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der klassische Mordfall

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit


Darstellung nach der Überlieferung aus Book of Genesis (Gen 4,1–16) -->>>

Die Luft im Gerichtssaal war schwer, als hätte sie selbst die Geschichte der Menschheit in sich aufgenommen. Es war ein Verfahren von einzigartiger Tragweite – der erste Mordfall der Weltgeschichte.


Der Vorsitzende Richter, Judge Ri, in juristischen Kreisen ehrfürchtig „Judge Hercules“ genannt, betrat den Saal. Sein Ruf war legendär: ein Mann von unerbittlicher Logik, gefürchtet von Angeklagten und respektiert von Staatsanwälten.

„Das Gericht ist eröffnet.“


Vor ihm stand der Angeklagte: Cain. Der Vorwurf lautete auf Mord an seinem Bruder Abel.

Abel war auf einem Feld aufgefunden worden – erschlagen, ohne Zeugen, ohne Waffe, ohne sichtbare Spuren eines Kampfes. Doch die Staatsanwaltschaft hatte eine klare Theorie.

Der Staatsanwalt erhob sich.

„Hohes Gericht. Die Tat geschah aus niedrigem Beweggrund: Neid. Das Opfer Abel fand Gnade bei Gott, während das Opfer des Angeklagten zurückgewiesen wurde. Die Kränkung führte zur Tat.“

Ein Raunen ging durch den Saal.

Richter Ri blickte zum Angeklagten. „Wie plädieren Sie?“

Kain antwortete ruhig: „Nicht schuldig.“

Dann erhob sich sein Verteidiger.

„Hohes Gericht, wir bringen ein entlastendes Sachverständigengutachten ein.“

Der Gutachter trat vor. Ein Mann mit scharf geschnittenem Gesicht und dem selbstbewussten Blick eines Gelehrten.

„Meine Untersuchung betrifft die Glaubwürdigkeit des einzigen Zeugen“, begann er.

„Und wer ist dieser Zeuge?“ fragte der Richter.

Der Gutachter antwortete:

„Gott.“

Der Saal verstummte.


„Meine Analyse kommt zu folgendem Ergebnis: Ein Wesen, das sein eigenes Geschöpf beschuldigt, seinen Bruder ermordet zu haben, zeigt deutliche Zeichen von Widersprüchlichkeit und emotionaler Instabilität. Daraus ergibt sich eine Diagnose: schizophrene und manische Tendenzen.“

Ein kollektives Einatmen ging durch die Zuschauer.

„Mit anderen Worten“, schloss der Gutachter, „der Zeuge ist nicht testierfähig.“

Der Verteidiger nickte zufrieden.

„Damit, hohes Gericht, ist die einzige Belastungsquelle entwertet. Die Verteidigung beantragt Freispruch mangels Beweises.“


Richter Ri machte sich Notizen, während der Staatsanwalt bereits aufstand.

„Die Anklage beantragt ein Gegengutachten.“

Ein zweiter Sachverständiger trat vor – älter, ruhiger, mit der Gelassenheit eines Mannes, der sich sicher war.

„Meine Untersuchung ergibt ein anderes Bild“, begann er.

„Erstens: Ein allmächtiges Wesen kann definitionsgemäß nicht an menschlichen psychiatrischen Krankheitsbildern leiden.“

Der Verteidiger wollte protestieren, doch der Richter hob die Hand.

„Lassen Sie ihn ausreden.“

Der Gutachter fuhr fort:

„Zweitens existiert ein objektives Indiz – ein Zeichen, das den Angeklagten eindeutig identifiziert.“

Der Saal wartete.

„Das sogenannte Kainsmal.“

Alle Augen richteten sich auf den Angeklagten.

Der Gutachter sprach weiter:

„Dieses Zeichen ist untrennbar mit dem Täter verbunden. Es stellt ein metaphysisches Identifikationsmerkmal dar, das seine Schuld eindeutig belegt.“

Stille.


Richter Ri lehnte sich zurück. Minuten vergingen, während er die Akten durchblätterte.

Dann erhob er sich.

„Im Namen des Gerichts ergeht folgendes Urteil.“

Der Raum hielt den Atem an.

„Der Angeklagte Cain wird des Mordes an seinem Bruder Abel schuldig gesprochen.“

Kain blickte reglos nach vorn.

„Das Gericht folgt dem Gegengutachten. Die mentale Gesundheit des Zeugen Gott wird festgestellt. Das Kainsmal gilt als eindeutiger Beweis der Täterschaft.“

Der Hammer fiel.

„Das Gericht verurteilt den Angeklagten zu lebenslanger Strafe.“

Ein dumpfes Echo ging durch den Saal.


Doch die Geschichte endete nicht mit dem Urteil.

Wenige Wochen später leitete die Staatsanwaltschaft ein weiteres Verfahren ein – diesmal gegen den ersten Sachverständigen.


Der Vorwurf lautete auf einen Straftatbestand nach §278 StGB:

Ausstellen eines unrichtigen medizinischen Zeugnisses.

Und so wurde aus dem ersten Mordfall der Menschheitsgeschichte zugleich der erste Justizskandal.


Am Ende blieb nur eine Frage zurück, die durch die Jahrtausende hallte:

„Wo ist dein Bruder Abel?“

Und irgendwo im Echo der Geschichte antwortete eine Stimme:

„Ich weiß es nicht. Bin ich meines Bruders Hüter?“

1 Kommentar


Martin Döhring
Martin Döhring
vor einem Tag

Das ist ein exzellenter Ausgangspunkt, um die beiden großen Rechtskreise der Welt zu verstehen: das Common Law (angelsächsisch) und das Civil Law (kontinentaleuropäisch/deutsch).

Während das eine System in der Vergangenheit nach Lösungen sucht (Induktion), sucht das andere in einem abstrakten Regelwerk nach der Antwort (Deduktion).


Hier ist die Gegenüberstellung am Beispiel von Kain und Abel:

1. Case Law (Angelsächsisch): Der Blick zurück

Im Common Law ist das Recht nicht primär in Gesetzbüchern „festgeschrieben“, sondern es „entsteht“ durch Richterentscheidungen.

  • Der Präzedenzfall (Stare Decisis): Wenn der Fall Kain gegen Abel der erste Mord der Geschichte wäre, würde das Urteil darüber zum Gesetz für alle folgenden Morde.

  • Die Methode (Analogie): Ein Richter heute würde fragen: „Ist der aktuelle Fall von Müller gegen Schmidt analog zum Fall Kain gegen Abel?“…

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