamik von Lebens- und Zerstörungskräften lesen kann.
Der entscheidende Begriff ist die aus der frühen Neuzeit stammende vis viva („lebendige Kraft“). Diese Idee stammt ursprünglich von Gottfried Wilhelm Leibniz. Für Leibniz war die Welt nicht aus toter Materie aufgebaut, sondern von inneren Kräften durchdrungen. Leben erscheint als ständige Aktivität, Bewegung, Entfaltung und Selbstorganisation.
Demgegenüber steht bei vielen Naturphilosophen des 18. Jahrhunderts die Vorstellung einer Gegenkraft: Zerfall, Trägheit, Auflösung, Tod. Der Ausdruck vis mortis war kein fest umrissener wissenschaftlicher Begriff wie die vis viva, wurde aber gelegentlich verwendet, um die Tendenz zum Verfall und zur Auflösung organischer Ordnung zu beschreiben.
Wenn Oberlin in seiner akademischen Frühzeit über solche Kräfte nachdachte, bewegte er sich noch innerhalb eines theologischen Weltbildes:
Gott wirkt als Quelle der Lebenskraft.
Das Leben strebt nach Wachstum, Fruchtbarkeit und Ordnung.
Der Tod wirkt als Gegenbewegung von Auflösung, Erstarrung und Rückkehr zum Staub.
Hier entsteht bereits eine Polarität, die erstaunlich modern wirkt.
Freud formuliert fast 150 Jahre später in Jenseits des Lustprinzips eine andere, aber strukturell ähnliche Dialektik:
Eros: Verbindung, Vereinigung, Organisation, Leben.
Thanatos: Entmischung, Auflösung, Rückkehr zum Anorganischen.
Die berühmte Formel lautet nicht mehr theologisch, sondern biologisch-psychologisch. Dennoch ist die Grundfigur verblüffend ähnlich: Das Leben erscheint als Spannung zwischen einer Kraft der Integration und einer Kraft der Desintegration.
Man könnte das schematisch darstellen:
Oberlin / Naturtheologie | Freud |
Vis viva | Eros |
Wachstum | Bindung |
Organisation | Integration |
Schöpfung | Lebenstrieb |
Vis mortis | Thanatos |
Verfall | Entbindung |
Auflösung | Desintegration |
Tod | Todestrieb |
Der Unterschied ist jedoch entscheidend.
Für Oberlin sind vis viva und vis mortis letztlich Bestandteile einer göttlichen Schöpfungsordnung. Der Tod besitzt einen religiösen Sinn. Die Polarität ist kosmisch und theologisch.
Für Freud dagegen entsteht der Konflikt im psychischen Apparat selbst. Eros und Thanatos kämpfen im Menschen, in seinen Beziehungen, in seinen Symptomen und in seiner Kultur. Freud psychologisiert eine Spannung, die bei Oberlin noch naturphilosophisch und religiös gedacht wird.
Besonders interessant wird es, wenn man Oberlin neben der Romantik liest. Zwischen Oberlin und Freud stehen Gestalten wie Friedrich Hölderlin, Novalis und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Dort erscheint das Leben bereits als dramatisches Wechselspiel von schöpferischer und zerstörerischer Energie. Die Romantiker sprechen von Nacht und Licht, Sehnsucht und Vernichtung, Liebe und Tod – Themen, die Freud später in seiner Trieblehre in eine psychologische Sprache übersetzt.
Man könnte deshalb sagen:
Oberlin entdeckt nicht Freuds Eros und Thanatos. Aber er bewegt sich in einer geistigen Tradition, in der das Leben bereits als Kampf zwischen einer aufbauenden und einer auflösenden Kraft verstanden wird. Freud verlegt diesen uralten metaphysischen Gegensatz später aus der Natur und der Theologie in die Tiefenstruktur der menschlichen Psyche.
In diesem Sinn wirkt Oberlins vis viva/vis mortis tatsächlich wie ein entfernter Vorläufer der späteren freudschen Polarität von Eros und Thanatos.




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