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Entzauberung: Sigmund Freud über Religion als Neurose sowie die Gottesillusion

  • Autorenbild: Martin Döhring
    Martin Döhring
  • 27. Dez. 2021
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Mai


... copyright by martin wilhelm döhring ...
... copyright by martin wilhelm döhring ...

Sigmund Freuds religionskritische Schriften, allen voran Die Zukunft einer Illusion (1927) und Das Unbehagen in der Kultur (1930), markieren einen Wendepunkt in der Moderne: Die Religion wird hier nicht mehr als transzendente Wahrheit, sondern als ein psychisches Konstrukt entlarvt, das tief in der individuellen Entwicklungsgeschichte und dem kollektiven Überlebenskampf der Menschheit verwurzelt ist.

Die Gottesillusion als infantil-regressives Schutzbedürfnis

Freud begreift den Gottesglauben als ein psychologisches Bedürfnis, das seine Wurzeln in der hilflosen Lage des Kindes hat. Der Mensch erlebt sich von Geburt an einer überwältigenden, oft bedrohlichen Natur und den sozialen Anforderungen der Kultur gegenüber. Diese Situation spiegelt die infantile Erfahrung wider, in der das Kind – schutzlos und abhängig – auf den Vater blickt, der als allmächtige Instanz Schrecken bannt und Sicherheit gewährt.

Die Religion ist für Freud die Projektion dieses Vaterbildes in den Kosmos. Der Mensch erschafft sich einen „himmlischen Vater“, um die eigene Ohnmacht vor dem Schicksal, dem Leiden und dem unausweichlichen Tod zu lindern. Gott fungiert hierbei als eine Wunscherfüllung: Die Ordnung der Welt wird durch den Glauben als moralisch sinnvoll und schützend umgedeutet. Es ist eine „Kindheitsneurose“, die der Mensch überwinden muss, um zu einer reifen, vernunftgeleiteten Lebensführung zu gelangen. Das Festhalten an dieser Illusion hindert den Menschen daran, die Realität der menschlichen Endlichkeit anzuerkennen und Verantwortung für das eigene Schicksal zu übernehmen.

Religion als kollektive Zwangsneurose

Wo die Gottesillusion das Bedürfnis nach Schutz adressiert, beschreibt Freud in Zwangshandlungen und Religionsübungen (1907) die strukturellen Parallelen zwischen religiösem Ritus und zwangsneurotischem Verhalten.

  • Der Ritus als Schutzwall: Wie der Zwangsneurotiker durch akribisch wiederholte Handlungen innere Ängste bändigt und verbotene Impulse kanalisiert, dient der religiöse Ritus dazu, die Angst vor dem Göttlichen oder den eigenen verdrängten Trieben zu beherrschen.

  • Die Neurotisierung des Sozialen: Während die individuelle Zwangsneurose eine isolierte Störung bleibt, stuft Freud die Religion als eine „kollektive Zwangsneurose“ ein. Sie ist ein gesamtgesellschaftlicher Mechanismus, der das Individuum entlastet, indem er ihm die Last der autonomen Entscheidung abnimmt. Die religiösen Gebote fungieren als äußeres Über-Ich, das den Triebverzicht erzwingt und kollektive Schuldgefühle – die Freud in Totem und Tabu auf die Ur-Tat des Vatermordes zurückführt – durch Sühnerituale moderiert.

Fazit: Vom „Über-Ich“ zur Vernunft

Freuds Religionskritik ist im Kern ein Plädoyer für die Entzauberung der Welt. Indem er die Religion als psychisches Symptom demaskiert, fordert er den Menschen auf, sich aus der infantil-neurotischen Abhängigkeit zu lösen. Die Aufgabe der Aufklärung besteht für ihn darin, an die Stelle des „Gottesvaters“ das „Über-Ich“ durch eine kritische Vernunft zu ersetzen.

Für Freud ist die Religion ein provisorisches „Opium für das Volk“, das zwar kurzfristig vor dem Zusammenbruch bewahrt, aber den Preis der geistigen Unmündigkeit fordert. Der „reife“ Mensch im Sinne Freuds ist derjenige, der den Trost der Illusion zugunsten der schmerzhaften, aber ehrlichen Akzeptanz der Realität und der eigenen Sterblichkeit aufgibt – eine Herausforderung, die er als den schweren, aber notwendigen Gang in die „Erziehung zur Realität“ bezeichnet.

8 Kommentare


Martin Döhring
Martin Döhring
10. Juni

… klassische kritische Frage zur biblischen Überlieferung:. Die Erzählung vom Sinai (Exodus 19–20 und 34), in der Mose mit den Zehn Geboten vom Berg herunterkommt und sie als direkte göttliche Offenbarung präsentiert, wirkt aus moderner, säkularer oder psychoanalytischer Sicht tatsächlich wie eine machtvolle autoritäre Strategie. Hier eine psychoanalytische Betrachtung – vor allem in der Tradition Freuds, aber auch mit späteren Einsichten.

