meine Überlegungen zum Thema Selbstmord (Suizid)
- Martin Döhring

- 19. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Selbstmord ist auch ein spannendes und bewegendes Thema. Neulich hat sich der Vorsitzende einer privaten Sterbehilfeorganisation, ein ehemaliger Politiker und Richter, umgebracht, weil er den Vorsitz verloren hatte. Nietzsche war für den Freitod, ich selbst bin da eher skeptisch.
Meine persönlichen Erfahrungen mit dem Thema:
Zu meiner Schulzeit hatten wir kurz Goethes „Werther“ andiskutiert, der auch Selbstmord begangen hatte, allerdings als reine Romanfigur bei Idealverlust.
Einer meiner Dozenten an der Universität wurde schon spöttisch hinter seinem Rücken „Professor Sui“ genannt, weil er nur ein Thema kannte: Den Selbstmord. Er wurde später Vorsitzender der „Gesellschaft für humanes Sterben“, welche Henning Atrott gegründet hatte.
Etwas später ergab es sich, dass ein junge Patientin demonstrativ auf das Vordach einer Klinik geklettert war, und mit Selbstmord drohte. Sie löste eine gewisse Panik aus, wahrscheinlich beabsichtigt. Nach dem Vorbild einer Szene aus einem US-Kinofilm mit Clint Eastwood bin ich zu ihr hin und habe sie aufgefordert, endlich zu springen. In Fachkreisen nennt man dies „paradoxe Intention“. Sie ist dann wortlos wieder ins Gebäude zurück geklettert. Sie wollte letztlich nur Aufmerksamkeit.
Im Fachbereich Philosophie an der Universität hieß es dann später auch, man solle doch bitte gedankeninhaltlich und als Philosophie Selbstmord betreiben. Das sei die richtige Lebensweise. Nun ja, Sokrates wurde angeblich auch zum Selbstmord gezwungen (Schierlingsbecher, beschrieben in „Phaidon“). Könnte auch Hinweis auf eine Metaebene sein, gemeint wäre dann die Idealkastration. Im Rahmen der Idealkastration verzichtet Sokrates darauf, Philosoph zu sein. Der eigentliche Selbstmord, bei Unmöglichkeit, das angestrebte Ideal zu erreichen. Aufgabe des Ideals. Ideal kann vieles sein: Gott, Rente, Rechtsstaat, Beruf, Ansehen, Vermögen. Oder auch nur der Besuch der „Höheren Menschen“ gemäß Nietzsches Zarathustra. Zur Not muss man halt auf alles verzichten.
In meinem Umfeld hatte dann tatsächlich ein Mittdreißiger Selbstmord begangen. Die Nachbarn hatten Verwesungsgeruch an seiner Tür bemerkt und die Behörden verständigt. Zuerst erfolgte eine Nachrichtensperre für etwa 2 Wochen. Ein staatliches Ermittlungsteam hat den Vorfall natürlich untersucht. Es gab keine behördliche Informationen. Immerhin wurde die Wohnung freigegeben. Ich bin kurz in die Wohnung rein. Ich habe alles inspiziert und kam zu folgendem Schluss: Der Selbstmörder war Klettersportler und hatte jede Menge Seile. In seinem Badezimmer hatte er einen Luke zum Dachboden. An einem Dachbalken hat er ein Kletterseil befestigt, es sich um seinen Hals gelegt, und ist dann vom Dachboden in sein Badezimmer gesprungen mit der Schlinge um den Hals. So wurde er dann wohl von den Behördenmitarbeitern gefunden. In seinem Schlafzimmer lag eine Art Schulheft auf der Anrichte. Ich habe kurz geblättert: Er hat in den Wochen vor seinem Tod eine Art Tagebuch angefangen. Inhalt war seine Zusammendichtung mit einer weiblichen Person, die er verehrte. Erinnerte mich frappant an Hölderlin („Diotima lost“). Letztlich hat er wohl einen Korb bekommen oder sein erhobenes Ideal verloren und hat deshalb Selbstmord gemacht. Das Ermittlungsteam hat das Motiv nicht herausgefunden, sondern nur Fremdeinwirkung ausgeschlossen. Bei Erhängen unterscheidet man zwischem typischen und atypischen Erhängen. Laien binden den Knoten bei Selbstmord nicht optimal und so kommt es in diesen Fällen eher zu atypischem Erhängen.
In einem anderen Fall hatte sich ein Student bei mangelndem Studienerfolg umgebracht. Insgesamt ähneln sich die Fälle mit Idealverlust, was den Überlegungen von Sigmund Freud Recht gibt. Weitere mir bekannte Fälle sind Selbstmorde bei drohenden Haftstrafen oder wirtschaftlichem Bankrott. Ich selbst gebe keine Beratung oder Unterstützung bei Selbstmord. Der Eid des Hippokrates verbietet auch aktive Sterbehilfe. Gleichwohl sehen Fachkreise keine Chance, jeden Selbstmord zu verhindern. Ich verweise auf die gesetzliche Regelung nach Maßgabe des BGH. Politische Bestrebungen zur Gestattung aktiver Sterbehilfe lehne ich ab.




Die Frage nach dem Selbstmord (heute meist als Suizid bezeichnet) ist bei Sigmund Freud eng mit seiner Theorie der Aggression, des Narzissmus und des sogenannten Todestriebs verbunden. Freud hat keine einheitliche, abgeschlossene Suizidtheorie entwickelt, aber seine verschiedenen Schriften erlauben eine recht klare Rekonstruktion seiner Sicht.
1 Selbstmord als gegen das eigene Ich gerichtete Aggression
Eine der bekanntesten freudianischen Erklärungen findet sich in seinem Aufsatz Trauer und Melancholie.
Freud unterscheidet dort zwischen:
normaler Trauer
Melancholie (etwa vergleichbar mit schweren depressiven Zuständen)
Bei der Melancholie wird ein verlorenes oder enttäuschendes Liebesobjekt unbewusst in das eigene Ich aufgenommen („Identifizierung“).
Der Betroffene empfindet nun Hass gegen dieses Objekt, kann diesen Hass aber nicht direkt ausdrücken. Da das Objekt psychisch Teil des eigenen Ichs geworden…