Heilige Krankheit
- Martin Döhring

- 1. Juni
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Der Arzt Hippokrates wandte sich gegen eine der ältesten Vorstellungen der Menschheitsgeschichte: die Annahme, die Epilepsie sei eine „heilige Krankheit“. Für ihn war das Leiden weder göttlichen noch dämonischen Ursprungs, sondern ein natürlicher Vorgang des Körpers. Damit begann eine Bewegung der Entzauberung. Wo zuvor Götter handelten, sollten fortan Ursachen gesucht werden.
Doch vielleicht verschwand mit der Entzauberung nicht nur der Aberglaube, sondern auch eine bestimmte Form kultureller Verarbeitung menschlicher Konflikte.
Die antike Tragödie war mehr als Unterhaltung. In den Dionysien begegnete sich die Polis selbst. Die großen Stoffe von Schuld, Verhängnis, Rache, Inzest, Wahnsinn und Tod wurden öffentlich dargestellt. Der Chor sprach aus, was einzelne Menschen nicht auszusprechen vermochten. Die Bühne wurde zum Ort kollektiver Selbstbeobachtung. Was im Individuum als Angst, Schuld oder Konflikt wirkte, erschien vor aller Augen als Schicksal eines Helden.
Mit dem Niedergang der Tragödie verschwand möglicherweise eine Form gesellschaftlicher Katharsis. Das kulturelle Instrument zur Darstellung unlösbarer Konflikte ging verloren. Es entstand ein Vakuum.
In dieser Perspektive könnte das Christentum als eine neue Form von Tragödie verstanden werden. Die Passion Christi erscheint dann als eine Art „hebräische Oper“, welche die psychologische Funktion der griechischen Tragödie übernimmt. Festnahme, Verurteilung, Folter und Kreuzigung bilden die Stationen eines Leidensdramas, das jährlich wiederholt wird. Wie einst die Orestie erzählt auch die Passion von Schuld, Gericht, Opfer und Erlösung.
Die entscheidende Verschiebung besteht darin, dass die Tragödie nun nicht mehr viele Helden besitzt, sondern einen einzigen. Christus wird zur universellen Projektionsfigur. Was zuvor in den Familiengeschichten der Atriden oder Labdakiden erschien, konzentriert sich nun in einer Person.
Unter psychoanalytischer Betrachtung ließe sich die Passion als Externalisierung eines inneren Konfliktes deuten. Die Bühne zeigt nicht nur einen Menschen, sondern einen psychischen Apparat. Der leidende Christus verkörpert das verletzliche Ich. Die anklagenden Stimmen der Menge erinnern an ein übermächtiges Über-Ich. Die verschiedenen Instanzen der Verurteilung – Hohepriester, Volk, Statthalter – erscheinen wie abgespaltene psychische Kräfte, die über das Individuum zu Gericht sitzen.
Was die griechische Tragödie noch als Chor auf die Bühne stellte, erscheint nun als innere Stimme. Der Chor wird verinnerlicht.
In einer radikal psychologischen Interpretation könnte sogar die Psychose als Tragödie des Bewusstseins verstanden werden. Die kommentierenden Stimmen des Wahns, die Anklagen und Beschimpfungen, wirken wie ein Chor, der sich gegen den Helden richtet. Das Ich wird von inneren Mächten verfolgt, die es nicht mehr kontrollieren kann. Die Bühne ist nicht länger das Theater, sondern das Bewusstsein selbst.
Die Kreuzigung würde in diesem Bild den Endpunkt eines unlösbaren Konfliktes darstellen. Nicht die physische Vernichtung allein, sondern den Zusammenbruch der vermittelnden Instanz zwischen widerstreitenden Kräften. Der Held geht an einem Gegensatz zugrunde, den er nicht aufheben kann.
Aus dieser Sicht erhält auch die hippokratische Formel von der „heiligen Krankheit“ eine neue Bedeutung. Nicht weil psychische Erkrankungen tatsächlich göttlichen Ursprungs wären, sondern weil Kulturen seit Jahrtausenden versuchen, innere Konflikte in religiösen Bildern auszudrücken. Was Hippokrates biologisch erklärte, wurde gleichzeitig symbolisch weiter erzählt.
Die Religion erscheint dann nicht als Offenbarung, sondern als kulturelle Technik. Ihre Mythen wären kollektive Träume, ihre Rituale öffentliche Psychodramen, ihre Heiligen Gestalten, auf die Gesellschaften ihre tiefsten Ängste, Hoffnungen und Widersprüche projizieren.
Ob diese Deutung historisch zutrifft, ist eine andere Frage. Als kulturpsychologische Spekulation eröffnet sie jedoch einen bemerkenswerten Gedanken: Vielleicht erzählen Tragödie, Passion und Psychose letztlich von demselben Problem – dem Versuch des Menschen, mit Konflikten zu leben, die größer sind als sein Bewusstsein.




Den Namen der „heiligen Krankheit“ , also „Epilepsie“, kann man ins Deutsche übertragen etwa mit „hohe Lähmung“. In der Ausprägung zeigen sich Krämpfe, die die Betroffenen nicht kontrollieren können. Viele fallen deshalb auch hin und liegen dann am Boden und krampfen. Die moderne Neurologie konnte etliche unterschiedliche Ursachen für Epilepsie identifizieren. Dazu gibt es mehrere Medikamente, die Akutsymptomatik zu beenden oder auch Pharmazien, die präventiv wirken, also als Anfallsprophylaxe. Daneben könnte man erwähnen, auch eine Hysterie kann einige der Symptome oder das Syndrom als solches, täuschend echt nachahmen. Allerdings darf man vermuten, die Betroffenen müssen zuvor wissen, wie eine solche Lähmung aussieht. Dies erinnert auch ein wenig an die „Kriegszitterer“ aus dem ersten Weltkrieg, über die es noch Filmaufzeichnungen gibt.
Die "Kondition" einer Hysterie bei Freud ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamisches Zusammenspiel verschiedener Faktoren, das sich über die Jahrzehnte seines Schaffens signifikant gewandelt hat. Um die Ätiologie nach Freud zu verstehen, muss man die Entwicklung vom traumatischen Ereignis hin zur Bedeutung der psychischen Realität nachvollziehen.
Für eine fundierte klinische Betrachtung lassen sich die Bedingungen der Hysterogenese in vier zentrale Säulen gliedern:
1. Die Ätiologische Wende: Vom Trauma zur psychischen Realität
Dies ist der wichtigste Punkt für das Verständnis der freudschen Theorie:
Frühe Theorie (Verführungstheorie): In seiner Anfangsphase (bis ca. 1897) postuliert Freud, die Hysterie basiere auf einem tatsächlichen traumatischen Ereignis (meistens sexuellem Missbrauch in der Kindheit), das verdrängt wurde.
Reife Theorie: Freud erkannte später, dass die "hysterische Wahrheit" nicht in…