Hahnenkampf
- Martin Döhring

- vor 2 Tagen
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Ich war selbst auf der Insel Bali Gast beim Hahnenkampf. Die Männer bilden einen Kreis eine Arena irgendwo im Hof. Dann kommen zwei Hähne in die Mitte, die Männer haben alle Geldscheine in der Hand und wetten auf den Sieg eines Gockels.
Aus einer freudianischen Perspektive wäre ein balinesischer Hahnenkampf weniger ein „Sportereignis“ als eine soziale Bühne für verdrängte Triebkonflikte. Dabei geht es nicht primär um die Tiere selbst, sondern um das, was die Männer psychisch in die Tiere hineinverlagern.
1. Der Hahn als Stellvertreter des männlichen Ichs
Freud hätte vermutlich gefragt:
Warum identifizieren sich die Männer so stark mit ihrem Hahn?
Der Hahn kann als Symbol für männliche Potenz, Aggressivität, Stolz und soziale Stellung verstanden werden.
Der Besitzer erlebt den Kampf nicht bloß als Kampf eines Tieres, sondern unbewusst als:
seinen eigenen Kampf,
seine eigene Ehre,
seine eigene Männlichkeit.
Der Hahn wird zum narzisstischen Doppelgänger seines Besitzers.
Wenn der Hahn siegt, siegt symbolisch sein Herr.Wenn der Hahn verliert, wird die Niederlage psychisch mitgeteilt.
2. Sublimierte Aggression
Freud ging davon aus, dass Menschen erhebliche aggressive Impulse besitzen.
In einer Dorfgemeinschaft können diese Impulse nicht ständig direkt ausgelebt werden.
Der Hahnenkampf bietet deshalb einen Umweg:
Die Männer bekämpfen sich nicht selbst.
Stattdessen kämpfen ihre Stellvertreter.
Man könnte sagen:
Die Hähne führen den Krieg, den die Menschen nicht führen dürfen.
Die Aggression wird symbolisiert und ritualisiert.
3. Die Wettgemeinschaft als männlicher Bund
Bemerkenswert ist Ihre Beobachtung der Männer mit Geldbündeln, die einen Kreis bilden.
Psychoanalytisch könnte dieser Kreis als eine Art männlicher Initiationsraum verstanden werden.
Innerhalb dieses Raumes gelten andere Regeln:
Mut wird demonstriert.
Risiko wird gesucht.
Status wird ausgehandelt.
Rangordnungen werden bestätigt.
Die Wette erhöht dabei die emotionale Besetzung des Kampfes.
Es steht nicht nur der Hahn auf dem Spiel, sondern auch:
Prestige,
Selbstwert,
soziale Anerkennung.
4. Eros und Thanatos
In Freuds später Theorie stehen zwei Grundkräfte gegenüber:
Eros (Bindung, Leben, Gemeinschaft)
Thanatos (Aggression, Zerstörung)
Der Hahnenkampf vereint beide zugleich.
Eros:
Das Dorf versammelt sich.
Gemeinschaft entsteht.
Rituale werden gepflegt.
Thanatos:
Zwei Tiere werden auf Konfrontation ausgerichtet.
Verletzung und Tod sind möglich.
Die Zuschauer erleben Spannung und Gewalt.
Gerade die Verbindung beider Pole macht die starke Faszination aus.
5. Das Opfermotiv
Freud interessierte sich auch für archaische Opferhandlungen.
In vielen traditionellen Kulturen erscheint das Tier als Träger kollektiver Spannungen.
Die Aggressionen der Gemeinschaft konzentrieren sich auf einen symbolischen Schauplatz.
Dadurch entsteht vorübergehend Entlastung.
Der Kampf wird zu einer Art dramatischer Verdichtung sozialer Energien.
6. Freuds mögliche Gesamtsicht
Eine freudianische Deutung könnte lauten:
Der Hahnenkampf ist ein ritualisiertes Theater verdrängter männlicher Konkurrenz, in dem Aggression, Rivalität, narzisstische Selbstbehauptung und Todestrieb auf symbolische Stellvertreter übertragen werden. Die Wette verstärkt die emotionale Identifikation, während das Ritual verhindert, dass die Konflikte unmittelbar zwischen den Männern ausgetragen werden.
Interessanterweise geht der Anthropologe Clifford Geertz in seiner berühmten Studie über den balinesischen Hahnenkampf in eine ähnliche Richtung, allerdings nicht psychoanalytisch. Für ihn ist der Hahnenkampf eine „tiefe Inszenierung“ sozialer Bedeutungen: Die Männer wetten letztlich auf ihr Ansehen, ihre Zugehörigkeiten und ihre Identität. Der Kampf der Hähne ist zugleich ein symbolischer Kampf der sozialen Ordnung.


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