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Innenwelt und Außenwelt - Autismus und Autoerotismus im Erklärungsmodell nach Sigmund Freud

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 28. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Der Begriff „Autoerotismus“ gehört zu den zentralsten und zugleich am meisten missverstandenen Konzepten der klassischen Psychoanalyse von Sigmund Freud.

Er bedeutet bei Freud nicht einfach „Sexualität“ im alltäglichen Sinn, sondern beschreibt einen ursprünglichen psychischen Zustand des frühen Kindes, in dem Lust, Körpererleben und Selbstwahrnehmung noch nicht auf andere Menschen gerichtet sind.

Gerade deshalb wurde der Begriff später wichtig für frühe psychoanalytische Modelle des Autismus.

Man muss allerdings sofort hinzufügen:

Moderne Autismusforschung betrachtet Autismus heute primär als neuroentwicklungsbedingte Variante des Gehirns — nicht als Folge von Autoerotismus oder psychischem Rückzug im freudianischen Sinn.

Die psychoanalytische Theorie ist hier historisch und symbolisch interessant, aber wissenschaftlich nicht hinreichend als biologische Erklärung.


I. Was bedeutet Autoerotismus bei Freud?

Freud führte den Begriff um 1905 in Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie ein.

„Autoerotisch“ bedeutet wörtlich:

auf sich selbst bezogene Lust.

Aber Freud meinte damit etwas Tieferes:

Das kleine Kind erlebt Lust zunächst:

ohne stabiles Ich,

ohne klare Außenwelt,

ohne reife Objektbeziehung.

Die Lust ist an einzelne Körperzonen gebunden:

Mund,

Haut,

Atmung,

Bewegung,

Rhythmus,

Berührung.


II. Der Säugling lebt zunächst nicht „psychologisch getrennt“

Freud ging davon aus:

Das Neugeborene erlebt die Welt noch nicht als:

„Ich hier“ und „die Mutter dort“.

Sondern eher als:

fließende Spannungszustände,

Bedürfnis,

Entladung,

Reiz,

Beruhigung.

Die Mutter wird nicht als eigenständige Person erlebt, sondern als Teil eines Gesamtzustands.


III. Beispiel: Das Saugen an der Brust

Für Freud ist Stillen nicht nur Nahrungsaufnahme.

Es enthält:

Wärme,

Hautkontakt,

Rhythmus,

Geruch,

Beruhigung,

Lust.

Später kann das Kind:

am Daumen saugen,

schaukeln,

summen,

sich selbst stimulieren.

Das nennt Freud autoerotisch:

Die Lust zirkuliert im eigenen Körper, ohne äußeres Liebesobjekt.


IV. Autoerotismus vor dem Ich

Das ist entscheidend.

Freud dachte:

Das Ich entsteht erst später.

Vorher existieren:

Teiltriebe,

Sinnesinseln,

fragmentierte Lustzustände.

Erst allmählich entsteht:

ein zusammenhängendes Selbstgefühl,

eine stabile Identität,

eine Objektbeziehung.

Darum ist Autoerotismus bei Freud:

eine Vorstufe der Persönlichkeit.


V. Übergang zum Narzissmus

Später entwickelt sich laut Freud der:

primäre Narzissmus

Nun erlebt das Kind sich selbst als Ganzheit.

Erst danach richtet sich die Libido stärker auf andere Menschen:

Mutter,

Vater,

Bezugspersonen.

Das nennt Freud:

Objektbeziehung

Die Entwicklung verläuft also ungefähr:

Autoerotismus

Narzissmus

Objektliebe


VI. Warum wurde das wichtig für Autismus-Theorien?

Hier kommt die historische Verbindung.

Der Begriff Autismus stammt von Eugen Bleuler.

Bleuler arbeitete unter starkem Einfluss psychoanalytischer Ideen.

Er beschrieb Autismus ursprünglich als:

Rückzug von der Außenwelt in die Innenwelt.

Das passte scheinbar zu Freuds Vorstellung:

Rückzug der Libido,

Dominanz innerer Reizwelten,

schwache Objektbeziehung.


