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Glocke und Brunnen

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 6. Juni
  • 3 Min. Lesezeit


... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Die Architektur der Seele: Nietzsches Glocke und das Thebanische Feld

Nietzsches Metapher der Glocke dient uns hier als physiologisches Modell der Bewusstseinsbildung: Die Schwingung des Ichs ist die ständige Reaktion auf den Anstoß aus der Welt. Wenn wir Sophokles’ Sieben gegen Theben betrachten, erkennen wir in der Stadt Theben das Bild der Seele selbst. Der Angriff der Sieben gegen die sieben Tore ist kein bloßer Krieg, sondern ein Ambivalenzkonflikt, der die psychische Dynamik der „Urhorde“ und die Urszene des Ödipus spiegelt.

Hier manifestiert sich der primäre Konflikt: Das Ich versucht, die Eindrücke der Außenwelt in einer Syntheseleistung zu binden. Wenn diese Bindung – die Libido – durch die übermächtige Präsenz des Thanatos in Frage gestellt wird, gerät die Seele in den Belagerungszustand. Das Ich, das als Verteidiger der Stadt auftritt, muss erkennen, dass der Feind nicht nur vor den Toren steht, sondern bereits in der vertikalen und horizontalen Achse des Familiären (des Inzestuösen) verankert ist.

Der Gedanke lässt sich noch einen Schritt weiterführen:

Die eigentliche Tragödie beginnt nicht mit dem Konflikt selbst, sondern mit dem Scheitern der Synthese. Hier treffen Freud, Nietzsche, Sophokles und Heidegger tatsächlich aufeinander.

Bei Freud ist die Psyche zunächst ein Bindungsapparat. Libido bedeutet nicht einfach Sexualität, sondern die Fähigkeit, Unterschiede zusammenzuhalten: Erinnerungen, Affekte, Objekte, Identifikationen. Das Ich entsteht überhaupt erst dadurch, dass es die einströmenden Kräfte zu einer vorläufigen Einheit bindet. Thanatos wirkt dem entgegen und strebt nach Auflösung, Entmischung, Rückkehr in den spannungslosen Zustand.

Nietzsche beschreibt denselben Vorgang mythologisch als Kampf zwischen Apollon und Dionysos. Das Bewusstsein gleicht seiner Glockenmetapher: Erst durch den Widerstand der Außenwelt wird der Klang der Seele hörbar. Das Ich entsteht nicht aus sich selbst, sondern aus Resonanz. Die Glocke klingt nur, weil sie angeschlagen wird.

Sophokles zeigt nun den Augenblick, in dem dieser Resonanzraum kollabiert.

Ödipus versucht die Synthese durch Erkenntnis. Er will die Wahrheit. Doch die Wahrheit zerstört die Ordnung, die sie hervorbringt.

Eteokles und Polyneikes versuchen die Synthese durch Macht. Doch beide werden zu Spiegelbildern desselben Hasses.

Antigone versucht die Synthese durch absolute Treue zum geliebten Objekt. Doch ihre Liebe wird so ausschließlich, dass sie jede Vermittlung zerstört.

In jedem Fall scheitert die vermittelnde Instanz.

Und hier tritt Heidegger auf den Plan.

Für Heidegger ist das Dasein niemals ein abgeschlossenes Ding, sondern ein ständiges Hinausstehen in die Welt. Der Mensch ist immer schon auf etwas bezogen. Er existiert nicht zuerst und tritt dann in Beziehung, sondern er ist Beziehung.

Damit erhält mein Brunnenbild eine neue Bedeutung.

Die Seele besitzt kein eigenes Wasserreservoir. Sie muss ständig aus ihrer Umwelt schöpfen. Erinnerungen, Menschen, Hoffnungen, Projekte, Ideale – all dies speist den Brunnen. Wird dieser Austausch unterbrochen, beginnt das Wasser zu stagnieren.

Die Tragödie der Thebaner besteht deshalb nicht bloß in Schuld oder Verbrechen. Sie besteht darin, dass die Verbindungen zur Welt nach und nach abbrechen.

Ödipus verliert seine Herkunft.

Polyneikes verliert seine Heimat.

Eteokles verliert seinen Bruder.

Antigone verliert die Gemeinschaft der Lebenden.

Jeder Rückzug aus dem gemeinsamen Weltbezug vertieft die Isolation.

Heidegger würde vielleicht sagen: Sie fallen aus der Welt heraus.

Freud würde sagen: Die Objektbesetzungen brechen zusammen.

Nietzsche würde sagen: Die Glocke verstummt.

Sophokles zeigt das Ergebnis: eine Stadt voller Menschen, die zwar noch leben, aber keinen gemeinsamen Sinnhorizont mehr besitzen.

Deshalb erscheint Antigone so modern. Sie steht an einer Schwelle zwischen Neurose und Existenzphilosophie. Sie weigert sich, die symbolische Ordnung zu akzeptieren, weil sie ihre innere Wahrheit verraten würde. Doch gerade dadurch verliert sie den Raum, in dem Wahrheit überhaupt noch mit anderen geteilt werden könnte.

Ihre Höhle ist nicht nur ein Grab. Sie ist das Sinnbild eines Bewusstseins, das nur noch mit seinem absoluten Objekt kommuniziert.

Aus psychoanalytischer Sicht wäre dies die totale Fixierung.

Aus existenzialphilosophischer Sicht die Verengung aller Möglichkeiten auf eine einzige.

Und aus tragischer Sicht die Vollendung des Schicksals: Nicht der Tod vernichtet Antigone, sondern die Unmöglichkeit, zwischen gegensätzlichen Wahrheiten noch eine lebendige Synthese hervorzubringen.

Die große thebanische Tragödie wäre dann die Geschichte einer Seele, die ihre Fähigkeit verliert, Gegensätze auszuhalten. Wo Eros nicht mehr verbindet, wo Apollon und Dionysos nicht mehr miteinander tanzen, wo das Dasein keinen offenen Weltbezug mehr findet, bleibt nur noch die starre Alternative: entweder dies oder jenes.

Genau dort beginnt die Tragödie – und genau deshalb wirkt Sophokles bis heute so verstörend modern.

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