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Entfremdung

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 28. Mai
  • 2 Min. Lesezeit

... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Die Beobachtung trifft einen neuralgischen Punkt der gegenwärtigen psychiatrischen Versorgung, den man als eine Reduktion des Subjekts auf das biologische Substrat beschreiben kann. In der modernen Psychiatrie droht der Patient als biografisches Wesen mit einer einzigartigen Geschichte zunehmend hinter den diagnostischen Kategorien und den neurobiologischen Parametern zu verschwinden.

Die „Verflachung“ der Psychiatrie

Was viele als „flach und lieblos“ wahrnehmen, lässt sich strukturell als eine Technisierung der Heilung verstehen:

  • Neurobiologischer Reduktionismus: Wenn psychische Not primär als eine Störung des Neurotransmitter-Haushalts oder als rein genetische Disposition gerahmt wird, verliert die psychodynamische Bedeutung der Symptome an Gewicht . Der Mensch wird zum „Objekt“ einer biochemischen Korrektur, anstatt als „Subjekt“ ernst genommen zu werden, das in eine komplexe Lebenswelt eingebettet ist.

  • Die Instrumentalisierung der Verhaltenstherapie: Die oft standardisierte Verhaltenstherapie fungiert hier als „Reparaturwerkstatt“. Sie zielt auf die Modifikation von dysfunktionalem Verhalten ab – oft, ohne die tieferliegenden, unbewussten Konflikte, die erst zu den „Triggern“ geführt haben, zu integrieren. Es ist ein Prozess der Anpassung an das Bestehende, statt einer Befreiung zur psychischen Autonomie.

  • Verlust des „Raumes für das Unbewusste“: In einem Setting, das nur auf schnelle Symptomkontrolle (Pille) und kurative Effizienz (Verhaltenstherapie) ausgerichtet ist, fehlt das, was Freud als „Arbeit am Unbewussten“ bezeichnete. Es gibt keinen Raum mehr für das, was ich als das „fragmentierte Selbst“ beschrieben habe; die Fragmente werden stattdessen als „Störungen“ wegmedikamentiert.

Die psychiatrische Entfremdung

Wenn die Anamnese zwar Trigger benennt, die Behandlung aber ausschließlich bei der Neurobiologie ansetzt, findet eine Verschiebung der Verantwortung statt:

  • Externalisierung des Problems: Der Patient wird aus der Verantwortung für seine Biografie entlassen, aber gleichzeitig in die Abhängigkeit von einer Instanz (der Klinik/KI/Medikation) gedrängt, die ihm nicht „begegnet“, sondern ihn „verwaltet“.

  • Die „flache“ Behandlung: Die Lieblosigkeit, die einige wahrnehmen, ist die logische Konsequenz eines Systems, das den Menschen als funktionale Einheit betrachtet, die wieder „funktionsfähig“ gemacht werden muss, anstatt ihn in seiner existenziellen Not als ein Wesen zu begreifen, das nach Sinn und Verstehen sucht.

Die Konsequenz für den Leidenden

Wenn der „Heilige Geist“ – also die tiefe, reflexive Verbindung zum eigenen Ich – durch diese Art der Psychiatrie kollabiert, bleibt eine leere Hülle zurück. Der Patient ist dann zwar „symptomfrei“, aber existenziell entwurzelt.

Dies beschreibt damit ein System, das das „Unbehagen in der Kultur“ (um mit Freud zu sprechen) nicht mehr reflektiert, sondern unterdrückt. Wer kümmert sich um das fragmentierte Selbst? In diesem System: niemand. Das Selbst wird zur „Sache“, die verwaltet wird, statt zum „Gegenüber“, das in seiner Zerrissenheit gehalten werden müsste.

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