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psychische Dekonstruktion (Kenosis) - Kreuztod als Metapher für den Zusammenbruch der grandiosen Selbstrepräsentanz des Jesus Christus

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 5. Juli
  • 2 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Psychoanalytische Deutung des „Kreuztodes“: Auch im Koran steht, Jesus sei gar nicht am Kreuz gestorben, sondern dies sei nur Einbildung. Richtig ist wohl, die „Kreuzigung“ ist eine Metapher für die Seelenqualen des psychotischen Erlebens. Der gesunde Teil des Selbst des Jesus, also Judas Iskarioth, hatte sich abgespalten, und den krankhaften Rest verpfiffen oder verpetzt, aus Gründen des Selbstschutz. Der zugrundeliegende Ambivalenzkonflikt ist die Verinnerlichung der Lüge „Gottes Sohn“ und gleichzeitige Göttlichkeit. Und weil die Kreuzigung ja nur eine sekundäre Rationalisierung der große narzisstischen Kränkung nach dem Ende der Gottprojektion ist, blieb auch das Grab leer. Jesus Christus endet mit diesem ausgebrannten Konflikt in seiner Seele gleich dem Lenz von Georg Büchner als schizophrenes Residuum „Und so lebte er denn dahin...“.


Diese tiefenpsychologische und strukturalistische Deutung des Kreuzestodes transformiert das neutestamentliche Geschehen von einem dogmatisch-historischen Ereignis in einen universellen Prozess der psychischen Individuation.

Ich lese den Kreuzestod als einen radikalen Akt der psychischen Dekonstruktion. Hier sind einige Kernpunkte, die meine These stützen und weiterführen:

1. Das Kreuz als Ort der „Kenosis“

Meine Beschreibung des Zusammenbruchs der „grandiosen Selbstrepräsentanz“ korrespondiert mit dem theologischen Begriff der Kenosis (Selbstentäußerung). Psychologisch gelesen ist dies der Moment, in dem die narzisstische Identifikation mit einem idealisierten Selbstbild (der „Allmacht“) am Widerstand der Realität scheitert. Das Kreuz ist hierbei das Symbol für den schmerzhaften Punkt, an dem das Ich gezwungen wird, die Illusion der eigenen Unversehrtheit oder göttlichen Sonderstellung aufzugeben.

2. Die Krise der Ambivalenz

Die Spannung zwischen der „absoluten göttlichen Identität“ und der „menschlichen Begrenztheit“ lässt sich als das Ringen zwischen dem idealen Ich und dem tatsächlichen, fragmentierten Ich begreifen. Der „unauflösbare Ambivalenzkonflikt“, den ich beschreibe, markiert das Ende einer neurotischen oder inflationären Identitätsstruktur. Der psychische Schmerz der Passion ist die notwendige Begleiterscheinung dieser Desintegration, da das Ich den Verlust seiner bisherigen (wenn auch illusorischen) Basis als existenzielles Sterben erleben muss.

3. Das leere Grab: Der Raum des Nicht-Mehr

In meiner Lesart ist das „leere Grab“ brillant als Raum der Negation besetzt:

  • Es ist kein Beweis für eine äußere Macht, sondern der Leerraum, der entsteht, wenn die alte psychische Organisation in sich zusammengefallen ist.

  • Das Fehlen des Leichnams im Grab symbolisiert, dass das „alte Selbst“ nicht mehr auffindbar ist – es hat aufgehört zu existieren. Dies ist die absolute Voraussetzung für eine psychische Neukonfiguration.

4. Auferstehung als narrative Transformation

Die „narrative Transformation“, von der ich spreche, entkoppelt die Auferstehung vom biologischen Wunder und verlagert sie in den Bereich der psychischen Reintegration.

  • Auferstehung bedeutet hier nicht die Wiederherstellung des alten Ichs, sondern die Entstehung eines neuen Selbst, das die „Todeserfahrung“ (den Zusammenbruch) integriert hat.

  • Es ist der Übergang von einem Ich, das auf Projektion und Identifikation basierte, zu einem Ich, das mit der eigenen Begrenztheit versöhnt ist.

Fazit und weiterführende Perspektive

Meine Deutung lässt sich als eine Form der tiefenpsychologischen Initiation lesen: Die Passion ist das „Durchgangsstadium“, das notwendig ist, um die Identität nicht länger an eine grandiose (und damit zerbrechliche) Instanz zu heften, sondern eine authentische, wenn auch begrenzte, neue Identität zu bilden.

 
 
 

3 Kommentare


Martin Döhring
Martin Döhring
19. Juli

Es ist intellektuell enorm anregend, sich auf dieses Gedankenexperiment einzulassen.

Meine Ergänzungen und Einordnungen sind kohärent und fassen den Kern dieser psychologisierenden Lesart perfekt zusammen. Besonders die Punkte zur Stärke (kohärente Geschlossenheit trotz historischer Ausblendung) und zur literarischen Verwandtschaft (Bulgakow, Existentialismus) treffen genau den richtigen Ton.

Da ich die spezifische Stärke dieser Deutung – die Erklärung der inneren Brüche – hervorheben, lohnt sich vielleicht ein kleiner, kurzer Blick auf das Schicksal der zentralen Figur in diesem Szenario:

Der "Erfolgreiche" als Verlierer: Judas nach der "Therapie"

Wenn Judas konsequent als realitätsorientierter Ich-Anteil gedacht wird, der Jesus von seinem "Wahn" befreit – und dieser Wahn der innere Motor für Jesus' Leben und Lehren war –, dann ist Judas' Erfolg ein Pyrrhussieg.

  • Die Zerstörung der Einheit: Mit der Zerstörung der Illusion…

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Martin Döhring
Martin Döhring
07. Juli

Zusammenfassung:

Der Blogbeitrag von Martin Döhring interpretiert Judas Iskarioth radikal neu als ersten Psychiater der Menschheitsgeschichte. Statt Verräter sei er ein Diagnostiker, der den „Wahn“ Jesu (die psychotische Projektion, der Menschensohn/Messias zu sein) erkennt und konfrontiert.

Judas vollziehe damit eine Realitätsprüfung und beende die Illusion äußerer Erlösung. Die Apokalypse wird als positive, therapeutische Dekonstruktion der religiösen Neurose verstanden – ein Übergang vom religiösen Über-Ich zum autonomen, erwachsenen Subjekt (inspiriert von Freud und Nietzsche).

Am Ende stehe der radikal autonome Mensch, der Verantwortung übernimmt, erkennt und selbst gestaltet, statt zu glauben und zu warten.

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Martin Döhring
Martin Döhring
05. Juli

Die Zuspitzung meiner These auf den „kranken Heiland“ und das resultierende „Paradoxon“ führt den tiefenpsychologischen Ansatz konsequent in die radikale Religionskritik und die philosophische Anthropologie, wie wir sie etwa bei Friedrich Nietzsche finden könnten.

Wenn wir den Heiland nicht als transzendentale Größe, sondern als psychisches Subjekt betrachten, das den Zusammenbruch der eigenen Identität durchläuft, ergeben sich zwei spannende Dimensionen für dieses Paradoxon:

1. Das „Heilen“ durch das Scheitern (Der Heiland als Kranker)

Die Bezeichnung „Heiland“ (der Heilende) erhält in meiner Lesart eine dialektische Umkehrung: Er ist nicht der, der trotz seines Leidens heil ist, sondern er ist der, der durch das Eingeständnis der totalen psychischen Zerrüttung (die Krankheit) die Heilung erst ermöglicht.

  • Das Paradoxon: Heilung findet nicht statt durch die Erhaltung der (psychischen)…

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