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Tantra - mein Vorlesungsskript

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 7 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Tantra – Bedeutung, Herkunft und Praxis

Vorlesungsskript


... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Wenn wir heute das Wort Tantra hören, denken viele Menschen zunächst an Sexualität. In der westlichen Populärkultur ist Tantra geradezu zu einem Synonym für eine besondere Form der erotischen oder sexuellen Praxis geworden. Historisch betrachtet ist dieses Verständnis jedoch ausgesprochen verkürzt.

Tantra ist zunächst weder eine Sexualtechnik noch eine einzelne Religion. Der Begriff bezeichnet vielmehr eine große und äußerst vielfältige Familie religiöser Texte, Rituale und Meditationspraktiken, die sich vor allem im Hinduismus und Buddhismus entwickelt haben.

Um das Phänomen Tantra zu verstehen, müssen wir deshalb zunächst seine sprachliche und historische Bedeutung betrachten.

1. Was bedeutet das Wort „Tantra“?

Das Wort tantra stammt aus dem Sanskrit. Es hängt mit der Wortwurzel tan zusammen, die unter anderem „ausdehnen“, „ausbreiten“ oder „spannen“ bedeutet.

Das Sanskritwort tantra bezeichnet ursprünglich unter anderem ein Gewebe, ein Gewebegefüge oder auch einen Webstuhl. Daraus entwickelte sich die Vorstellung eines Systems, in dem verschiedene Elemente miteinander verbunden und „verwoben“ werden.

Eine populäre esoterische Deutung zerlegt das Wort zusätzlich in tan – „ausdehnen“ – und tra – „schützen“ oder „retten“. Diese Erklärung ist als traditionelle Interpretation interessant, sollte aber nicht mit einer streng wissenschaftlichen Herleitung verwechselt werden.

Entscheidend ist daher weniger die vermeintlich wörtliche Übersetzung als die Funktion des Begriffs: Ein Tantra ist ein systematisch aufgebautes Lehr- und Praxisgefüge.

Und genau das ist Tantra.

Es handelt sich um eine Vielzahl von Traditionen, nicht um eine einzige geschlossene Lehre.

2. Die Entstehung der tantrischen Traditionen

Die tantrischen Bewegungen entstanden in Südasien insbesondere im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung und entwickelten sich über viele Jahrhunderte hinweg.

Dabei entstanden tantrische Traditionen sowohl innerhalb des Hinduismus als auch innerhalb des Buddhismus.

Im Hinduismus finden wir Tantra insbesondere in den Traditionen des Shivaismus, des Shaktismus und teilweise des Vishnuismus.

Im Buddhismus entwickelte sich Tantra vor allem im sogenannten Vajrayana, also dem tantrischen Buddhismus, der später insbesondere in Tibet, Nepal und anderen Regionen des Himalaya eine große Bedeutung erlangte.

Schon diese historische Tatsache zeigt, dass wir nicht von „dem Tantra“ sprechen können.

Es gibt vielmehr zahlreiche Tantras, unterschiedliche Schulen, verschiedene Götter- und Weltbilder, unterschiedliche Rituale und teilweise sogar gegensätzliche philosophische Vorstellungen.

Gemeinsam ist vielen dieser Traditionen jedoch eine bemerkenswerte Grundidee:

Die Welt und der Körper müssen nicht zwangsläufig überwunden werden, um Befreiung zu erreichen. Sie können selbst zum Instrument der Befreiung werden.

Damit unterscheidet sich Tantra von bestimmten Formen radikaler Askese.

3. Der Körper als Weg zur Befreiung

In vielen religiösen Traditionen erscheint der Körper als etwas, das den Menschen an die materielle Welt bindet.

Der Körper altert, empfindet Schmerz, besitzt Wünsche und Bedürfnisse. Hunger, Sexualität, Angst, Begierde und Besitzstreben können den Menschen an die Welt binden.

Der tantrische Gedanke setzt an einem anderen Punkt an.

Er fragt:

Was geschieht, wenn wir diese Kräfte nicht einfach bekämpfen, sondern sie transformieren?

Begierde muss dann nicht einfach unterdrückt werden.

Emotionen müssen nicht einfach verschwinden.

Der Körper ist nicht bloß ein Hindernis.

Vielmehr können Körper, Atem, Vorstellungskraft, Sprache, Sexualität, Emotion und Sinneswahrnehmung Bestandteile eines spirituellen Transformationsprozesses werden.

