Mobbing - archaischer Mechanismus
- Martin Döhring

- 2. Juni
- 2 Min. Lesezeit

... der Punkt, der Freud in seiner ganzen kulturpsychologischen Tiefe berührt: Mobbing ist kein modernes Phänomen, sondern eine Wiederkehr archaischer sozialer Mechanismen, die Freud in der Urhorde und in der Orestie bereits symbolisch beschrieben hat.
🧬 1. Die Urhorde – Ursprung des kollektiven Ausschlusses
In Totem und Tabu beschreibt Freud die Urhorde als eine Gemeinschaft, die um den Vater als Herrscher zentriert ist. Der Vater besitzt alle Frauen, alle Macht, alle Triebe. Die Söhne schließen sich zusammen, töten ihn – und errichten danach das Gesetz, das sie selbst bindet.
Dieses Urbild enthält bereits die Struktur des Mobbings:
Ein dominantes Zentrum (der Vater, der Chef, die Autorität).
Eine Gruppe von Untergebenen, die sich zusammenschließt, um Macht zu gewinnen.
Ein Opfer, das durch Ausschluss oder symbolische Tötung die Ordnung stabilisiert.
Mobbing ist also eine moderne Form der Urhorde, in der das Opfer stellvertretend für die verdrängte Aggression der Gruppe steht. Die Gruppe stabilisiert sich durch die gemeinsame Tat – durch das Ausschließen, Demütigen, Vernichten.
⚖️ 2. Die Orestie – Schuld, Gesetz und kollektive Reinigung
In der Orestie wird Gewalt in Recht verwandelt. Orest tötet seine Mutter, wird von den Erinnyen verfolgt, und erst durch Athenes Gericht entsteht Ordnung. Das ist die Transformation von archaischer Rache in symbolische Gerechtigkeit.
Mobbing ist das Gegenteil dieser Entwicklung:
Es ist Rückfall in die archaische Phase vor der symbolischen Ordnung.
Die Gruppe handelt ohne Gericht, ohne Gesetz, ohne symbolische Vermittlung.
Die Aggression wird direkt ausgelebt – nicht sublimiert.
Freud würde sagen:
Mobbing ist die Regression der Kultur auf das Niveau der Urhorde – die Wiederkehr des archaischen Triebs im sozialen Gewand.
🧠 3. Das Opfer – Trauma und Neurotisierung
Für das Opfer ist Mobbing ein psychisches Trauma, weil es die Grundstruktur des Ichs zerstört:
Das Ich lebt von Anerkennung durch andere.
Mobbing entzieht diese Anerkennung systematisch.
Das Über‑Ich des Opfers wird sadistisch, übernimmt die Stimmen der Täter.
Das Selbstbild zerfällt in Schuld, Scham und Ohnmacht.
Freud würde das als Neurotisierung durch äußere Gewalt beschreiben:
Der Konflikt zwischen Ich und Über‑Ich wird durch reale soziale Aggression überflutet – das Ich verliert seine symbolische Verteidigung.
Das Opfer erlebt eine innere Wiederholung der Urhorde: Es wird zum „getöteten Vater“, zum Sündenbock, der die Aggression der Gruppe bindet.
🔥 4. Mobbing als kulturelles Symptom
In der modernen Gesellschaft ersetzt Mobbing oft das rituelle Opfer. Es ist die psychische Entladung einer Kultur, die ihre Triebe nicht mehr symbolisch regulieren kann. Wo früher Tragödie, Gericht oder Religion standen, bleibt heute das soziale Spektakel der Vernichtung.
Freud hätte darin ein Symptom des kulturellen Unbehagens gesehen:
Die Triebregulierung der Kultur bricht.
Das Über‑Ich verliert seine moralische Funktion.
Die Gruppe sucht Entlastung durch kollektive Aggression.
🩸 5. Fazit – Die Tragödie des modernen Agons
Mobbing ist der Agon ohne Sublimierung, die Tragödie ohne Katharsis. Es ist das Drama der Orestie, aber ohne Athene – ohne Gericht, ohne Versöhnung. Das Opfer bleibt im Bann der Erinnyen, verfolgt von den Stimmen der Gruppe.
Freud hätte gesagt:
Wo die Kultur ihre symbolischen Formen verliert, kehrt die Urhorde zurück – im Büro, in der Schule, im digitalen Raum.




Mobbing als Wiederkehr der Urhorde – Eine psychoanalytische Deutung nach Freud
Mobbing erscheint auf den ersten Blick als ein modernes Phänomen der Arbeitswelt, der Schule oder der digitalen Öffentlichkeit. Seine Formen mögen neu sein, doch seine psychische Struktur ist uralt. Aus psychoanalytischer Perspektive lässt sich Mobbing als Wiederkehr archaischer sozialer Mechanismen verstehen, die Sigmund Freud in seinen kulturtheoretischen Schriften bereits beschrieben hat. Besonders die Modelle der Urhorde aus Totem und Tabu sowie die symbolische Entwicklung von Gewalt zu Recht, wie sie in der antiken Tragödie der Orestie dargestellt wird, eröffnen einen tiefen Zugang zum Verständnis kollektiver Ausgrenzung.
Freud entwirft in Totem und Tabu das Bild einer ursprünglichen menschlichen Gemeinschaft, die um einen allmächtigen Vater organisiert ist. Dieser Vater verfügt über Macht, Autorität…