Jean Moulin in der zersplitterten Nacht der Resistance


Vorgeschichte und Auftrag
Jean Moulin war vor dem Krieg hoher Beamter (jüngster Präfekt Frankreichs). Im Juni 1940 weigerte er sich als Präfekt von Eure-et-Loir in Chartres, ein von den Deutschen diktiertes Dokument zu unterschreiben, das senegalesische Soldaten fälschlich massiver Verbrechen bezichtigte. Er wurde verhaftet, gefoltert und versuchte sich das Leben zu nehmen, um nicht zu unterschreiben. Vichy entließ ihn.
Im Oktober 1941 gelangte er nach London und traf de Gaulle. Dieser beauftragte ihn, die zersplitterte Résistance im unbesetzten Süden zu koordinieren, eine geheime Armee aufzubauen und die Bewegungen der Autorität der France libre zu unterstellen. Moulin erhielt den Decknamen „Rex“ (später auch „Max“).
Die Einigung der Zone Sud (1942–Anfang 1943)
In der Nacht vom 1. auf den 2. Januar 1942 wurde Moulin mit Geld und Funkgerät in der Provence abgesetzt. Die drei großen nicht-kommunistischen Bewegungen der Südzone – Combat (Henri Frenay), Libération-Sud (Emmanuel d’Astier de la Vigerie) und Franc-Tireur (Jean-Pierre Lévy) – waren rivalisierend und hielten an ihrer Autonomie fest.
Moulins Vorgehen:
- Er trennte den militärischen vom politischen Teil der Bewegungen.
- Herbst 1942: Zusammenschluss der paramilitärischen Kräfte zur Armée Secrète (AS) unter General Charles Delestraint.
- Januar 1943: Gründung der Mouvements Unis de la Résistance (MUR). Die drei Bewegungen fusionierten administrativ und politisch unter einem Direktionskomitee, dem Moulin vorstand.
Parallel baute er Unterstützungsstrukturen auf: Funkverbindungen nach London, den Service des Opérations Aériennes et Maritimes (für Fallschirmabwürfe und Flüge), Propaganda- und Informationsdienste sowie den Comité Général d’Études (Denkgruppe für die Nachkriegsordnung).
Der große Schritt: Der Conseil National de la Résistance (CNR)
Im Februar/März 1943 flog Moulin erneut nach London. De Gaulle ernannte ihn zum alleinigen Vertreter des Comité national français für ganz Frankreich (Nord- und Südzone) und zum geheimen Minister.
Zurück in Frankreich gelang ihm nach harten Verhandlungen die entscheidende Einigung:
- 27. Mai 1943: Erste Sitzung des Conseil National de la Résistance (CNR) in einem Appartement in der Rue du Four 48 in Paris.
- Zusammensetzung: 8 Résistance-Bewegungen (die drei der MUR plus fünf aus der Nordzone: OCM, Libération-Nord, Ceux de la Résistance, Ceux de la Libération, Front National), 6 politische Parteien (u. a. Kommunisten, Sozialisten, Radikale, Christdemokraten, Rechte) und 2 Gewerkschaften (CGT und CFTC).
Der CNR erkannte de Gaulle als Führer der kämpfenden Frankreich an und diente als „Embryo einer nationalen Vertretung“. Damit stärkte Moulin de Gaulles Position gegenüber den Alliierten (besonders den Amerikanern, die zunächst eher Giraud bevorzugten). Der CNR wurde später zum politischen Zentrum der Résistance; sein Programm von März 1944 („Les Jours heureux“) prägte die Nachkriegsreformen (Sozialversicherung, Verstaatlichungen usw.).
Betrieb und tägliche Praxis
Moulin arbeitete als Vermittler und Koordinator:
- Verteilung von Geldern und Waffen aus London.
- Aufbau einer clandestinen „Verwaltung“ der Résistance.
- Vermittlung zwischen den oft misstrauischen Bewegungschefs und London.
- Vorbereitung der bewaffneten Aktion für den Tag der Landung der Alliierten.
Die Arbeit war permanent bedroht durch Gestapo, Vichy-Polizei und Verrat. Moulin selbst wechselte ständig Identitäten und Aufenthaltsorte und nutzte sogar eine Kunstgalerie in Nizza als Tarnung.
Das Ende: Caluire (21. Juni 1943)
Am 9. Juni 1943 wurde General Delestraint in Paris verhaftet. Moulin berief daraufhin eine Dringlichkeitssitzung der führenden Militärs der Armée Secrète ein, um einen Nachfolger zu bestimmen. Der Treffpunkt war das Haus des Arztes Frédéric Dugoujon in Caluire-et-Cuire bei Lyon.
Dort schlug die Gestapo unter Klaus Barbie zu. Moulin und mehrere andere wurden verhaftet. Er wurde schwer gefoltert, verriet nichts und starb am 8. Juli 1943 (vermutlich an den Folgen der Folter) während des Transports nach Deutschland.
Die Frage, wer die Versammlung verriet (häufig wird René Hardy genannt, der jedoch in zwei Prozessen freigesprochen wurde), ist bis heute nicht abschließend geklärt.
Bilanz
Moulin schuf in knapp eineinhalb Jahren aus einer zersplitterten, rivalisierenden Résistance eine politisch und militärisch handlungsfähige Struktur unter gaullistischer Führung. Ohne seine Einigungsarbeit wäre die Résistance innenpolitisch und gegenüber den Alliierten deutlich schwächer geblieben. Sein Tod machte ihn zum Symbol der Résistance; 1964 wurden seine (symbolischen) Überreste im Panthéon beigesetzt.




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