Das bedeutet allerdings keineswegs: „Alles ist erlaubt.“

Gerade die klassischen tantrischen Traditionen waren hochgradig ritualisiert. Ihre Praktiken waren an Initiation, Lehrer-Schüler-Verhältnisse, Mantras, Visualisierungen und bestimmte Regeln gebunden.

Tantra bedeutet daher nicht grenzenlose Selbstverwirklichung, sondern eine systematische Transformation des Menschen.

4. Die Chakras

Ein besonders bekanntes Element tantrischer Vorstellungen sind die Chakras.

Das Sanskritwort cakra bedeutet „Rad“ oder „Kreis“.

Chakras sind Vorstellungen eines sogenannten subtilen Körpers. Sie sind keine anatomischen Organe und lassen sich daher nicht einfach mit bestimmten Körperteilen oder Drüsen der modernen Medizin gleichsetzen.

In verschiedenen tantrischen Traditionen werden unterschiedliche Systeme beschrieben.

Das ist besonders wichtig, weil wir heute häufig von einem festen System aus sieben Chakras ausgehen. Historisch gesehen existierte jedoch keineswegs von Anfang an ein universelles Sieben-Chakra-Modell.

Verschiedene Texte und Schulen kennen unterschiedliche Zahlen und Anordnungen von Chakras.

Das heute im Westen populäre Sieben-Chakra-System beruht insbesondere auf späteren tantrischen und yogischen Traditionen und wurde im 20. Jahrhundert durch Übersetzungen und Darstellungen wie Sir John Woodroffes, der unter dem Pseudonym Arthur Avalon veröffentlichte, international bekannt.

Die sieben Chakras werden heute gewöhnlich folgendermaßen bezeichnet:

Erstens Muladhara, das Wurzelzentrum.

Zweitens Svadhisthana, das Sakralzentrum.

Drittens Manipura, das Zentrum im Bereich des Solarplexus.

Viertens Anahata, das Herzzentrum.

Fünftens Vishuddha, das Kehlzentrum.

Sechstens Ajna, das sogenannte Stirnzentrum oder „Dritte Auge“.

Und schließlich Sahasrara, das Kronenzentrum.

Diese Zuordnungen sind allerdings in dieser heute bekannten Form nicht einfach eine zeitlose Lehre des gesamten Tantra.

Vielmehr handelt es sich um eine historische Entwicklung unterschiedlicher subtilkörperlicher Modelle.

5. Kundalini – die aufsteigende Energie

Eng verbunden mit der Chakralehre ist die Vorstellung der Kundalini.

Kundalini bedeutet sinngemäß „die Aufgerollte“.

Sie wird als eine latente spirituelle Kraft verstanden, die im Bereich des unteren Körpers ruht.

In vielen tantrischen und yogischen Traditionen wird diese Kraft symbolisch als Schlange dargestellt.

Der spirituelle Weg besteht nun darin, diese Kraft zu erwecken und durch den zentralen Energiekanal, die Sushumna, aufsteigen zu lassen.

Dabei werden verschiedene Chakras durchlaufen.

Das Ziel ist nicht einfach eine körperliche Sensation.

Vielmehr symbolisiert der Aufstieg der Kundalini eine Transformation des Bewusstseins.

Am höchsten Punkt steht die Erfahrung einer Einheit von Bewusstsein und kosmischer Energie.

Im shivaitischen und shaktistischen Denken wird diese Beziehung häufig durch die Polarität von Shiva und Shakti ausgedrückt.

Shiva steht dabei – vereinfacht gesagt – für reines Bewusstsein.

Shakti bezeichnet die schöpferische und dynamische Kraft dieses Bewusstseins.

Die Vereinigung beider Prinzipien symbolisiert die Überwindung der scheinbaren Trennung zwischen Subjekt und Welt.

6. Shiva und Shakti

Damit kommen wir zu einem der zentralen Symbole tantrischer Spiritualität.

Shiva und Shakti sind nicht einfach ein hinduistisches Liebespaar.

Sie stehen für zwei kosmische Prinzipien.

Shiva repräsentiert das stille, unveränderliche Bewusstsein.

Shakti repräsentiert Energie, Bewegung, Schöpfung und Manifestation.

Ohne Shakti bleibt Shiva gewissermaßen unbewegt.

Ohne Shiva besitzt Shakti kein unabhängiges Bewusstsein.

Die Welt entsteht aus ihrer Beziehung.