VII. Die psychoanalytische Konstruktion des Autismus

Frühe Psychoanalytiker interpretierten autistische Symptome oft so:

Das Kind erlebt:

Außenwelt als überwältigend,

Beziehungen als bedrohlich,

Reize als chaotisch.

Daraufhin zieht sich die psychische Energie zurück.

Die Libido bleibt:

beim eigenen Körper,

bei Wiederholungen,

bei Selbststimulation,

bei inneren Mustern.

Das erinnerte Psychoanalytiker an den frühen Autoerotismus.


VIII. Warum repetitive Verhaltensweisen psychoanalytisch relevant wurden

Viele autistische Kinder zeigen:

Schaukeln,

Wiederholen,

rhythmische Bewegungen,

sensorische Selbststimulation.

Psychoanalytiker deuteten das als:

Selbstberuhigung,

autoerotische Regulation,

Schutz gegen Überflutung.

Die Wiederholung erzeugt:

Vorhersagbarkeit,

Kontrolle,

Reizordnung.


IX. Donald Winnicott und das „wahre Selbst“

Donald Winnicott entwickelte später subtilere Modelle.

Er sah schwere frühe Störungen nicht einfach als „Regression“, sondern als:

Schutzorganisation,

Rückzug des Selbst,

Vermeidung psychischen Zusammenbruchs.

Autistische Rückzugszustände erschienen nun weniger als „fehlende Liebe“, sondern als:

defensive Stabilisierung gegen ein als überwältigend erlebtes Außen.

Das war deutlich humaner als frühe Schuldtheorien.


X. Das Problematische der klassischen Theorien

Hier muss man historisch kritisch sein.

Einige Psychoanalytiker entwickelten später problematische Konzepte wie:

„kalte Mütter“,

fehlende Bindung,

emotionale Ablehnung.

Diese sogenannten „Refrigerator Mother“-Theorien gelten heute als widerlegt und haben vielen Familien geschadet.

Moderne Forschung zeigt klar:

Autismus ist keine Folge mangelnder mütterlicher Liebe.

Er entsteht nicht durch psychischen Rückzug allein.

Er ist stark neurobiologisch mitbedingt.


XI. Warum die Theorie trotzdem philosophisch interessant bleibt

Trotzdem bleibt Freuds Autoerotismus-Begriff wichtig, weil er ein fundamentales Problem beschreibt:

Wie entsteht überhaupt ein Selbst?

Freud fragt:

Wie wird aus Körperempfindung Identität?

Wie entsteht ein Ich?

Wie entwickelt sich Beziehung?

Wie organisiert sich Innen und Außen?

Diese Fragen bleiben bis heute relevant:

in Entwicklungspsychologie,

Säuglingsforschung,

Bindungstheorie,

Neurowissenschaft,

Phänomenologie.


XII. Moderne Sicht auf Autismus vs. Freud

Heute würde man eher sagen:

Autistische Menschen haben oft:

andere sensorische Verarbeitung,

andere soziale Wahrnehmung,

andere Reizfilter,

andere Kommunikationsmuster.

Die Psychoanalyse deutete diese Unterschiede symbolisch als:

Rückzug,

Narzissmus,

autoerotische Organisation.

Die moderne Forschung spricht eher von:

Neurodiversität,

atypischer Konnektivität,

sensorischer Verarbeitung,

Predictive Processing,

Entwicklungsneurologie.


XIII. Der eigentliche Kern des Autoerotismus

Der tiefste Gedanke Freuds lautet vielleicht:

Das menschliche Bewusstsein beginnt nicht mit rationalem Denken, sondern mit körpernahen Lust- und Spannungszuständen.

Der Mensch entsteht psychisch zuerst:

aus Rhythmus,

Berührung,

Reiz,

Wiederholung,

Affekt,

Körpergefühl.

Autoerotismus bezeichnet genau diesen vorsprachlichen Urzustand:

Eine Welt,

in der Selbst und Außenwelt noch nicht vollständig getrennt sind.

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