Zarathustra - die Verkündung des Übermenschen
- Martin Döhring

- 10. Nov. 2019
- 3 Min. Lesezeit

Ich erkläre dir Friedrich Nietzsches *Also sprach Zarathustra* (1883–1885). Das Buch ist ein philosophisches Dichtwerk, voller Bilder, Gleichnisse und Reden – kein trockenes Traktat. Es ist absichtlich vieldeutig und prophetisch.
### 1. Das Bild vom Seiltänzer (Prolog)
Im **Prolog** kommt Zarathustra in eine Stadt, wo das Volk einen **Seiltänzer** (Tightrope Walker) erwartet. Zarathustra nutzt das Spektakel, um seine zentrale Lehre vom **Übermenschen** einzuführen:
> „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde.“
**Deutung**:
- Der Seiltänzer symbolisiert den **Übergang** des Menschen. Der Mensch ist kein festes Wesen, sondern etwas Gefährliches, Vorläufiges – ein Balanceakt über dem Abgrund (Nihilismus, Sinnlosigkeit nach dem „Tod Gottes“).
- Er verkörpert den Mut, das Alte (Tier/Mensch) zu verlassen und etwas Höheres zu wagen. Der Akt ist riskant: Viele stürzen ab.
- Ein **Narr** (Possenreißer, Joker-Figur) springt hinterher, verspottet ihn und bringt ihn zum Fall. Das zeigt: Der „letzte Mensch“ (der bequeme, spießige, moderne Mensch) oder der Nihilismus sabotiert jeden echten Aufstieg durch Spott und Oberflächlichkeit.
- Zarathustra nimmt sich des Sterbenden an und ehrt ihn – der Seiltänzer stirbt als jemand, der wenigstens etwas gewagt hat, im Gegensatz zum trägen Volk.
Das Bild unterstreicht: Der Weg zum Übermenschen ist **gefährlich, einsam und erfordert Mut**. Es gibt kein Netz. Viele (vielleicht die meisten) scheitern.
### 2. Die drei großen Gedankenexperimente / Verwandlungen
Die „**drei Verwandlungen** des Geistes“ (in der Rede *Von den drei Verwandlungen*, Erster Teil) sind eines der berühmtesten und zentralsten Stücke. Sie beschreiben die Entwicklung des freien, schöpferischen Geistes – quasi ein psychologisch-philosophisches Reifestadium.
- **Das Kamel**: Der Geist als Lasttier. Er nimmt schwere Bürden auf sich (Tradition, Moral, „Du sollst“ des großen Drachen). Demütig, gehorsam, asketisch. Er trägt das „Überlieferte“ und Idealistische.
- **Der Löwe**: Die Rebellion. Das Kamel verwandelt sich in den Löwen, der „Ich will!“ sagt statt „Du sollst“. Er kämpft gegen alte Werte, zerreißt die alten Tafeln, schafft Freiheit. Symbol für die zerstörerische, nihilistische Phase („heiliger Nein-Sager“).
- **Das Kind**: Die höchste Stufe. Das Kind ist unschuldig, vergessend, ein Neubeginn. Es spielt, schafft aus sich selbst heraus neue Werte („heiliger Ja-Sager“). Es verkörpert das schöpferische, spielerische Dasein des Übermenschen – ohne Ressentiment, leicht, tanzend.
Das sind keine linearen „Stufen“, die man einmal durchläuft, sondern ein immerwährender Prozess der **Selbstüberwindung**. Nietzsche beschreibt hier autobiografisch seinen eigenen Weg durch Glauben, Kritik und schöpferische Bejahung.
**Andere zentrale „Gedankenexperimente“** im Buch:
- Der **Übermensch** (als Ziel).
- Die **Ewige Wiederkunft** (siehe unten).
- Der **Wille zur Macht** (als Grundtrieb allen Lebens).
### 3. Das trunkene Lied am Ende (Vierter Teil)
Im letzten Teil gibt es das **Nachtwandler-Lied** (auch *Das trunkene Lied* genannt). Es ist der Höhepunkt und eine der schönsten, musikalischsten Stellen des Buches. Die höheren Menschen versammeln sich in Zarathustras Höhle, es wird Mitternacht, und Zarathustra singt:
> „Oh Mensch! Gib Acht!
> Was spricht die tiefe Mitternacht?
> ‚Ich schlief, ich schlief –,
> aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
> Die Welt ist tief,
> und tiefer als der Tag gedacht.
> Tief ist ihr Weh –,
> Lust – tiefer noch als Herzeleid:
> Weh spricht: Vergeh!
> Doch alle Lust will Ewigkeit –,
> – will tiefe, tiefe Ewigkeit!‘“
**Deutung**:
- Es ist eine **Bejahung der Ewigen Wiederkunft** des Gleichen. Der Gedanke, dass alles (auch das Kleinste, Schmerzhafte, dein ganzes Leben) unendlich oft wiederkehrt – exakt so.
- Zuerst war Zarathustra von diesem Gedanken fast zermalmt (er ist der schwerste, grausamste Gedanke). Am Ende bejaht er ihn aus tiefster Lust heraus: Wenn du einen einzigen Augenblick so sehr liebst, dass du sagst „Noch einmal!“, dann musst du das ganze Leben mit all seinem Leid bejahen.
- „**Alle Lust will Ewigkeit**“ ist der Kern. Lust (Lebensbejahung, Dionysos) ist tiefer als Weh. Das Lied ist ekstatisch, trunken, musikalisch – ein Gegenmittel zum christlich-platonischen Jenseits und zum Nihilismus.
- Es endet mit den „sieben Siegeln“ (Zarathustra bekräftigt seine Liebe zur Ewigkeit siebenmal). Es ist keine trockene Theorie, sondern eine **ästhetische, affektive Bejahung** des Lebens.
Das trunkene Lied markiert Zarathustras (und Nietzsches) höchste Form der Lebensbejahung: Amor fati (Liebe zum Schicksal).
### Kurzzusammenfassung des Gesamtwerkes
Zarathustra steigt vom Berg herab, um den Menschen den Übermenschen zu verkünden (nachdem „Gott tot“ ist). Er scheitert zunächst an den „letzten Menschen“, geht wieder in die Einsamkeit, reift durch verschiedene Prüfungen und kommt schließlich zur vollen Bejahung.
Das Buch ist **für Alle und Keinen** – es fordert den Leser auf, selbst schöpferisch zu werden, nicht nur zu folgen.



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