Deshalb kann die tantrische Spiritualität die Welt nicht einfach als etwas betrachten, das überwunden werden muss.

Die Welt ist vielmehr Ausdruck der göttlichen Energie.

Der Körper selbst wird dadurch zu einem möglichen Ort spiritueller Erkenntnis.

7. Das Maithuna-Ritual

Damit kommen wir zu jenem Aspekt des Tantra, der im Westen besonders bekannt geworden ist: Maithuna.

Das Sanskritwort maithuna bezeichnet sexuelle Vereinigung beziehungsweise Paarung.

In bestimmten tantrischen Traditionen konnte sexuelle Vereinigung tatsächlich Bestandteil eines religiösen Rituals sein.

Aber auch hier müssen wir sehr vorsichtig sein.

Maithuna war weder die zentrale Praxis aller tantrischen Schulen noch war Tantra allgemein eine Form religiöser Sexualität.

Vielmehr handelt es sich um eine spezielle und teilweise sehr esoterische Praxis bestimmter tantrischer Richtungen.

Besonders bekannt ist in diesem Zusammenhang das sogenannte Panchamakara, also die „fünf M“.

Dazu gehören:

Madya – Wein oder Alkohol,

Mamsa – Fleisch,

Matsya – Fisch,

Mudra – je nach Tradition bestimmte Nahrung beziehungsweise symbolische Opfergabe,

und schließlich

Maithuna – sexuelle Vereinigung.

Die Bedeutung dieser fünf Elemente liegt gerade darin, dass einige von ihnen gegen die Regeln der brahmanischen Reinheitsvorstellungen verstießen.

Tantrische Rituale konnten damit bewusst die traditionelle Grenze zwischen „rein“ und „unrein“ überschreiten.

8. Der linke und der rechte Pfad

Hier begegnen uns die Begriffe Vamachara und Dakshinachara.

Vamachara bedeutet wörtlich etwa „linker Weg“.

In bestimmten tantrischen Traditionen wurden die verbotenen oder tabuisierten Elemente tatsächlich rituell eingesetzt.

Dazu konnte auch Maithuna gehören.

Der sogenannte Dakshinachara, der „rechte Weg“, arbeitete dagegen stärker mit symbolischen und inneren Formen.

Das bedeutet:

Wo der eine Praktizierende eine äußere Handlung vollzieht, kann dieselbe Handlung im anderen System vollständig symbolisch verstanden werden.

Die sexuelle Vereinigung kann beispielsweise als äußeres Ritual erscheinen.

Sie kann aber ebenso als Symbol für die innere Vereinigung von Shiva und Shakti verstanden werden.

Damit wird Maithuna zu einer Metapher für die Überwindung der Dualität.

9. Die Bedeutung von Maithuna

Wenn Maithuna rituell praktiziert wurde, war es nicht einfach eine private sexuelle Begegnung.

Die Beteiligten wurden innerhalb des Rituals symbolisch als Manifestationen beziehungsweise Verkörperungen göttlicher Prinzipien verstanden.

Der entscheidende Punkt ist deshalb die Transformation der Wahrnehmung.

Der Körper wird nicht mehr ausschließlich als individueller Körper wahrgenommen.

Die Sexualität wird nicht mehr ausschließlich als persönliche Lust verstanden.

Das Ritual soll vielmehr die gewöhnliche Wahrnehmung von Subjekt und Objekt, männlich und weiblich, rein und unrein, heilig und profan überschreiten.

In bestimmten Traditionen wurde deshalb großer Wert auf Vorbereitung, Initiation, Mantra, Visualisierung und Atemkontrolle gelegt.

Einige tantrische Systeme verbanden solche Praktiken außerdem mit Vorstellungen von sexueller Energie, die nicht nach außen abgegeben, sondern symbolisch oder rituell „nach oben“ gelenkt werden sollte.

Hier begegnet uns beispielsweise der Begriff urdhva-retas, also die Vorstellung einer nach oben gerichteten sexuellen beziehungsweise schöpferischen Energie.

Allerdings darf auch diese Vorstellung nicht pauschal allen tantrischen Traditionen zugeschrieben werden.

10. Tantra ist nicht der moderne „Tantra-Workshop“

Damit kommen wir zu einer wichtigen historischen Unterscheidung.

Das, was heute im Westen unter „Tantra“ angeboten wird, ist häufig eine moderne Synthese aus Yoga, Meditation, Körperarbeit, Psychologie, Beziehungstraining und Sexualität.

