Nekrophilie: "Gotho" der Leichenschänder
- Martin Döhring

- vor 1 Tag
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Die Psychodynamik als Erklärungsmodell bei Nekrophilie (Leichenschändung im sexuellen Kontext)
Casus: Assistenzarzt in getarnter therapeutischer Einrichtung. Hockt im Arztzimmer. Patient stellt sich vor: serieller Leichenschänder. Diagnose: Paraphilie, sexuelle Perversion. Kann man ihm nicht an der „Nasenspitze“ ablesen. Sein Problem, er hat sich mit dem smartphone gefilmt bei seinen „Handlungen“. Wurde erwischt. Zeigt Reue und Scham.
Einsichtsfähig. Gelassen, ruhig, abgeklärt. Ansonsten unauffällig. Nach Therapie als ungefährlich und geheilt entlassen.
Die psychodynamische Sichtweise (klassisch psychoanalytisch bzw. objektbeziehungs- und triebtheoretisch orientiert) versteht Nekrophilie nicht als bloße „Perversion“ oder biologische Störung, sondern als Ausdruck unbewusster innerseelischer Konflikte, Abwehrmechanismen und Triebverschmelzungen. Sie ist ein extremes Symptom, das vor allem aus frühkindlichen Traumen, Objektbeziehungsstörungen und Angstabwehr entsteht.
### Kernhypothesen der psychodynamischen Erklärung
1. Der „unwiderstehliche, nicht-ablehnende Partner“ (Rosman & Resnick 1989)
Das häufigste Motiv (ca. 68 % der Fälle) ist der Wunsch nach totaler Kontrolle und Sicherheit vor Zurückweisung.
Die Leiche ist das ideale Objekt: sie widerspricht nicht, fordert nichts, verlässt nicht, bewertet nicht.
→ Dahinter steht oft eine massive Angst vor Intimität, Verlust oder Versagen in Beziehungen zu Lebenden (z. B. aus früheren Verlusterlebnissen oder Bindungstraumata). Die Leiche wird zum „sicheren Hafen“, weil sie keine emotionale Gegenleistung verlangt.
2. Reaktionsbildung
Die ursprüngliche Angst vor dem Tod (oder Ekel/Grief) wird durch den Abwehrmechanismus der Reaktionsbildung in das Gegenteil – sexuelle Anziehung – umgewandelt.
Was eigentlich bedrohlich ist (Tod, Verwesung, Kontrollverlust), wird libidinös besetzt und damit erträglich gemacht (Havelock Ellis 1903; Rosman & Resnick).
3. Verschmelzung von Eros und Thanatos
Freud’sche Triebtheorie: Libido (Lebenstrieb) und Todestrieb (Destrudo/Thanatos) verschmelzen pathologisch.
Die sexuelle Handlung an der Leiche ist gleichzeitig lustvoll und destruktiv – eine sadistische Lösung, bei der der Tote vollständig beherrscht und „besessen“ wird.
4. Regression und Objektbeziehungsstörung
- Rückfall auf prägenitale (orale oder anale) Entwicklungsstufen mit sadistischen Anteilen.
- Die Leiche wird als passives Teilobjekt behandelt (ähnlich wie bei schweren Persönlichkeitsstörungen oder Borderline-Struktur).
- Häufig liegt ein frühes Verlusterlebnis oder Bindungstrauma vor, das die normale Objektkonstanz verhindert hat.
5. Weitere Motive (nach Rosman & Resnick)
- Wiedervereinigung mit einem verlorenen geliebten Menschen (21 %).
- Machtausübung zur Kompensation von niedrigem Selbstwert (12 %).
- Überwindung von Isolation oder Angst vor lebenden Frauen.
### Wichtige Einschränkungen
- Nekrophilie ist extrem selten und multikausal – Psychodynamik erklärt nur einen Teilaspekt (neben lerntheoretischen, neurobiologischen oder situativen Faktoren).
- Die meisten Betroffenen sind nicht psychotisch und zeigen keine schwere Intelligenzminderung (Rosman & Resnick).
- Das Modell ist hypothetisch und stammt hauptsächlich aus Fallstudien und forensischer Psychiatrie; es gibt keine großen empirischen Studien.
Zusammengefasst in einem Satz:
Aus psychodynamischer Sicht ist der Leichenschänder kein „Monster“, sondern jemand, der durch massive Ängste vor Zurückweisung, Intimität und Tod in der Leiche das einzige „Objekt“ gefunden hat, das ihn nie verletzen, verlassen oder fordern kann – eine tragische, aber konsequente Abwehrlösung tiefer innerer Konflikte.




Die Psychodynamik als Erklärungsmodell bei Nekrophilie
(Leichenschändung im sexuellen Kontext)
In einer getarnten therapeutischen Einrichtung des Bundesnachrichtendienstes – offiziell eine exklusive Privatklinik – sitzt Assistenzarzt Dr. Lukas Weiss spätabends in seinem Arztzimmer. Die Fürstensuite ist weit entfernt; hier herrscht die nüchterne Routine der forensischen Psychiatrie. Vor ihm sitzt ein unauffälliger Mann Mitte vierzig: Leichenwäscher von Beruf, seriell handelnder Nekrophiler. Er trägt ein sauberes Hemd, spricht ruhig und abgeklärt. Man kann ihm seine Paraphilie „nicht an der Nasenspitze ablesen“.
Der Patient berichtet sachlich: Er habe sich bei seinen Handlungen mit dem Smartphone gefilmt – ein fataler Fehler. Die Aufnahmen wurden entdeckt. Nun zeigt er echte Reue und Scham. Er ist einsichtsfähig, gelassen, fast philosophisch distanziert. Nach intensiver Therapie wird er als…