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die Geschichte: „Der Marquis de Sade leitet das Tribunal von Charenton“

Autorenbild: Martin Döhring
Martin Döhring
vor 4 Tagen
3 Min. Lesezeit


... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Eine dramatische Fusion aus Sade, Dürrenmatt, Miller und Handke

Prolog – Die Bühne im Irrenhaus

Das Hospiz Charenton öffnet seine Türen für eine besondere Aufführung: Der Marquis de Sade inszeniert ein Stück über Schuld, Erinnerung und gesellschaftliche Rache. Doch diesmal sind die Patienten nicht allein. Aus dem verarmten Städtchen Güllen ist eine Delegation angereist, angeführt von der mysteriösen Clara Wäscher, die eine ungeheure Summe Geld verspricht – unter einer Bedingung.

Sade begrüßt sie mit einem Lächeln, das zugleich müde und scharf ist.

„Wir spielen heute ein Stück über die Wahrheit. Aber Wahrheit ist ein Messer, das jeder anders hält.“
Claire Zachanassian vertritt die Anklage und der Handlungsreisende und Vertreter Willy Loman vertritt das Opfer Jean Paul Marat.

Akt I – Der Angeklagte

Im Zentrum der Bühne sitzt Willy Loman, ein erschöpfter Handlungsreisender, der von den Patienten als „der Mann, der sich selbst verkauft hat“ bezeichnet wird. Er ist nicht sicher, warum er hier ist. Er weiß nur, dass Clara Wäscher ihn ansieht wie einen längst fälligen Schuldschein.

Clara spricht:

„Ich bin zurückgekehrt, um Gerechtigkeit zu kaufen. Und du, Willy, wirst sie mir liefern.“

Willy versteht nicht. Er erinnert sich nur an eine alte Begegnung, eine Jugendliebe, ein Versprechen, das er nie einlöste. Doch Clara behauptet, sein Verrat habe ihr Leben zerstört.

Sade klatscht in die Hände: „Ausgezeichnet! Ein Schuldiger, der nicht weiß, wofür er büßen soll. Das ist die reinste Form der Tragödie.“

Akt II – Der Torwart

Ein neuer Patient tritt auf: Josef Bloch, ein ehemaliger Torwart, der behauptet, er habe „aus Versehen“ jemanden erschlagen. Er ist nervös, fahrig, und jedes Mal, wenn jemand ihn ansieht, zuckt er zusammen, als stünde er im Strafraum und ein Elfmeter würde gleich ausgeführt.

Bloch wird zum Zeugen im Prozess gegen Willy Loman.

Er sagt:

„Manchmal trifft man Entscheidungen, ohne zu wissen, warum. Und später nennt man es Schuld.“

Sade nickt zufrieden. Clara hingegen mustert Bloch wie ein Werkzeug, das sie gleich benutzen wird.

Akt III – Die Stadt Güllen erhebt sich

Die Delegation aus Güllen beginnt, sich mit den Patienten zu vermischen. Die Grenze zwischen Wahnsinn und Normalität verschwimmt. Alle sprechen von Geld, von Gerechtigkeit, von Vergeltung.

Clara bietet dem Hospiz eine ungeheure Summe, wenn Willy Loman verurteilt wird. Die Patienten jubeln. Die Güllener jubeln. Sade lächelt.

Willy bricht zusammen.

„Ich habe mein Leben lang versucht, ein guter Mensch zu sein. Aber ich war nie genug.“

Bloch sieht ihn an und sagt leise:

„Beim Elfmeter zählt nicht, ob du gut bist. Nur ob du triffst.“

Akt IV – Der Mord an Marat

Sade inszeniert nun die berühmte Szene: Der Mord an Jean Paul Marat in der Badewanne. Doch diesmal ist Marat nicht Marat. Er ist Willy Loman, der im warmen Wasser sitzt, erschöpft, gebrochen.

Clara Wäscher tritt als Charlotte Corday auf. Sie hält kein Messer, sondern einen Vertrag.

„Ich bringe dir die Wahrheit, Willy. Sie ist teuer. Und du wirst sie bezahlen.“

Bloch steht daneben, unfähig einzugreifen, wie ein Torwart, der weiß, dass der Schuss unhaltbar ist.

Die Patienten schreien: „Gerechtigkeit! Gerechtigkeit!“

Sade hebt die Hand:

„Es ist nicht Gerechtigkeit. Es ist ein Schauspiel. Aber manchmal ist das dasselbe.“

Clara legt den Vertrag in die Badewanne. Willy unterschreibt. Er sinkt unter die Wasseroberfläche.

Epilog – Das Tribunal löst sich auf

Die Güllener erhalten ihr Geld. Die Patienten applaudieren. Bloch sitzt allein in einer Ecke und starrt auf seine Hände.

Sade schließt das Stück mit einem Monolog:

„Wir haben heute gesehen, wie eine Gesellschaft ihren Schuldigen erschafft. Wie ein Mensch sich selbst verliert. Wie Angst, Geld und Erinnerung ein Tribunal bilden, das niemand überlebt. Und wir haben gelernt: Der wahre Elfmeter ist das Leben selbst. Und niemand hält ihn.“

Die Lichter gehen aus. Nur Bloch bleibt im Halbdunkel stehen, als letzter Zeuge eines Spiels, das nie fair war.

1 Kommentar


Martin Döhring
Martin Döhring
vor 3 Tagen

🎭 Das Tribunal von Charenton

Ort:   Ein Saal im Hospiz Charenton. Die Wände sind mit roten Vorhängen verhangen, die Bühne ist halb Gericht, halb Irrenhaus. Ein Marmortisch steht in der Mitte, darauf eine Schreibfeder, ein Becken mit Wasser, ein Apfel und ein Messer.

Personen:

  • Marquis de Sade, Revolutionsrichter, in weißem Seidenrock, mit einem Lächeln, das zwischen Ironie und Müdigkeit schwankt.

  • Claire Zachanassian, Staatsanwältin, in schwarzem Kleid, mit goldener Brosche in Form einer Waage.

  • Ernst Bloch, der Torwart, nervös, mit Lederhandschuhen.

  • Willy Loman, der Handlungsreisende, blass, mit zerknittertem Anzug.

  • Gerda, die Kinokartenabreisserin, erscheint als Schattenfigur.

  • Jean Paul Marat, das Mordopfer, liegt in einer Badewanne, halb bedeckt von weißen Tüchern.

  • Charlotte Corday, noch unsichtbar, aber ihr Name hallt durch den Raum.

Eröffnung

Sade (steht auf, schlägt mit dem Hammer): „Das…

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