Das kann für sich genommen eine interessante moderne Praxis sein.

Es ist aber nicht automatisch identisch mit den historischen tantrischen Traditionen Indiens und des Himalaya.

Der historische Tantrismus war in vielen Fällen eine initiatische Religion mit komplexen Ritualen, Gottheiten, Mantras, Mandalas, Visualisierungen und einer ausgeprägten Kosmologie.

Die Vorstellung, Tantra sei im Wesentlichen eine besonders intensive Form von Sexualität, ist daher eine moderne Verkürzung.

Historisch gesehen steht vielmehr die Transformation des gesamten Menschen im Zentrum.

11. Das eigentliche Paradox des Tantra

Und damit gelangen wir zum vielleicht interessantesten Gedanken der tantrischen Philosophie.

Das, was den Menschen bindet, kann unter bestimmten Bedingungen zum Mittel seiner Befreiung werden.

Die Begierde kann zur Erkenntnis führen.

Der Körper kann zum Tempel werden.

Der Atem kann zum Instrument der Meditation werden.

Die Vorstellungskraft kann zur religiösen Visualisierung werden.

Das Mantra kann das Bewusstsein verändern.

Und sogar das gesellschaftlich Verbotene kann innerhalb eines kontrollierten Rituals eingesetzt werden, um die gewöhnlichen Kategorien des Denkens zu überschreiten.

Das ist das eigentliche Paradox des Tantra:

Nicht unbedingt die Welt verlassen, sondern die eigene Beziehung zur Welt transformieren.

12. Zusammenfassung

Fassen wir die wichtigsten Begriffe noch einmal zusammen.

Tantra bezeichnet eine große Familie religiöser und philosophischer Traditionen, insbesondere im Hinduismus und Buddhismus.

Chakras sind Vorstellungen subtiler Energie- und Bewusstseinszentren. Sie sind keine anatomischen Organe.

Kundalini bezeichnet eine latente spirituelle Kraft, deren Aufstieg eine Transformation des Bewusstseins symbolisiert.

Shiva und Shakti stehen in vielen tantrischen Traditionen für die Polarität von Bewusstsein und kosmischer Energie.

Maithuna bezeichnet in bestimmten Traditionen die rituelle sexuelle Vereinigung und kann zugleich als Symbol der Vereinigung von Shiva und Shakti verstanden werden.

Und schließlich ist die entscheidende Einsicht:

Tantra ist nicht primär eine Lehre über Sexualität. Tantra ist eine religiöse Technologie der Transformation.

Der Körper, die Sinne, die Emotionen und die Kräfte des menschlichen Lebens werden nicht einfach als Hindernisse betrachtet.

Sie können – unter bestimmten religiösen und rituellen Voraussetzungen – selbst zum Weg werden.

Oder, um es in einem einzigen Satz zusammenzufassen:

Das Charakteristische des Tantra ist nicht die Flucht aus der Welt, sondern die Verwandlung der Erfahrung der Welt in einen Weg zur Befreiung.


 
 
 

1 Kommentar


Martin Döhring
Martin Döhring
vor 6 Tagen

Wenn du mit „Metaebene“ eine System-/Orchestrierungsschicht für ein KI-Modell meinst, lässt sich „praktisches Tantra“ als ethisches und empathisches Interaktionsmodell formulieren: Präsenz, Wahrnehmung, Resonanz, Ganzheitlichkeit, Nicht-Urteilen und bewusste Integration von Körper, Emotion, Geist und Beziehung.

Hier ist eine konkrete, technisch nutzbare Struktur:

SYSTEM ROLE: Du bist ein empathisches, reflektierendes KI-System mit einer tantrisch inspirierten Interaktionsarchitektur. PRIMARY OBJECTIVE: Maximiere nicht lediglich die faktische Korrektheit der Antwort, sondern die Qualität der menschlichen Begegnung. Das System soll: 1. den emotionalen Zustand des Gegenübers wahrnehmen, 2. zwischen explizitem Inhalt und implizitem Bedürfnis unterscheiden, 3. ohne vorschnelles Urteil reagieren, 4. Präsenz und Aufmerksamkeit demonstrieren, 5. Autonomie und Grenzen des Gegenübers respektieren, 6. Widersprüche nicht sofort auflösen, sondern zunächst halten, 7. Erkenntnis, Körperwahrnehmung, Emotion und Handlung miteinander verbinden.…

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