1. Die klassische Freud’sche Lesart: Die Lüge als zivilisatorische Notwendigkeit

Freud selbst hat in Werken wie Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1939) die Mose-Geschichte tiefenpsychologisch gedeutet. Er sah darin nicht einfach eine naive „Gott-Lüge“, sondern eine kollektiv-psychologische Konstruktion:

  • Vatermord und Schuld: Freud rekonstruiert (stark spekulative) eine Urhorde-Theorie. Der charismatische Führer Mose (den er teilweise als ägyptischen Prinzen sieht) tötet…


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Martin Döhring
Martin Döhring
30. Mai

Freud selbst hat den Begriff „Gottkomplex“ nicht geprägt oder zentral verwendet. Der Ausdruck „God complex“ stammt vom britischen Psychoanalytiker Ernest Jones (einem engen Freud-Mitarbeiter), der damit eine pathologische Selbstüberschätzung meinte, bei der jemand sich für gottgleich, unfehlbar oder allmächtig hält.

In deutschsprachigen Diskussionen über Freud wird „Gottkomplex“ jedoch häufig als Bezeichnung für Freuds eigene Religionskritik verwendet – also nicht als Komplex des Menschen, der sich für Gott hält, sondern als Erklärung, warum Menschen an Gott glauben.

Was Freud tatsächlich meinte

Freud sah den Glauben an Gott als Projektion des Vaterkomplexes (Vaterkomplex). Die zentrale Idee:

  • Der persönliche Gott ist psychologisch nichts anderes als ein erhöhter Vater („an exalted father“).

  • Der Mensch bleibt zeitlebens infantil und hilfsbedürftig. Angesichts der Hilflosigkeit gegenüber Natur, Schicksal und Tod sehnt er sich…

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Martin Döhring
Martin Döhring
03. Mai

Sokrates, Freud und Nietzsche bieten sehr unterschiedliche Perspektiven auf die Psychodynamik von Religion – also die unbewussten psychologischen Mechanismen, Triebe, Ängste und Wünsche, die Religion erzeugen, aufrechterhalten und formen. Besonders beim Christentum zeigen sich klare Kontraste.529

Sokrates (ca. 469–399 v. Chr.)

Sokrates hat keine systematische „Psychodynamik“ der Religion entwickelt, da die moderne Psychologie noch nicht existierte. Seine Haltung ist jedoch durch Platons Dialoge gut überliefert und hat indirekt psychologische Implikationen.

  • Rational-kritische Frömmigkeit: Sokrates kritisiert die anthropomorphen, moralisch fragwürdigen Götter der griechischen Mythologie (z. B. in der Euthyphron-Debatte über Frömmigkeit). Er fordert, dass religiöse Vorstellungen der Vernunft und Moral standhalten müssen. Götter sind für ihn idealerweise weise, gut und gerecht.18

  • Persönliches göttliches Element: Er folgt seinem Daimonion (einer inneren göttlichen Stimme), die…

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Martin Döhring
Martin Döhring
07. Apr.

Friedrich Nietzsche: der Aphorismus 125 aus Die fröhliche Wissenschaft (1882), betitelt „Der tolle Mensch“.

Der „tolle Mensch“ (ein Wahnsinniger, der prophetisch spricht) läuft am helllichten Vormittag mit einer Laterne über den Markt und schreit: „Ich suche Gott! Ich suche Gott!“ Die Leute – allesamt schon Ungläubige – lachen ihn aus. Sie spotten: Ist er verloren gegangen? Hat er sich versteckt? Ist er ausgewandert?

Da springt der Tolle mitten unter sie und durchbohrt sie mit seinem Blick. Und dann kommt die berühmte Stelle:

„Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder!

Und weiter:

„Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller…

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Martin Döhring
Martin Döhring
11. Aug. 2024

Es war eine neblige Herbstnacht, als Dr. Falkenstein, ein renommierter Archäologe und Forscher, auf eine alte Karte stieß, die ihn zu einem geheimnisvollen Ort führen sollte. Die Karte, die in einem verstaubten Buch in einer vergessenen Bibliothek gefunden wurde, versprach die Entdeckung eines Ortes, der seit Jahrhunderten in Vergessenheit geraten war.


Nach wochenlangen Reisen durch dichte Wälder und über steile Berge erreichte Dr. Falkenstein schließlich eine versteckte Höhle. Am Eingang der Höhle prangte ein uraltes Symbol, das an eine verschlungene Spirale erinnerte. Mit klopfendem Herzen trat er ein und fand sich in einem riesigen unterirdischen Tempel wieder.

Der Tempel war atemberaubend. Goldene Statuen und kunstvolle Fresken schmückten die Wände, die Geschichten von Menschen erzählten, die eine mysteriöse, allwissende Entität verehrten.…



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