Irrenhaus: Baron Münchhausen reitet das Einhorn
- Martin Döhring

- vor 3 Stunden
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Das ist eine absolut hanebüchene, satirische und tiefschwarze Prämisse. Sie verdreht historische Figuren, moderne psychologische Konzepte und gesellschaftliche Debatten zu einem absurden, fast surrealen Zerrbild.
Hier ist eine Geschichte, die diesen bizarren Reigen auf die Spitze treibt:
Die Lügenschmiede von Schloss Hohlraum
Baron Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen saß an einem Schreibtisch, der aus den Stoßzähnen eines sibirischen Mammuts gefertigt war (das er, wie er jedem erzählte, im Alleingang erlegt hatte, während er auf einer Kanonenkugel ritt). Er war nicht länger nur der "Lügenbaron". Er war jetzt Direktor. Direktor der „Heilanstalt für postfaktische Befindlichkeiten und transzendente Umschulung“.
Sein Ansatz war revolutionär. Wo Schulmediziner Diagnosen stellten, webte Münchhausen Legenden. Wo Therapeuten nach Ursachen suchten, erfand der Baron neue Realitäten.
Das Renten-Wunder: Die Kunst der Diagnose
An diesem Morgen saß ihm Herr Müller gegenüber. Herr Müller war kerngesund, litt aber unter einer chronischen Abneigung gegen Erwerbsarbeit.
„Herr Baron“, jammerte Müller, „ich brauche die Rente. Aber der Amtsarzt sagt, Faulheit sei keine Krankheit.“
Münchhausen zwirbelte seinen Schnurrbart. „Faulheit? Papperlapapp! Sie leiden unter einer akuten, neurodivergenten Genderdysphorie, induziert durch die toxische Männlichkeit des neoliberalen Turbokapitalismus.“
Er griff nach einem Gänsekiel und füllte ein Formular aus. „Wir attestieren Ihnen eine hochgradige Reizüberflutung beim Anblick von Stechkarten, kombiniert mit dem tief sitzenden Gefühl, eigentlich eine präkolumbianische Wassernymphe im falschen Körper eines Lageristen zu sein. Das Ganze manifestiert sich als komplette Berufsunfähigkeit. Sie brauchen keine Arbeit, Herr Müller, Sie brauchen Ruhe und ein Aquarium.“
Müller verließ das Büro mit einem Gutachten, das so absurd war, dass kein Beamter es wagte, es anzuzweifeln.
Das Einhorn-Protokoll: Resozialisierung für Profis
Am Nachmittag besuchte der Baron den Innenhof. Hier befand sich der Trakt für die Schwerverbrecher. Aber hier gab es keine Gitter, nur Weideland.
Kalle „die Kante“, ein verurteilter Bankräuber, stand ratlos vor einem Schimmel, dem Münchhausen ein eisernes Horn auf die Stirn hatte schweißen lassen.
„Aufsitzen, Kalle!“, donnerte der Baron. „Ihre Resozialisierung beginnt jetzt. Sie reiten heute Patrouille gegen die Schattenarmee des Mondkönigs. Wer Einhörner reitet, Kalle, kann keine Banken ausrauben. Das ist metaphysisch unmöglich.“
Kalle schwang sich widerwillig auf das Tier. Das „Einhorn“ wieherte protestierend. Doch Münchhausen war überzeugt: Wer sich einmal auf die Fantasie einließ, vergaß die Realität – und damit auch die Kriminalität. Das Verbrechen war schließlich auch nur eine Form der mangelhaften Vorstellungskraft.
Die Krönung: Therapie der Illusionisten
Münchhausens wahres Genie zeigte sich jedoch in der Paartherapie. Seine Spezialität: Die Behandlung von Folie à deux – dem geteilten Wahnwesen.
Sein neuestes Patientenpaar waren Jean-Pierre, ein Gaukler, der behauptete, er könne fliegen (wenn niemand zusah), und Chantal, eine eitle Selbstdarstellerin, die davon überzeugt war, die uneheliche Tochter des Sonnenkönigs zu sein. Sie befeuerten sich gegenseitig in ihren Illusionen. Chantal brauchte Jean-Pierres Bewunderung, Jean-Pierre brauchte Chantals Publikum.
„Hören Sie mir gut zu“, begann Münchhausen, während er eine Prise Schnupftabak nahm. „Ihr Wahn ist amateurhaft. Ein Gaukler, der nur fliegt, wenn keiner guckt? Eine Prinzessin ohne Land? Das ist gähnend langweilig.“
Jean-Pierre und Chantal starrten ihn empört an.
„Wenn Sie schon wahnsinnig sein wollen, dann machen Sie es richtig!“, rief der Baron. „Ab morgen sind Sie nicht mehr Gaukler und Prinzessin. Sie sind die inkarnierten Götter der Zeitlosigkeit. Sie, Jean-Pierre, müssen nicht fliegen, Sie müssen die Schwerkraft verbieten. Und Sie, Chantal, müssen nicht Tochter des Sonnenkönigs sein. Sie müssen die Sonne gebären. Jeden Morgen.“
Er trieb ihre Illusionen so weit ins Extreme, dass sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrachen. Wenn Chantal jeden Morgen die Sonne gebären musste und Jean-Pierre die Schwerkraft nicht verbieten konnte, wurden sie mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert. Sie erkannten, dass ihr Wahn harte Arbeit war.
Am Ende der Woche saßen sie zitternd und völlig ernüchtert vor ihm. „Wir wollen nur ganz normale Menschen sein, Herr Baron“, wimmerte Jean-Pierre.
„Geheilt!“, rief Münchhausen. „Der Wahn ist besiegt, weil er durch einen noch größeren Wahn ersetzt wurde. Und jetzt raus mit Ihnen, ich muss noch einen Bericht schreiben, wie ich die Weltwirtschaftskrise mit einem einzigen Kirschkernschuss beendet habe.“
Münchhausen lehnte sich zurück. Seine Anstalt war ein voller Erfolg. Denn er wusste: Nichts heilt die Realität so gut wie eine ordentliche, gut strukturierte Lüge.


... eine Mischung aus barocker Groteske, postmoderner Satire und Münchhausenscher Eskalationslogik. ... die Figur so konsequent ins Absurde verlängert, dass sie fast schon wieder plausibel wirkt. Und genau das macht den Reiz aus: Die Welt ist so verrückt geworden, dass Münchhausen darin nicht mehr auffällt, sondern als Therapeut Karriere macht.
Hier ist eine Fortsetzung, die denselben Ton trifft, aber das Ganze noch ein Stück weiter ins Surreale kippt:
Kapitel IV: Die Bürokratie der Unendlichkeit
Am nächsten Morgen wurde Münchhausen von einem Geräusch geweckt, das er nur allzu gut kannte: dem nervösen Kratzen eines Beamten an der Tür. Es war Dr. Schnöselmann, der oberste Verwaltungsrat des Ministeriums für Wirklichkeitsfragen. Er trug einen Aktenstapel, der so hoch war, dass er dahinter kaum zu…